Helmut Engel, Stefi Jersch-Wenzel, Wilhelm Treue (Hrsg.): Geschichtslandschaft Berlin - Orte und Ereignisse, Band 1: Charlottenburg, Teil 1. Die Historische Stadt, Nicolai, Berlin, 1986


[S. VII]

 

Inhalt

 

Vorwort

V

Gabriele Silbereisen: Charlottenburg - Die historische Stadt

XI

I. Am Rande der Jungfernheide

 

Harald Reissig: Das Hinckeldey-Gedenkkreuz, Kurt-Schumacher-Damm (Volkspark Jungfernheide)

5

Andreas Hoffmann: Schering-Werk Charlottenburg, Tegeler Weg 28-33

16

II. Am Spandauer Berg

 

Andreas Hoffmann: Die Berliner Pferde-Eisenbahn und ihr Betriebshof, Spandauer Damm 68-76

33

Marie-Luise Kreuter: Napoleonsburg

45

Gabriele Silbereisen: Das Städtische Krankenhaus Westend, Das Klinikum Charlottenburg der Freien Universität Berlin, Spandauer Damm 130

55

Michael Steinbrecher: Die Wohnung von Andreas Hermes, Platanenallee 11

81

III. Im Schloßbezirk

 

Harald Reissig: Schloß Charlottenburg

91

Das Flora-Gelände, Zwischen Charlottenburger Ufer und Otto-Suhr-Allee

113


[S. VIII]

 

Gabriele Silbereisen: Die Praxis von Magnus Hirschfeld, Otto-Suhr-Allee 127

129

Andreas Hoffmann: Die Luisenkirche, Gierkeplatz

142

Marie-Luise Kreuter: Der rote Kiez, "Kleiner Wedding" und Zillestraße

158

Marie-Luise Kreuter: "Aron Elektricitätszähler-Fabrik G.m.b.H" Heliowatt Werke Elektrizitätsgesellschaft m.b.H" Wilmersdorfer Straße 3

178

Marie-Luise Kreuter: Freihäuser der Kammertürken Aly und Hassan, Schloßstraße 4 und 6

200

IV. Vom Hohenzollernkanal zur Spree oder Von Plötzensee zum Landwehrkanal

 

Marie-Luise Kreuter: Gefängnis und Gedenkstätte Plötzensee, Friedrich-Olbricht-Damm 16

215

Berthold Grzywatz: Glühlampenwerk von Siemens & Halske, Helmholtzstraße 2-9

232

Andreas Hoffmann: Kraftwerk Charlottenburg, Am Spreebord 5-8

270

V. Zwischen Rathaus und Knie

 

Berthold Grzywatz: Rathaus Charlottenburg, Otto-Suhr-Allee 100-102, (früher Berliner Straße 71-73)

289

Marie-Luise Kreuter: "Türkisches Zelt'', Otto-Suhr-Allee 50-54

319


[S. IX]

 

Harald Reissig: Die Cauersche Erziehungsanstalt, Cauerstraße 36

330

Andreas Hoffmann: Physikalisch-Technische Reichsanstalt, Abbéstraße 2

345

Andreas Hoffmann: Siemens Werk Charlottenburg, Salzufer 11-14 / Franklinstraße 27-29

358

Andreas Hoffmann: Villa Siemens, Otto-Suhr-Allee 10-16

372

Berthold Grzywatz: Tribüne, Otto-Suhr-Allee 16-18 (früher Berliner Straße 37/38)

384

Berthold Grzywatz: Schiller-Theater, Bismarckstraße 110/Schillerstraße 8-9

408

Barbara Sasse: Deutsche Oper, Bismarckstr. 34-37

443

Marie-Luise Kreuter: Der 2. Juni 1967, Bismarckstraße, Krumme Straße

459

Andreas Hoffmann: Stadtbad Charlottenburg, Krumme Straße 7-10

474

VI. Vom Tiergarten zum Steinplatz

 

Harald Reissig: Staatliche Porzellanmanufaktur Berlin (KPM), Wegelystraße 1

497

Andreas Hoffmann: Das Gelände der Technischen Universität

523


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Marie-Luise Kreuter: Königlich Akademische Hochschule für die bildenden Künste und Nachfolgeinstitutionen, Hardenbergstraße 33

554

Harald Reissig: Die Hochschule für Musik, Fasanenstraße 1

586

Namenregister

604

Ortsregister

619

Sachregister

625

Bildnachweis

633


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Vorwort

 

Im November 1985 konnte der erste Band der "Geschichtslandschaft Berlin - Charlottenburg. Der Neue Westen" der Öffentlichkeit vorgestellt werden; in einem Abstand von etwa drei Vierteljahren folgt jetzt der zweite Band "Charlottenburg. Die historische Stadt". Damit liegt eine inventarisierte Bearbeitung der historisch oder kulturell bedeutsamen Stätten des Bezirks geschlossen vor. Sieht man auf das Ganze der Geschichtslandschaft des Bezirks, muß indessen eingestanden werden, daß weitere Stätten, deren Aufnahme angeraten scheint, notgedrungen ausgespart bleiben mußten. Zum Beispiel wurden nicht aufgenommen das Atelier von Albert Speer in Westend oder das Haus Fasanenstraße 7/8, in dem der Magistrat der Stadt nach der Spaltung 1948-1949 zunächst Unterkunft fand, bevor er das Rathaus Schöneberg beziehen konnte. Die Gründe hierfür lagen einfach in dem begrenzten Umfang der Publikation, was die Anzahl und Darstellung der Stätten reduzierte. Wohnstätten und Kirchhöfe konnten so von vornherein nicht berücksichtigt werden. Es muß Wunsch für die Zukunft bleiben, hier Abhilfe zu schaffen. Die Herausgeber möchten keinesfalls dem Eindruck Vorschub leisten, daß mit der Veröffentlichung dieser beiden Charlottenburger Bände eine vollständige und systematische Erfassung vorläge. In dieser Hinsicht trägt das Vorhaben weiterhin die Merkmale eines Pionierprojekts, dem in den deutschsprachigen Ländern bislang kaum Parallelen zur Seite zu stellen sind. Doch dürfte es zu diesem Zeitpunkt kaum ein Zufall sein, daß gleichzeitig, herausgegeben durch das Institut für Denkmalpflege der DDR, ein schmaler Führer zu den historischen Stätten von Berlin (Ost) erschienen ist. Die Herausgeber sehen in diesem Vorgang eine begrüßenswerte Gleichzeitigkeit in der Erfassung und Darstellung der nicht teilbaren Geschichtslandschaft unserer Stadt.

Der erste Teilband, "Der Neue Westen", hat in der Öffentlichkeit eine unerwartet positive Resonanz gefunden, die zeigt, wie aufgeschlossen die Bevölkerung der Geschichte ihrer Stadt gegenübertritt. Die Herausgeber begleiten dieses Interesse mit dem Wunsch, daß es sich auch in eine Respektierung und Pflege dieser Stätten umsetzen möge. Zu oft mußte bei der Bearbeitung festgestellt werden, daß vorausgegangene Jahrzehnte mit diesem Erbe nicht eben pfleglich umgegangen sind.

Die Fortsetzung der "Geschichtslandschaft" über das Jubiläumsjahr 1987 ist gegenwärtig noch ungewiß, ihre Finanzierung bleibt offen und damit das Erscheinen weiterer Bände. Es ist geplant, noch bis 1987 den Bezirk Tiergarten herauszubringen. Das Erscheinen der Bände Kreuzberg und Wedding - beides Bezirke, die noch zum Kernbestand der alten Reichshauptstadt gehören und deren Bearbeitung einen ersten logischen Abschluß der Reihe bedeuten würde - muß somit offenbleiben. Die Herausgeber gehen aber bei dem Erfolg des ersten Bandes von der Überzeugung aus, daß sich auch Wege für die künftige Sicherung der Reihe werden finden lassen.
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Gabriele Silbereisen: Charlottenburg - Die historische Stadt

 

Das am Rande des Teltow nahe der Spree gelegene Dorf Lützow und das benachbarte Sommerschloß Lützenburg der brandenburgischen Kurfürstin Sophie Charlotte bilden die ersten Siedlungskerne Charlottenburgs.

Die Markgrafen Johann I. und Otto III. hatten das 1239 gestiftete Spandauer Benediktinerinnenkloster mit dem Dorf Lützow (Lucene) ausgestattet. Dessen weitere Erwähnungen finden sich im Landbuch der Mark Brandenburg Kaiser Karls IV. von 1375. Dieses Besitzverzeichnis belegt, daß Lützow über 13 Hufen verfügte und die sechs ansässigen Kossäten mit Abgaben von drei Schillingen und einem Huhn belastet waren. Ferner bezeugt die Eintragung einen weiteren Hof namens Casow auf der anderen Spreeseite, der aber nach einer Quelle von 1537 damals bereits wüst gewesen ist. Der Name des mittelalterlichen Dorfes ist unzweifelhaft slawischen Ursprungs (1239: Lucene, 1375: Lusze, Luesze, Luze, Lutze).

Am 30. Juni 1695 erhielt Kurfürstin Sophie Charlotte von ihrem Gatten Friedrich III. als Ersatz für ihre Besitzung Caputh bei Potsdam als neues Vorwerk das Tiergarten-Vorwerk, einen Bauplatz nordwestlich des Dorfes Lützow und dessen grundherrliche Einkünfte. Das Terrain westlich des Lietzensee-Grabens forderte sie 1695 hinzu, damit ihre Einkünfte aus dieser neuen Besitzung auch denen von Caputh entsprachen.

Die Pläne von Baumeister Nering umfaßten ein kleines, Lützenburg genanntes Sommerschloß und seine auf die Spree orientierte Gartenanlage. Das südlich anschließende Gelände, das Gebiet der späteren Schloßstraße, blieb noch unbebaut. Die erste Verbindung zur Versorgung des Schloßbaus folgte dem alten Übergang über den Lietzensee-Graben, der heutigen Schustehrusstraße. Erst in das Jahr 1698 fiel die Anlage der repräsentativen Schloßstraße, die Lürzenburg als Stützpunkt landesherrlichen Besitzes in ein von Berlin ausgehendes Wegesystem eingegliederte und selber Ausgangspunkt war. Ausgehend vom Ehrenhof des Schlosses verlief die Schloßstraße senkrecht auf eine durch die achtstrahlige Sternanlage im Tiergarten vorgegebene Ost-West-Schneise zu. Die Schloßstraßenachse, die sich auch hinter dem Schloß in Richtung Norden fortsetzte, wurde von Godeau durch zwei Schneisen ergänzt, "die vom ovalen Saal, dem Hauptraum des Schlosses ausgingen und die Spandauer Zitadelle in 6 und das Schloß Niederschönhausen in 9,5 km Entfernung zu point de vue hatten" (C. A. Wimmer, Sichtachsen …, S. 10). Diese barocken Sichtachsen hatten weder verkehrs- noch jagdtechnische Funktion, sondern waren rein ideeller Natur. Die erste Verkehrsverbindung nach Lützenburg erfolgte über die Charlottenburger Chaussee, einer Verlängerung der "Linden", die nach einem Knick in der Höhe des heutigen Ernst-Reuter-Platzes in nordwestlicher Richtung direkt auf das Schloß zulief.

Unter der Kurfürstin Sophie Charlotte bestimmten Bälle, Masken- und Gartenfeste das Bild der Sommerresidenz. Sie berief Künstler wie Giovanni Buononcini und Attilio Ariosti nach Lützenburg und führte mit ihnen die italienische Oper am brandenburgischen Hof ein. Ferner pflegte sie das deutsche Singspiel und Sprechtheater und debattierte mit ihrem Gast Gottfried Wilhelm Leibniz über philosophische Probleme. Das Schloß galt bis zum Tode der Kurfürstin am 1. Februar 1705 als Sammelpunkt der geistigen und kulturellen Strömungen in Brandenburg.

Die Ansiedlung selbst, die vornehmlich an der Schloßstraße erfolgte, hatte den Charakter einer "feudalen Privatstadt". Zu den ersten Anwohnern zählten die Kammertürken Aly und Hassan, Bedienstete der Kurfürstin. Sie ersuchten am 30. April 1705 König


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Friedrich I. um Freihausgerechtigkeit, wie sie bereits dem Zinngießer Peter Sauerwaldt, dem Besitzer des ersten Wirtshauses in der Schloßstraße, erteilt worden war.

Das Hassansche Haus in der Schloßstraße 6, nach einem Entwurf des Hofarchitekten Johann Friedrich Eosander von Göthe errichtet, galt als das Musterhaus für die später projektierte Stadtanlage von Charlottenburg.

Nach dem Tode Sophie Charlottes wurde der Schloßbau nochmals erweitert, und bereits "am 1. April fuhren Seine Majestät nach Lützenburg und veränderten diesen Namen in den Namen Charlottenburg zum ewigen Andenken der vorigen Besitzerin dieses Ortes" (W. Gundlach, Geschichte der Stadt Charlottenburg …, Bd. 2, S. 268). Noch in demselben Jahr verlieh der König Charlottenburg das Stadtrecht und stellte der jungen Stadt in der ersten Urkunde eine Fülle von Privilegien in Aussicht, wie "eine Reihe von Freijahren mit dem Erlaß aller Lasten, Kontributionen, Einquartierung, Durchmarsch, Steuern, insbesondere Akzise, Grundzins und Freistellung von allen Diensten" (W. Ribbe, Die Anfänge …, S. 11). Die Durchsetzung der Vergünstigungen scheiterte jedoch am Widerstand der Bürokratie, die fürchtete, diese könnten den Ausbau weiterer Residenzen gefährden. Zwar nahm man die Absicht, der Stadt mit "angedeihlichen Privilegien aufzuhelfen", anläßlich der Vereidigung der Bürgerschaft im September 1711 wieder auf, aber da es nicht mehr zur Ausfertigung einer weiteren Stadtrechtsurkunde kam, blieb die Rechtsunsicherheit über den Status von Charlottenburg weiterbestehen und man zögerte, hier seßhaft zu werden. Diese Bedingungen entsprachen jedoch nicht der Idealstadt, die Friedrich I. durch Eosander hatte entwerfen lassen.

Die neue Stadt Charlottenburg lag östlich der Schloßstraße, sie wurde im Norden durch die Spree begrenzt. Die west-östliche Achse bildete die Schustehrusstraße, der erste Verbindungsweg über den Lietzensee-Graben nach Lützenburg, an der der heutige Richard-Wagner-Platz als Marktplatz und der Gierkeplatz als Kirchplatz angeordnet waren. Die axiale Zuführung auf den Ehrenhof des Schlosses durchschnitt diagonal das Straßenraster.

Noch im Jahr 1705 wies Friedrich I. seine Hofbeamten an, sich entlang der Charlottenburger Chaussee anzusiedeln. Nicht nur der Hofadel zählte zur Anwohnerschaft Charlottenburgs, sondern auch Goldschmiede, Perückenmacher, Kunstschreiner und Spitzenmacher, also Produzenten für den höfischen Bedarf. Ziel der Planungskonzeption des Jahres 1705 war es, Charlottenburg zum Sitz des Hofes mit einem landesherrlichen "Hofhandwerk" werden zu lassen. Die Jahrmärkte, die in Charlottenburg seit 1705 abgehalten wurden, bezeugen diese Absicht. "Seine Majestät", so berichten die Quellen, "fuhren in Begleitung des Hofes und der fremden Herren Minister auf dem Markt herum, besahen die konsiderablen Buden und kauften für ungefähr 3000 Taler von allen Waren" (W. Gundlach, Geschichte der Stadt Charlottenburg …, Bd. 2, S. 275). Es waren "sogar auch Goldschmiede aus Nürnberg, Augsburg usw. mit dem kostbarsten Warenlager" dort anzutreffen.

Die "armen Leuthe" der Stadt entbehrten des normalerweise zu einer Stadt gehörenden Gemeindelandes und hielten ihre Gottesdienste, solange die geplante Kirche noch nicht errichtet war, in einer Remise ab. Der Auftrag zum Bau einer "Neuen Kirche aufm Berg'', dem heutigen Gierkeplatz, erging im Jahr 1708 an den Baumeister Philipp Gerlach. Die Bausumme für dieses aufwendige Projekt war aber so hoch veranschlagt, daß selbst eine landesweite Kollekte, die der König 1711 durchführen ließ, sie nicht aufbringen konnte.

Der puritanisch eingestellte König Friedrich Wilhelm I. kürzte die Bausumme und ließ von Martin Heinrich Böhme einen schlichten Entwurf ausarbeiten. Erst 1716 konnten die Charlottenburger Bürger ihre erste Pfarrkirche einweihen.


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Friedrich Wilhelm I. schenkte dem Schloß selbst wenig Beachtung, widmete sich aber in den ersten Jahren seiner Regierungszeit dem zügigen Ausbau der Stadt. Ausgehend von der Feststellung, daß von den 180 Stellen 57 von Künstlern und Handwerkern, jedoch 68 von Tagelöhnern und 48 von Auswärtigen besetzt waren, empfahlen ihm seine Hofräte, die Auswärtigen anzuhalten, ihre Häuser und Stellen an Handwerker zu veräußern. Dringend war ihrer Auffassung nach, die Stadt mit zusätzlichen Ländereien zu versehen. Der König stellte daraufhin 1300 1/2 Morgen Land zur Verfügung, wovon 800 Morgen aus der Teltowschen Heide, 171 aus dem Tiergarten, 29 1/2 aus dem Kleinen Tiergarten und 300 aus der Jungfernheide stammten. Verteilt wurde es jedoch nicht unter die angeschlossene Bewohnerschaft, sondern man wählte unter den Neusiedlern die 63 "besten und vermögendsten'' aus. Sie erhielten neben dem Land eine genügende Menge Bauholz, um ihre Häuser zu errichten; 16 Einwohnern gab man "die Gerechtigkeit Brandtewein zum Schank zu brennen" (W. Gundlach, Geschichte der Stadt Charlottenburg …, Bd. 2, S. 86).

Die neuen Hausstellen säumten die 1719 neu angelegte Circumwallationslinie, die heutige Zillestraße, die als "Gewissensband des Bürgereides" zusammen mit der Rosinenstraße, der heutigen Loschmidtstraße, die fehlende Akzisemauer ersetzen sollte. Die Häuser selbst waren klein und mit Stroh gedeckt; die hygienischen Verhältnisse wurden erst 1827 durch die neu verlegten Abflußrinnen verbessert.

Diese Anlage der "Circulation", die die barocke Stadtanlage mit dem Dorf Lützow verband, hatte die Eingemeindung des Dorfes im Jahr 1720 vorbereitet. Trotz aller Bemühungen des Königs "hehufs Hebung der Stadt Charlottenburg" schienen sich jedoch die Verhältnisse nicht zu bessern. Am 20. Juli 1737 unterbreitete der Geheime Finanzrat Reinhart dem König deshalb die Absicht, Charlottenburg wieder in ein Dorf zu verwandeln. Er sah vor, die Akzise, die bei weitem nicht den Erwartungen entsprochen hatte, aufzuheben und die Handwerker von Charlottenburg nach Berlin umzusiedeln, da sie ohnehin "ihre Nahrung täglich zu Berlin und Spandau suchen und finden, daselbst essen und trinken, folglich in Charlottenburg nichts consumieren, viele derselben auch ihr Fleisch, Bier und Brot aus ermeldten beeden Städten beständig holen" […] (W. Gundlach, Geschichte der Stadt Charlottenburg …, Bd. 2, S. 177.). Da die Kriegs- und Domänenkammer aber bis zum Tode Friedrich Wilhelms I. gezögert hatte, den Plan in die Tat umzusetzen, blieb Charlottenburg das Schicksal, Dorf zu werden, erspart. Friedrich II. erhob sogleich bei seinem Regierungsantritt am 31. Mai 1740 Charlottenburg zu seiner Sommerresidenz und ließ das Schloß durch den östlichen Flügel erweitern. Die Stadt war auf diese Rangerhöhung nicht vorbereitet. Aber schon nach der Rückkehr des Königs aus den Schlesischen Kriegen erlahmte sein Interesse an Charlottenburg, und er verlegte seine Sommerresidenz nach Potsdam. Lediglich die glanzvollen Feste anläßlich der Geburtstage und Hochzeiten der königlichen Familie wurden hier in Charlottenburg ausgerichtet.

Der wirtschaftliche Aufschwung der Stadt in der Regierungszeit Friedrichs II. war bescheiden. Das heimische Handwerk hatte von den Schloßarbeiten nicht profitiert, weil hauptsächlich Berliner Betriebe verpflichtet worden waren. Ansätze einer neuen Entwicklung zeigten sich am westlichen Rande des Tiergartens. Im Jahr 1748 übergab Friedrich II. die Tiergartenmühle am Schafgraben einem aus Nürnberg angeworbenen Müller namens Johann Peter Trautmann, der das feine, weiße Mehl für höchste Ansprüche zu mahlen verstand. Ferner erging am 11. Juni 1751 die Aufforderung, dem Schutzjuden Benjamin Elias Wulff das Grundstück neben der Weißgerber-Walkmühle östlich des Grabens für die Eröffnung einer Barchent-Fabrik zu übergeben. Wulff entschied sich jedoch für eine Zitz- und Baumwolldruckerei, die er um eine Strumpfwirkerei erweiterte, deren Produktion aber bereits 1766 wieder eingestellt werden mußte. Die Kattunfabrik hingegen galt


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zeitweise sogar als die größte ihrer Art in Berlin und bestand bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Auf diesem Grundstück richtete in den Jahren 1816 bis 1818 die Königliche Porzellan-Manufaktur ein Zweigwerk für die Produktion von "Gesundheitsgeschirr" ein.

Während der Regierungszeit Friedrichs II. war Charlottenburg durch das "Nebeneinander von dörflichem und höfisch-städtischem Leben" (W. Ribbe, Die Anfänge …, S. 36) bestimmt. Die Sozialstruktur der Stadt änderte sich erst, als mit Beginn des 19. Jahrhunderts wohlhabende Bürger hier ihre Sommerwohnung nahmen und sich dieser Vorort Berlins zu einem attraktiven Ausflugsziel entwickelte. Vorbereitet wurde diese Entwicklung bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Auf dem Südufer der Spree, auf dem Schmettauschen Grundstück in der direkten Nachbarschaft des Schlosses, ließ Friedrich Wilhelm II. 1777 seiner Mätresse Wilhelmine Enke, die er 1794 zur Gräfin Lichtenau erhob, ein Palais errichten. Es "gleicht schon einem fürstlichen Schlosse an Pracht und Schönheit", notierte der Prediger Dressel 1792 in seinem Tagebuch; "sie läßt Berge auftragen, große, steinerne Brücken in der Luft bauen, um dadurch von einer Straße zur anderen ohne die Erde zu berühren oder, da sie nun auch diese Straße zugezogen und in einen Garten verwandelt hat, um aus einem Garten in den anderen zu kommen" (W. Gundlach, Geschichte der Stadt Charlottenburg …, Bd. 1, S. 191). Diese Schilderung vermittelt einen Eindruck von der Ausdehnung der Anlage, die mit einem letzten Grundstücksankauf im Jahr 1794 neunzehn Bürgerstellen umfaßte. An der Berliner Straße ließ Wilhelmine Enke ihrem Bruder, der als Stallmeister in den Diensten des Königs stand, ein aufwendiges Landhaus erbauen, welches im 19. Jahrhundert in den Besitz der Stadt übergehen und als zweites Rathaus dienen sollte. Das Schloß selbst war in jenen Jahren mit dem nach Plänen von Langhans errichteten Theater auch für das bürgerliche Publikum zugänglich.

Mit der zunehmenden Attraktivität Charlottenburgs für Ausflügler entstanden seit Beginn des 19. Jahrhunderts entlang des Weges von Berlin zahlreiche Gaststätten und Ausflugslokale. Gleich am Rande des Tiergartens lockte die alte Tiergartenmühle mit ihrer Gastwirtschaft zur Einkehr. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich die Muscowsche Gastwirtschaft, das Hippodrom am Knie und nicht zuletzt das "Türkische Zelt", welches unter der Obhut von Frau Pauly zum "Sommerquartier" bedeutender Philosophen und Theologen avancierte. Die "Gesetzlose Gesellschaft" suchte hier bei Pfälzer Wein oder Champagner heitere, ungezwungene Geselligkeit. Nicht weit entfernt in der Cauerschen Erziehungsanstalt begannen Schüler die "wissenschaftliche Ausbildung" mit der Lektüre des Homer. Diese Erziehungsanstalt, eine Gründung von Fichteschülern, war 1826 aus der Münzstraße 21 in Berlin auf das Gelände des "Großen Kaffeehauses" in der Berliner Straße gezogen. In den kleinen Werkstätten, die auf dem rückwärtigen Teil des Grundstückes errichtet wurden, konnten die Schüler handwerkliches Geschick entwickeln. Christian Daniel Rauch übernahm im Jahr 1855 das ehemalige Hassansche Haus für die Sommermonate als Künstleratelier.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts säumten die Berliner Straße neben Gaststätten und Lokalen auch viele Villen wohlhabender Bürger. Nachbar des Bankiers Ferdinand Reichenheim in der Berliner Straße war Robert Warschauer, Mitglied im Aktionärs-Ausschuß der Bank des Berliner Kassenvereins. Neben dem Kaufmann Jean Benda wohnte auf dem Grundstück Nummer 34-36 die Familie Siemens. Direkt am Knie bezog 1863 der Bankier Gerson Bleichröder seine Villa, und in der Marchstraße 8 befand sich seit 1874 das Wohnhaus des Althistorikers Theodor Mommsen. Wissenschaftler liebten Charlottenburg als Wohnort besonders, da sie hier in der Sommerfrische ungestört studieren und oftmals ihre Gärten als Experimentierfelder nutzen konnten. Werner Siemens, der 1863


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seine Villa in Charlottenburg bezogen hatte, installierte beispielsweise in seinem Garten ein Fernrohr und betätigte sich in seiner Freizeit zusammen mit Friedrich Archenhold als Astronom. Hier wuchsen exotische Pflanzen, die er von seinen Fernreisen mitgebracht hatte. Die Villa selbst rückte im Jahre 1879 ins Zentrum des Interesses, als Siemens hier erstmals seinen Gästen die Differentiallampe als Quelle der Innenbeleuchtung demonstrrer te.

Diese ersten Zentren wissenschaftlicher Arbeit, Diskussion und Experimentierfreudigkeit prägten zusammen mit den Gewerbeanlagen, wie der Tonwarenfabrik March oder der Chemischen Fabrik Beringer, das Gebiet um das Knie, das sich ab 1884 zum "Mittelpunkt der Naturwissenschaften" entwickelte. Die am 2. November 1884 gegründete Technische Hochschule, aus der Bauakademie und der Gewerbeakademie hervorgangen, dokumentierte gewissermaßen den Geltungsanspruch der technischen Wissenschaften gegenüber den humanistischen Fächern. Bereits 1899 stellte man die TH durch Rektoratsverfassung und Promotionsrecht den Universitäten gleich.

Als Vermittler zwischen Naturwissenschaft und Wirtschaft entstand die Physikalisch-Technische Reichsanstalt. Ihrer Gründung waren Gespräche zwischen Werner Siemens und dem Physiker Hermann von Helmholtz in der Villa des Industriellen vorausgegangen. Als das Projekt "betreffend die Begründung eines Instituts für die experimentelle Förderung der exakten Naturforschung und der Präzisionstechnik", der beim preußischen Kultusministerium eingereicht worden war, realisiert werden konnte, trat Siemens im Jahr 1885 seine nördliche Grundstückshälfte an die Reichsregierung für den Bau des Instituts ab.

Zu diesem Zeitpunkt war die Stadt Charlottenburg längst in die städtebauliche Entwicklung Berlins einbezogen worden: Der 1862 in Kraft gesetzte Generalbebauungsplan für die Umgebung Berlins hatte auch das Charlottenburger Gebiet bis in Höhe des Lietzensees erschlossen und das Quartier südlich des Klausenerplatzes sowie die Flächen beiderseits des Landwehrkanals für die Bebauung vorgesehen. Mit der Gründung der Villenkolonie Westend hatte Quistorp 1866 sogar die Ringbahn nach Westen in den Grunewald überschritten.

An das Südgelände der Technischen Hochschule schlossen sich in den Jahren seit 1902 die Hochschule für die bildenden Künste und die Hochschule für Musik an. Hatte sich folglich der Stadtraum entlang des von James Hobrecht im Rahmen des "Bebauungsplans von den Umgebungen Berlins und Charlottenburgs" entworfene "Generalszuges" zwischen dem heutigen Ernst-Reuter-Platz und dem Hardenbergplatz zum "Hochschulviertel" entwickelt, so grenzte an das Nordgelände der Technischen Hochschule bis zum Spreeufer ein Industriestandort. Die Firma Siemens & Halske erwarb im Jahr 1883 einen Teil des Geländes der "Berliner Aktiengesellschaft für Eisengießerei und Maschinenfabrikation" am Salzufer und nahm hier 1891 die Produktion von Bogenlampen und Dynamomaschinen auf; am 1. April 1899 erfolgte die Produktionsaufnahme des Glühlampenwerkes in der Helmholtzstraße. Charlottenburg war um 1900 gewissermaßen die "Zwischenstation" für die Industrie auf ihrer Randwanderung in die westlichen Vororte.

Im Verlauf des Industrialisierungsprozesses hatte somit eine funktionale Differenzierung der Stadtlandschaft eingesetzt. Arbeiten und Wohnen, Produktion und Reproduktion, erfolgten nun an verschiedenen Orten. Charlottenburg wies Wohnviertel unterschiedlicher Sozialstruktur auf. Nahm im "Hochschulviertel" und in der 1866 gegründeten Villenkolonie "Wes"tend" bevorzugt das Groß- und Bildungsbürgertum seine Wohnung, so waren das alte Zentrum von Charlottenburg, das Schloßstraßenviertel und die Altstadt ausgesprochene Kleinbürger- und Arbeiterbezirke. In diesem Stadtteil waren auf


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der Grundlage des "Hobrechtplanes" Mietskasernen errichtet worden. Arbeiterfamilien lebten hier auf engstem Raum in Einzimmerwohnungen ohne Licht und Sonne und waren oftmals noch gezwungen, ein Bett einem Schlafburschen zu vermieten, um die Miete aufbringen zu können. Selbst Notstandsbaracken, niedrige Holzhütten, dienten hier den Familien als Behausung. Vor allem die Wallstraße, die ehemalige Circumwallationslinie, galt als Hochburg der KPD. In den Jahren 1925/26 spielten sich hier die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der KPD und der Nationalsozialisten, des Stahlhelms und des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold ab. Der Schlachtruf "Die Rate Front, schlagt sie zu Brei! SA marschiert, Achtung die Straße frei!" hallte oft in jenen Tagen durch die Straßen.

Der Widerstand der Kommunisten war streng organisiert. In den Kneipen dieses "Kiezes", wie bei "Werner" oder "Tante Martha", fanden Parteiversammlungen statt, Informationen wurden ausgetauscht und Hilfsaktionen für betroffene Familien organisiert. Gleichzeitig fungierten sie als Stützpunkte der Häuserschutzstaffeln. Im Volkshaus von SPD und Gewerkschaften in der Rosinenstraße richtete die SA mit der Regierungsübernahme Hitlers ein "wildes KZ" ein. In den Einzugsbereich dieses von kleinen Gewerbebetrieben durchsetzten Wohnviertels gehörte auch die Aron Elektricitätszähler-Fabrik G.m.b.H. in der Wilmersdorfer Straße 39, die ihre Produktion im Jahr 1900 aus der Königin-Augusta-Straße 44 (heute: Reichpietschufer) hierher verlegt hatte. Seit dem Jahr 1931, mit der "Arisierung" des Aufsichtsrates, trug die Firma den Namen Heliowatt-Werke. Nahezu die Hälfte der Belegschaft wählte bei den Betriebsratswahlen 1931 den Einheitsverband der Metallarbeiter Berlins, der zur KPD-geführten Revolutionären Gewerkschaftsopposition zählte. Mir der Regierungsübernahme der Nationalsozialisten formierte sich bei Heliowatt eine illegale gewerkschaftliche Widerstandsgruppe mit dem Ziel, die Arbeit der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (NSBO) und der Deutschen Arbeitsfront zu boykottieren.

Das Wohnviertel um den Klausenerplatz galt mit Beginn der siebziger Jahre als Sanierungsgebiet. Die anfängliche "Kahlschlagsanierung" - nur zwei Prozent des Bauvolumens fielen unter Maßnahmen zur Erhaltung der Altbausubstanz - hatte zu erheblichen Mißständen, wie Leerstand infolge langer "Entmietungsphasen" (Zöbl) und erheblichen Kostensteigerungen geführt. Entmietete Bewohner konnten aufgrund der rapiden Mietsteigerung nicht in ihrem gewohnten "Kiez" verbleiben. Im Rahmen des europäischen Denkmalschutzjahres 1975 erprobte man mit Erfolg am Sanierungsblock 18, dem Gebiet zwischen Schloß-, Nehring- und Neuer Christstraße, die behutsame Stadterneuerung unter Beteiligung der Betroffenen. Ziel des Projektes war es, die Kosten der Instandhaltung so niedrig zu halten, daß die Mieten für die Bewohner erschwinglich blieben.

Dieser anhand der Stadtgeschichte Charlottenburgs skizzierte sozialräumliche Differenzierungsprozeß, der sich im Zuge der industriellen Entwicklung und des Bevölkerungswachstums voll zogen hatte, ging einher mit einem stetigen Anwachsen kommunaler Verwaltungsaufgaben.

Im Jahr 1860 war die städtische Verwaltung aus ihrem alten Rathaus in der Schloßstraße 2 in das ehemalige Palais des Königlichen Oberstallmeisters Enke umgezogen. Nachdem Charlottenburg am 1. Januar 1877 aus dem Verband des Kreises Teltow ausgeschieden und zur kreisfreien Stadt erklärt worden war, reichten die Räumlichkeiten für die sich ständig erweiternde Leistungsverwaltung schon bald nicht mehr aus. Zum 200jährigen Bestehen der Stadt, im Jahr 1905, konnte das neue repräsentative Rathaus in der Berliner Straße 71-73 (heute: Otto-Suhr-Allee 100-102), in der räumlichen Nähe zum ersten Siedlungskern Charlottenburgs, eingeweiht werden.


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Die Einwohnerzahl Charlottenburgs war in den letzten Jahrzehnten rapide gewachsen.

Betrug sie im Jahr 1875 noch 25.847, war sie 1885 auf 42.371 und 1905 bereits auf 239.547 angestiegen. Für die Kommunalverwaltung bedeutete das Wachstum eine stetige Zunahme von Zuständigkeiten in der Geschäftsverteilung, die unter anderem auch die Verwaltung der städtischen Energiebetriebe, der gesundheitlichen Einrichtungen und der Schulen vorsah.

Am 1. August 1900 ging das von der Elektrizitäts-Aktien-Gesellschaft erbaute städtische Elektrizitätswerk am Spreebord 5-8 ans Netz. Standortbestimmend waren nicht allein die günstigen Bodenpreise auf der nördlichen Spreeseite und die Nähe des Flusses als Transportweg für die Kohle, sondern auch die nach Norden auf den Kalowswerder ausgerichtete Stadtentwicklungsplanung. Zu den städtischen Einrichtungen der allgemeinen Gesundheitsfürsorge gehörten die Kanalisation, die Wasserversorgung, die Müllbeseitigung und nicht zuletzt das Fleischschauamt.

Der Beschluß, Charlottenburg an ein Entwässerungsnetz, eine Schwemmkanalisation mit Rieselfeld-Anlage, anzuschließen, erging im Jahre 1885. Es erfolgte zunächst die Entsorgung des Gebietes mit höchster Bebauungsdichte, nämlich des Schloßviertels, der Altstadt, des Hochschulviertels und des Stadtgebiets am Lietzensee. Das Ostviertel und der Stadtteil Martinikenfelde waren bereits an die Berliner Kanalisation angeschlossen worden. Um die Jahrhundertwende wurde der Anschluß von Westend und Spandauer Berg (Entwässerungsgebiet II) und von Kalowswerder, Am Nonnendamm und Am Königsdamm (Entwässerungsgebiet III) vollzogen. Seit 1903 lag die Wasserversorgung, die über das 1873 errichtete Wasserwerk am Teufelssee und ein zweites in der Jungfernheide erfolgte, in der Zuständigkeit der Stadt, und seit dem 1. April 1907 war die Müllbeseitigung aus privaten Händen an die Stadt übergegangen. Bereits zu diesem Zeitpunkt sortierte man den Müll nach einem "Dreiteilungssystem" in seine verschiedenen Bestandteile wie Asche und Kehricht, organische Stoffe und verwertbare Materialien. Zwar verfügte Charlottenburg nicht über ein öffentliches Schlachthaus, aber seit 1880 wachte ein städtisches Fleischschauamt über den Verkauf vor allem von Schweinefleisch

In der Gesundheitsfürsorge folgte Charlottenburg modernster Entwicklung. Um die Jahrhundertwende hatte sich allgemein die Erkenntnis durchgesetzt, daß zur Gesundheitspflege eine sorgfältige Körperhygiene vonnöten sei. Im Jahr 1898 nahm sich die Stadt dieser Aufgabe an und eröffnete in der Krumme Straße, im Stadtkern, ein Volksbad.

Hygienische Gesichtspunkte haben auch den Entwurf und die Gestaltung des neuen Städtischen Krankenhauses Westend auf dem Spanda uer Berg bestimmt, das 1899 das erste Krankenhaus Charlottenburgs, 1867 in der Kirchstraße errichtet, ablöste. Das Pavillonsystem bot die Möglichkeit, nicht nur die Anzahl der Patienten pro Haus zu begrenzen, sondern auch Patienten vor allem mit Infektionskrankheiten getrennt unterzubringen.

Der Seuchenbekämpfung in Charlottenburg dienten vor allem das Untersuchungsamt für ansteckende Krankheiten, welches 1904 in den Räumen des Pathologischen Instituts im "Westend" untergebracht war, und die Desinfektionsanstalt, die bereits 1893 ihren Betrieb aufgenommen hatte.

Besonderes Augenmerk wurde in Charlottenburg der Säuglingsfürsorge geschenkt, die vor allem vom Kaiserin-Auguste-Viktoria Haus am Heubnerweg 6 betrieben wurde. Ratsuchende Mütter konnten sich ferner an die Säuglingsfürsorgestellen der Stadt wenden, die seit 1911 auch Wochensprechstunden für Mütter mit Kindern vom 1. bis zum 6. Lebensjahr durchführten. Die ärztliche Überwachung älterer Kinder oblag den Schulärzten.


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Im Jahr 1858 wurde das Internat der ehemaligen Cauerschen Erziehungsanstalt geschlossen. Die Schule wurde danach mit öffentlichen Mitteln zum Progymnasium ausgebaut. Es blieb bis in das Jahr 1886 die einzige Höhere Schule in Charlottenburg für Jungen.

Im Rahmen der städtischen Wohnungsfürsorge hatte Charlottenburg eine Einrichtung geschaffen, die den "Mißständen des Schlafburschenwesens" Einhalt gebieten sollte. Das Bettgeher- und Untermieterwesen galt vor allem in den Augen der Sozialreformer "als wesentlicher Ausdruck und als Wurzel sozialer und moralischer Verelendung der arbeitenden Klassen". Das Ledigenheim in der Danckelmannstraße, das am 1. April 1908 seine Pforten öffnete, war der Beitrag Charlottenburgs zur Lösung dieses Aspektes der "sozialen Frage".

In diesen Zeitraum des verstärkten Ausbaus der Daseinsfürsorge fällt auch die Ansiedlung kultureller Institutionen. Am 12. Januar 1903 trat der Aufsichtsrat der Schiller-Theater-Gesellschaft mit dem Vorschlag an den Magistrat heran, in Charlottenburg ein Volkstheater zu eröffnen. Die Intention der Gesellschaft, das kulturelle Defizit minderbemittelter Schichten durch die Organisierung eines volkstümlichen Schauspielhauses mit niedrigen Preisen auszugleichen, hätte einen Standort im Zentrum Charlottenburgs nahegelegt. Die Entscheidung fiel jedoch auf ein verkehrsgünstig gelegenes Grundstück in der Bismarckstraße, das bereits in den Einzugsbereich des vornehmen "Neuen Westens" am Kurfürstendamm gehörte. Der Spielplan des 1907 eröffneten Schiller-Theaters stieß jedoch in Arbeiterkreisen so wenig auf Zustimmung, daß man mit gezielten Schulvorstellungen, die mit kommunalen Mitteln bestritten wurden, versuchte, dem programmatischen Ziel treu zu bleiben. Wie das Schiller-Theater, so erbaute man auch die Städtische Oper außerhalb des historischen Zentrums entlang der bereits im Barock projektierten "Ost-West-Achse", die als Verkehrs- und Erschließungsstraße mit Beginn des 20. Jahrhunderts konsequent ausgebaut und im Zuge des Wettbewerbs "Groß-Berlin" von 1910 als "Kaiserstraße" in das Konzept der radialen Stadterweiterung integriert wurde. Die Oper grenzte zwar noch mit ihrem rückwärtigen Gebäudeteil an das alte proletarische Stadtviertel, öffnete aber ihre Pforten bereits nach Westen und lockte somit das Berliner Publikum in die aufstrebende Vorstadt.

Nach 1945, infolge der Übernahme citytypischer Funktionen durch Charlottenburg, bildeten das Schiller-Theater und die ehemalige Städtische Oper zusammen mit dem Theater des Westens und dem Renaissance-Theater das Zentrum des West-Berliner Theaterlebens.

 

Literaturhinweis

Die gesundheitlichen Einrichtungen der Konigl. Residenzstadt Charlottenburg. Festschrift gewidmet dem 3. internationalen Kongreß für Säuglingsschutz in Berlin im September 1911, Berlin 1911; Wilhelm Gundlach, Geschichte der Stadt Charlottenburg, Bd. 1: Darstellung, Bd. 2: Urkunden und Erläuterungen, Berlin 1905. Adriaan von Müller, Edelmann … Bürger, Bauer, Bettelmann. Berlin im Mittelalter, Berlin 1979. Susan Prösel/Michael Kremin, Berlin um 1700. Die Idealstadt Charlottenburg, Berlin 1984. Wolfgang Ribbe, Die Anfänge Charlottenburgs in der Residenzlandscbajt um Berlin, in: Von der Residenz zur City. 275 Jahre Charlottenburg, hrsg. von Wolfgang Ribbe, Berlin 1980, S. 11-38. Paul Torge, Rings um die alten Mauern Berlins. Historische Spaziergänge durch die Vororte der Reichshauptstadt, Berlin 1939. Clemens Alexander Wimmer, Sichtachsen des Barock in Berlin und Umgebung. Zeugnisse fürstlicher Weltanschauung, Kunst und Jägerlust (= Berliner Hefte, 2) 1 Berlin 1985. Dorothea Zöbl, Charlottenburg: Barocke Stadt - Bürgerstadt - Stadtteil, in: Exkursionsführer zum 45. Deutschen Geographentag, Berlin 19851 Berlin 1985, S. 165-175.


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I. Am Rande der Jungfernheide

 

 

1 Das Hinckeldey-Gedenkkreuz Kurt-Schumacher-Damm (Volkspark Jungfernheide)


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2 Schering - Werk Charlottenburg Tegeler Weg 28-33


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Harald Reissig: Das Hinckeldey-Gedenkkreuz Kurt-Schumacher-Damm (Volkspark Jungfernheide)

 

 

Abb. 1 Das Gedenkkreuz (um 1910)

 

Baugeschichte

1856 wird das Kreuz östlich des alten Tegeler Wegs, ungefähr 300 Meter nördlich des Forsthauses Königsdamm (heute Heckerdamm) an der Stelle aufgerichtet, an der der Berliner Polizeipräsident Carl Ludwig von Hin(c)keldey am 10. März in einem Duell erschossen wurde. Das schlichte Denkmal ist von Simon Blad aus grauem Granit gearbeitet und trägt die Inschrift: "L. v. Hinkeldey, + den 10. März 1856." Hinter dem Kreuz steht eine Eiche.

1869 berichtet Carl Riesel (Das romantische Havelland …, Bd. 2, S. 32), das Kreuz sei von einem Acker umgeben, "so daß der Zugang zum Denkmal nicht immer ermöglicht ist".

1904 befindet sich direkt neben dem Kreuz eine Mülldeponie.

1939 ist das Kreuz von einem eisernen Gitter eingefriedet. Um die Eiche herum wurde eine Reihe von jüngeren Bäumen gepflanzt. Dicht daneben liegen Schrebergärten.


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Abb. 2 In zerstörter Landschaft (1951)

 

1945 steht das Steinkreuz frei in dem durch Kriegseinwirkungen völlig wüsten Gelände, weist selbst aber nur einige kleinere Schäden auf.

1952 wird der Tegeler Weg begradigt und verbreitert. Da der Stein dabei im Wege ist, stellt man ihn provisorisch zwischen den beiden neuen Fahrbahnen auf.

1954 läßt die Gartenbauverwaltung das Gedenkkreuz durch die Bildhauerin Pauli restaurieren und westlich an den Rand des Volksparks Jungfernheide versetzen, wobei die Fläche am Fuße des Steins gärtnerisch gestaltet wird. Im Jahr zuvor ist die vorbeiführende Straße in "Hinckeldeydamm" umbenannt worden; 1956 erhält sie den Namen "Kurt-Schumacher-Damm''. Seit ihrem Ausbau zur Autobahn steht das Kreuz unmittelbar neben dem am Schutzgitter entlangführenden Fußgänger- und Radweg.

 

Ereignisgeschichte

Am 14. November 1848 ernannte der preußische König Friedrich Wilhelm IV. den bis dahin als Dirigenten der inneren Abteilung bei der Regierung in Merseburg beschäftigten Carl Ludwig von Hinckeldey (geschrieben auch Hinkeldey) zum Berliner Polizeipräsidenten. Hinckeldey, Angehöriger eines Meininger Adelsgeschlechts, damals 43 Jahre alt und als loyaler und energischer Beamter bekannt, schien dem König genau der richtige Mann, die nach der Niederschlagung der bürgerlichen Revolution prekäre politische Lage zu meistern. Der neue Polizeichef begann sogleich mit der Organisation der disziplinlosen Schutzmannschaft ("Konstabler") nach militärischen Prinzipien und mit der Intensivierung der Arbeit der politischen Polizei. Unnachsichtig verfolgte er Liberale, Republikaner und Kommunisten. Haussuchungen, ständige Paßkontrollen auf den Bahnhöfen, Beschlagnahme von Zeitungen, Bespitzelungen ohne Rücksicht auf Rang und


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Abb. 3 Dienstnummer am Filzhut: Berliner Schutzmannschaft 1848

 

Namen (zum Beispiel Bismarcks) und unzählige Ausweisungen aus der Stadt (zum Beispiel Ferdinand Lassalles und des Präsidenten der preußischen Nationalversammlung von 1848, Hans Victor von Unruh) waren unter Hinckeldeys Führung an der Tagesordnung; da ibm außerdem faktisch die Überwachung der "staatsgefährdenden Umtriebe" in der ganzen Monarchie unterstand, wurde er zum "Hauptvertreter des rücksichtslos durchgreifenden, alles überwachenden Polizeisystems" (Otto Hintze). Bei alldem erwies er sich nicht als sturer Bürokrat, sondern als ehrgeiziger und intelligenter Planer, der mit seinen Methoden des öfteren die bestehenden Gesetze übertrat. Auch liegen Indizien dafür vor, daß Hinckeldey die Gunst des in ständiger Furcht vor dem Umsturz lebenden Königs durch die "Vereitelung" allerlei zweifelhafter Verschwörungen zu nähren wußte. Beispielsweise deckte er einmal einen Attentatsplan auf, nach dem Friedrich Wilhelm IV. in der Badewanne mit einem durch das Abflußrohr geführten Dolchstoß in den After ermordet werden sollte. Vor der 1853 erfolgten Aushebung der sogenannten "Pulververschwörung'' einiger revolutionärer Republikaner soll Hinckeldey nach den Mitteilungen Eduard Bernsteins (Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung …, T. 1, S. 78) die Konspiranten nicht nur lange Zeit absichtlich unbehelligt gelassen, sondern sogar bei der Beschaffung von Waffen durch Polizeigeld unterstützt haben.


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Abb. 5 Ernst Litfaß (1816-1874)

 

 

Abb. 4 Litfaß wirbt für seine Säulen (1854)

 

In seiner Eigenschaft als Polizeipräsident trat Hinckeldey aber auch als Gründer vieler Einrichtungen modernen städtischen Lebens hervor. Er gilt für Berlin unter anderem als der Initiator der modernen Berufsfeuerwehr, der neuzeitlichen Organisation der Straßenreinigung, der Gesindeherbergen für stellungsloses Dienstpersonal, der "Suppenanstalten" als Volksküchen für die Armen, der Einwohnermeldeämter, zahlreicher Baumpflanzungen und des geregelten Anschlagwesens. So erteilte er 1854 dem Buchdrucker Ernst Litfaß einen Auftrag über die Aufstellung von 150 Anschlagsäulen. Darüber hinaus engagierte sich der Polizeipräsident bei der Organisation des elektrischen Telegraphensystems und der Lebensmittelversorgung der Stadt, trieb den Bau von Straßen, Markthallen, Schlachthäusern sowie Haftanstalten voran und ließ durch Strafgefangene neue Chausseen anlegen. Am 14. Dezember 1852 schloß Hinckeldey, da die Kommunalverwaltung auf diesem Feld keine Initiative entwickelte, auf Anordnung des Königs mit den englischen Unternehmern Sir Charles Fox und Thomas Russel Crampton einen Vertrag über die Errichtung einer Wasserleitung, die im Frühjahr 1856 eröffnet wurde. Besonders durch diese Maßnahme machte sich der Polizeipräsident bei führenden Kreisen der Bürgerschaft populär, die ihm zu Ehren 1853, anläßlich der Grundsteinlegung des ersten, vor dem Stralauer Tor gelegenen Berliner Wasserwerks, im Krollschen Etablissement ein Fest gaben, das von 1.100 Teilnehmern besucht wurde. Kritiker Hinckeldeys wie Karl August Varnhagen von Ense meinten damals freilich, alle Wasserwerke könnten seine gesetzeswidrige Haltung als Demokratenverfolger nicht wegspülen.


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Abb. 6 Das erste Berliner Wasserwerk um 1860

 

Bei alldem strebte der Polizeipräsident auch nach politischem Einfluß und forderte für sich stets eine präfektenarrige Stellung. Da dies der kollegialen Behördenverfassung widersprach, wurde es von den Ministern und der höheren Beamtenschaft zu verhindern gesucht, während der König die Unabhängigkeit der Krone im Beamtenstaat gerade auf mit Sondervollmachten ausgestattete Vertraute zu gründen gedachte. Hi ncke ldey, der von Friedrich Wilhelm IV. jederzeit empfangen und gehört wurde, galt somit in der Gesellschaft als Günstling und wurde zuweilen "zweiter König" genannt. Nach mehreren Anläufen, mit denen der Widerstand besonders des Innenministers Ferdinand von Westphalen und der übrigen Kabinettsmitglieder gebrochen wurde, gelang es dem Monarchen schließlich, Hinckeldey bis Mai 1855 in eine durchaus unübliche Position zu hieven: Er wurde zum "General-Polizeidirektor" der Monarchie ernannt und als Direktor einer der Abteilungen des eigens für ihn zweigeteilten Innenministeriums auch tatsächlich mit allen Polizeiangelegenheiten betraut. Daneben versah er in Personalunion das Amt des Berliner Polizeipräsidenten weiter.

Während Hinckeldey dem Höhepunkt seiner Macht zustrebte, wurde durch die Außenpolitik neue Unruhe ins Land getragen. Der Krimkrieg war ausgebrochen, in dem der preußische König offiziell eine strikte Neutralität wahrte. Im Innern forderten dagegen die liberalen Kräfte, aber auch der Kronprinz und der Kriegsminister die Unterstützung der Westmächte; die alte, um die "Kamarilla" gruppierte Rechte wollte Rußland zum Sieg verhelfen. In dieser Situation wurden nun auch die Konservativen für Hinckeldey zu "subversiven Elementen". Er zeigte kei-

 

Dem Elemente, das so oft verheerend

ln unsern Mauern schon gewüthet hat,

Das, nicht blass unser Hab' und Gur verzehrend.

Manch Menschenopfer schon gefordert hat:

Ihm nahmst Du, Seine Allgewalt zerstörend,

Was je es furchtbar machte für die Stadt:

Von Deinem Zimmer aus, von Deinem Sitze,

Demürhigst Du das Feuer mit dem BIitze.

Ja, ihm zu wehren jegliche Verbreirung,

Lockst Du sein feindlich Element herein,

Und unternimmst die grosse Wasserleitung

Zu jedes Hausstands fröhlicher'm Gedeih'n:

Von welcher unaussprechlichen Bedeutung

Wird dies Dein Werk noch für die Enkel sein!

In seinen Folgen kaum schon zu ermessen,

Machr's Deinen Namen ewig unvergessen.

(Aus: Worte der Huldigung Seiner Hochwohlgeboren dem Polizei-Präsidenten der Königl. Preuss. Residenzstadt Berlin Herrn von Hinckeldey Ritter hoher Orden in verehrungsvoller Unterthänigkeit dargebracht von C. F. Scherl, Zur Erinnerung an den 29. Januar 1853, Berlin 1853.)


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Abb. 7 Carl Ludwig von Hinckeldey

 

nerlei Hemmungen, ihre Kreuzzeitung beschlagnahmen zu lassen, wenn sie gegen die Neutralitätspolitik der Regierung polemisierte. Durch den "Potsdamer Depeschendiebstahl" ließ er außerdem den Führern der rechten Hofpartei Leopold von Gerlach und Markus von Niebuhr private Briefschaften entwenden, um deren Verbindungen zu Rußland aufzuklären. Der Polizeipräsident schuf sich damit neue, erbitterte Feinde, die nun ohne Zweifel auf der Suche nach einem Weg waren, sich seiner zu entledigen.

In der Nacht vom 23. zum 24. Juni 1855 drang der Polizeileutnant Damm mit einer Truppe von Konstablern in die vom Herrenhausmitglied Hans von Rochow-Plessow gemieteten Räume im Unter den Linden gelegenen "Hôtel du Nord" ein, wo sich die allesamt adligen Mitglieder des "Jockeyclubs" zum illegalen Glücksspiel versammelt hatten. Die ungeschickt vorgetragene Aktion, bei der einige Offiziere verhaftet und gleich wieder freigelassen wurden, erregte das Militär auf das heftigste. Aus dem ohnehin gespannten Verhältnis zur Polizeitruppe und ihrem Chef wurde nun ein ständiger Kleinkrieg. Es kam regelmäßig zu Reibereien, zum Beispiel auf den Bahnhöfen, da sich die Offiziere den von den Konstablern


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durchgeführten Paßkontrollen nicht unterwerfen wollten. Zu einem Ball, den Hinckeldey für 500 Personen gab, erschien kein einziger Offizier. Die herangewachsene Tochter des Polizeipräsidenten wurde in der Gesellschaft als "Konstabler-Göre" gemieden, keiner der jungen Leutnants tanzte mehr mit ihr.

Am 25. Juni, nach anderen Quellen erst am 24. Juli, erschien Rochow in Begleitung des Grafen Wilhelm Pourtales bei Hinckeldey, um sich über die Polizeiaktion im "Hôtel du Nord" zu beschweren. Der Polizeipräsident gestand das Fehlverhalten Damms zu, der später mit einer Geldstrafe belegt und in die Provinz versetzt wurde, berief sich im übrigen aber auf den Befehl des Königs. Nach Aufzeichnungen der Beschwerdeführer soll Hinckeldey dabei wörtlich geäußert haben: "S[eine] M[ajestät] der König hat mir befohlen und gesagt: Wenn Sie die Herren von Schmeling und von Heydebrand[t] nicht aus Berlin schaffen, jage ich Sie fort, Herr von Hinckeldey." (Zit. nach Meister; geringfügig abweichend auch bei Sybel.)

Die Aktion hatte sich also offensichtlich weniger gegen den Jockeyclub selbst, als gegen die beiden genannten und von Damm nicht vorgefundenen Offiziere gerichtet, die dem Herzog Wilhelm von Mecklenburg, einem Neffen des Königs, beim Spiel viel Geld abgewonnen haben sollen. Rochow und Pourtales aber mußten sich notgedrungen zunächst mit der Auskunft zufriedengeben.

Längere Zeit später erkundigte sich der als Hofmarschall amtierende Vater Hans von Rochows noch einmal nach dem Vorfall und erhielt vom König die Antwort, er habe keinen derartigen Befehl zum Einschreiten gegen die Spieler gegeben. Am 18. Dezember stellte daraufhin Schmeling beim Kommandanten von Berlin den Antrag, den Fall dem Ehrenrat der Armee vorzulegen. Nun wandte sich der Stadtkommandant an Hinckeldey. Dieser antwortete, es handele sich wohl um ein Mißverständnis, denn er habe Rochow den umstrittenen Bescheid überhaupt nicht erteilt, sondern lediglich die Möglichkeit andeuten wollen, daß der König eine solche Anweisung hätte treffen können. Hinckeldey leugnete seine vorherige Äußerung wohl aus bloßer Loyalität zum König, denn auch der Kronprinz und Leopold von Gerlach haben in ihren Erinnerungen festgehalten, daß der Monarch die besagte Order tatsächlich ausgegeben hatte. Rochow, der von Hinckeldeys Erklärung in Kenntnis gesetzt wurde, fühlte sich nun seinerseits der Verbreitung einer Unwahrheit über eine Äußerung des Monarchen bezichtigt, denn er bestand darauf, den Satz richtig notiert zu haben. In einer an den Innenminister von Westphalen gerich


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Abb. 8 Ferdinand Otto Wilhelm von Westphalen (1799-1876), preußischer Minister und Schwiegervater von Karl Marx

 

teten Beschwerde vom 14. Januar 1856 beschuldigte er Hinckeldey, "amtlich eine Lüge ausgesprochen" zu haben. Westphalen schloß sich jedoch der Mißverständnistheorie an und schickte Rochow einen abschlägigen Bescheid, ohne daß jener in der Sache locker ließ. Ohne Hinckeldey von der ehrenrührigen Beschuldigung Rochows in Kenntnis zu setzen, wurde daraufhin ein vergeblicher Einigungsversuch zwischen den beiden Parteien unternommen, bei dem sich der Polizeipräsident bereit zeigte, für Rochow eine Ehrenerklärung abzugeben, sich jedoch weigerte, dies, wie verlangt, schriftlich oder unter Zeugen zu tun. Schließlich gab Rochow Ende April Abschriften seiner Beschwerden bei Wfstphalen an Heydebrandt weiter mit der Erlaubnis, sie jedem zu zeigen, der sie sehen wolle. Die Affäre wurde sogleich zum Hauptthema des Gesellschaftsklatschs, so daß auch Hinckeldey binnen kurzem erfuhr, er sei der Lüge bezichtigt worden. Er vergewisserte sich bei Westphalen des Sachverhalts und forderte trotz dessen dringlicher Anordnung, die Beleidigung auf amtlichem Wege zu erledigen, Rochow zum Duell auf Pistolen.

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß Hinckeldey in vollem Umfang durchschaute, daß die Pläne Rochows und seiner Freunde darauf ausgerichtet waren, ihn zu vernichten. Zwar erklärte Rochow später, er habe den Generalpolizeidirektor nur zu einer Klage gegen ihn zwingen wollen, doch wußte auch er, daß jener sich damit wohl nur noch mehr kompromittiert hatte, zumal der Umstand, daß nicht Rochow, sondern Hinckeldey die Unwahrheit sagte, ziemlich offenkundig war. So wählte der Polizeipräsident lieber gleich den Waffengang, der im übrigen verschiedene Möglichkeiten eines glücklichen Endes offenließ. Zwar war die Möglichkeit, das Duell zu gewinnen, gering, denn während der Premierlieutenant v. Rochow als vorzüglicher Schütze galt, mußte sich der ungediente und kurzsichtige Hinckeldey erst vom Polizeiobersten Patzke im Schießen unterweisen lassen, doch konnte der Polizeipräsident hoffen, verfehlt oder nur verwundet zu werden. Darüber hinaus genügte ein Wort des Königs, um den gesetzwidrigen Zweikampf zu verbieten. Hinckeldey trug daher offensichtlich Sorge, daß Friedrich Wilhelm von seinen Absichten erfuhr, indem er nicht nur den Austragungsort in der Nähe des Charlottenburger Schlosses wählte, sondern am 5. März seine Ämter vorübergehend niederlegte, denn es war natürlich nicht möglich, daß ein Polizeipräsident öffentlich gegen die geltenden Gesetze verstieß. Der König, der schon am 1. März von dem geplanten Zweikampf erfahren hatte,


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Abb. 9 Hans-Wilhelm von Rochow-Plessow (1824 bis 1891)

 

beauftragte den Staatsanwalt Norner damit, einen Vergleich zustande zu bringen; am 9. März ordnete Westphalen außerdem eine Überwachung von Rochows Wohnung an.

Am Morgen des 10. März 1856 trafen sich Hinckeldey und sein Arzt Ludwig Hassel in der Grabenstraße 3, dem Haus des Geheimen Oberregierungsrats Freiherr von Münchhausen, der als Sekundant fungieren sollte. Der Generalpolizeidirektor nahm zwei Glas Rotwein und ein Stück einer Buttersemmel zu sich, dann ging die Fahrt in zwei Kutschen in Richtung Jungfernheide. Ungefähr in der Mitte der Berliner Straße (heute: Otto-Suhr-Allee) trat der Charlottenburger Polizeidirektor Maaß an die vordere Kutsche heran. Hinckeldey, der im Wagen angeblich seine Polizeiuniform mitführte, um sich gleich nach dem Duell wieder zum Dienstantritt zu melden, glaubte nun, das Veto des Königs werde überbracht. Er soll in diesem Moment den Stoßseufzer "Gott sei Dank!" getan, und, als Maaß lediglich grüßte, sich erbleichend zurückgelehnt haben. Am Waldrand angekommen, an dem die Wagen der Gegenpartei bereits warteten, wankte Hinckeldey, der sich sichtlich am Ende seiner Nervenkraft befand, die kurze Strecke zum vereinbarten Ort des Zweikampfs. Nachdem sich die Gegner den Regeln entsprechend begrüßt hatten, und der Unparteiische, das Herrenhausmitglied Freiherr von der Marwitz, eingetroffen war, wurde ein letzter Versöhnungsversuch unternommen, den beide Kontrahenten wortlos ablehnten. Dann nahmen sie Aufstellung und gingen mit eigenen, erhobenen Pistolen aufeinander zu. Als Hinckeldey, der als Beleidigter den ersten Schuß hatte, abdrückte, versagte seine Waffe. Sofort ließ Rochow seine Pistole sinken und wartete, bis der Generalpolizeidirektor Ersatz erhalten hatte. Nach einigen weiteren Schritten schossen die Kontrahenten fast gleichzeitig. Hinckeldey, dessen Kugel das Ziel verfehlte, wurde getroffen und verlor das Gleichgewicht, so daß er eine halbe Drehung vollführte. Hassel und Münchhausen sprangen hinzu, faßten ihn und ließen ihn zu Boden sinken. Das Projektil steckte in der rechten Lunge, aus dem Mund des Getroffenen floß arterielles Blut. Ohne sein Bewußtsein wiederzuerlangen, starb er binnen weniger Minuten. Sein Körper wurde in die Kutsche gelegt und nach Charlottenburg gebracht; die Gegenpartei hatte, wie üblich, sofort den Platz verlassen, als das Ergebnis des Duells feststand.

Der Tod Hinckeldeys erweckte beachtliche Emotionen und verschaffte ihm eine Popularität, die er zu Lebzeiten nie besessen hatte. Während Rochow im Herrenhaus ge-

 

"Hier bog das Pferd, das er schon seir einer Viertelstunde kaum noch im Zügel hatte, wie von selbst in einen Seitenweg ein, der zunächst auf ein Stück Ackerland und gleich dahinter auf einen von Unterholz und ein paar Eichen eingefaßten Grasplatz führte. Hier im Schatten eines der älteren Bäume, stand ein kurzes, gedrungenes Steinkreuz, und als er näher heranritt, um zu sehen, was es mit diesem Kreuzeigentlich sei, las er: "Ludwig v. Hinckeldey, gest. 10. März 1856". Wie das ihn traf! Er wußte, daß das Kreuz. hier herumstehe, war aber nie bis an diese Stelle gekommen und sah es nun als ein Zeichen an, daß das seinem eigenen Willen überlassene Pferd ihn gerade hierher geführt hatte.


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feiert wurde, ergriffen Bürger und Beamte die Partei des Polizeipräsidenten und sprachen mehr oder weniger offen von politischem Mord, zumal das Gerücht aufkam, daß, wäre Rochow gescheitert, noch zwei "Ersatzleute'' bereitgestanden hätten, um Hinckeldey erneut herauszufordern. Als der Leichnam drei Tage darauf auf dem Friedhof der Nikolai- und Mariengemeinde an der Prenzlauer Straße beigesetzt wurde, gaben ihm nach Augenzeugenberichten über 100.000 Personen das letzte Geleit, darunter fast alle Kabinettsmitglieder, der 86jährige Alexander von Humboldt und als einer der wenigen Militärs der General Wrangel, der 1848/49, solange der Belagerungszustand Berlins angedauert hatte, Hinckeldeys unmittelbarer Vorgesetzter gewesen war. Der Industrieerbe August Julius Albert Borsig und andere reiche Bürger veranstalteten eine ertragreiche Geldsammlung für die Familie des Getöteten, aus der vermutlich auch der Gedenkstein in der Jungfernheide finanziert wurde. Der König, der beim Eintreffen der Todesnachricht in Tränen ausgebrochen sein soll, stattete sogleich dem aufgebahrten Körper einen Besuch ab und nahm ebenfalls an der Beerdigung teil. Seine auffällige Zurückhaltung bei der Verhinderung des Duells erklärte er später damit, er habe angesichts des verbreiteten Verdachts, "Hinckeldey könne kein Pulver riechen", nicht gewußt, wie er den Zweikampf ohne genaue Kenntnis seines Ortes und der Zeit für jenen ehrenvoll hätte verbieten können. Immerhin scheint er die Schuld, die man ihm am Tod des Generalpolizeidirektors zumaß, deutlich gespürt zu haben. Die Königin Elisabeth sah 1859 sogar einen engen Zusammenhang mit dem Verlauf seines körperlichen und geistigen Verfalls, als sie äußerte: "Die Skrupel, welche sich der König über Hinckeldeys Tod gemacht, haben ihm den Stoß gegeben."

Rochow wurde noch am Tag des Duells vom Polizeidirektor Stieber verhaftet, am nächsten Morgen aber bereits auf freien Fuß gesetzt und dem Militärstrafrecht unterstellt. Später verurteilte ihn das Gericht zu vier Jahren Festung, doch wurde er nach neun Monaten wieder aus der im übrigen recht freizügigen Haft in Magdeburg entlassen, nachdem Hinckeldeys Witwe sich zu einem Gnadengesuch bereiterklärt hatte. 1888 wählte ihn das Herrenhaus zu seinem Vizepräsidenten. Auch zu dieser Zeit war die Legende vom starken Hinckeldey, vom treu- und charakterlosen König und vom rnordlustigen Rochow noch überaus lebendig. Der merkwürdige Vorgang, durch den ein Polizeipräsident, der durch seine Fürsorge das Publikum eingeschläfert und an willkürliche polizeiliche

 

Hinckeldey! Das war nun an die zwanzig Jahr, daß der damals Allmächtige zu Tode kam, und alles, was bei der Nachricht davon in seinem Elternhause gesprochen worden war, das stand jetzt wieder lebhaft vor seiner Seele. Vor allem eine Geschichte kam ihm wieder in Erinnerung. Einer der bürgerlichen, seinem Chef übrigens besonders vertrauten Räte hatte gewarnt und abgemahnt und das Duell überhaupt, und nun gar ein solches und unter solchen Umständen, als einen Unsinn und ein Verbrechen bezeichnet. Aber der sich bei dieser Gelegenheit plötzlich auf den Edelmann hin ausspielende Vorgesetzte hatte brüsk und hochmütig geantwortet: "Nörner, davon verstehen Sie nichts." Und eine Stunde später war er in den Tod gegangen. Und warum? Einer Adelsvorstellung, einer Standesmarotte zuliebe, die mächtiger war als alle Vernunft, auch mächtiger als das Gesetz, dessen Hüter und Schützer zu sein er recht eigentlich die Pflicht hatte. "Lehrreich. Und was habe ich speziell daraus zu lernen? Was predigt dies Denkmal mir? Jedenfalls das eine, daß das Herkommen unser Tun bestimmt. Wer ihm gehorcht, kann zugrunde gehn, aber er geht besser zugrunde als der, der ihm widerspricht."

(Theodor Forirane, Irrungen - Wirrungen [=Sämtliche Werke, hrsg. von Edgar Gross, Bd. 3], München 1959, S. 170-171.)


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Abb. 10 Das Kreuz an der Autobahn (1985)

 

Eingriffe gewöhnt hatte (Hans Victor von Unruh), postum zum Volkshelden ausgerufen wurde, ist in der Tat nur erklärbar aus den Antagonismen der preußischen Gesellschaft. Daß Hinckeldey sich gegen die "Kreuzzeitungspartei" und das Junkertum erhoben hatte, dessen Ehrenkodex er selbst unterworfen war und unterlag, ließ ihn in den Augen vieler bereits als Verfechter der Freiheit erscheinen. Sein Kritiker Varnhagen dagegen meinte, als 1858 die Staatsanwaltschaft verkündete, daß die Gesetze künftig auch von der Polizei eingehalten werden müßten, Hinckeldey sei nun zum zweitenmal erschossen worden.

 

Literaturhinweis

Ludwig Hassel, Die letzten Stunden des General-Polizei-Direktors von Hinckeldey. Beitrag zu seinem Nekrolog von einem Augenzeugen …, Leipzig 1856. Heinrich Löwenthal, Ein Polizeipräsident wird erschossen, in: Ders" Der goldene Galgen. Berichte über Kriminalfälle aus dem alten Berlin, Berlin [Ost] 1951, S. 94-104. Friedrich Meister, Der Schuß in der Jungfernheide. Eine Ergänzung der Zeitgeschichte, in: Der Bär, 17. Jg. (1890), S. 263-367. Hans v. Möllenbruch, Ein ernstes Kapitel aus der Geschichte der Duelltragik. Der Untergang des Herrn von Hinckeldey. Ein Beitrag zur neueren preußischen und deutschen Geschichte, in: Allgemeine Rundschau, 3. Jg. (1906), S. 229-238. Berthold Schulze, Polizeiprdsident Carl von Hinckeldey, in: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands, Bd. 4 (1955), S. 81-108. Heinrich v. Sybel, Carl Ludwig von Hinckeldey 1852 bis 1856, in: Historische Zeitschrift, Bd. 189 (1959), S. 108-123. Ferdinand v. Westphalen, Der Generalpolizeidirektor v. Hinckeldey und der Minister des Innern v. Westphalen, in: Historische Zeitschrift, Bd. 78 (1897), S. 461-468. Irmgard Wirth, Hinckeldey-Gedenkkreuz, in: Stadt und Bezirk Charlottenburg (Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin, Charlottenburg, Bd. 1, T. 1), Berlin 1961, S. 492 f.

 

"Die tragische Hinckeldey'sche Geschichte ist ungemein traurig. Bei seinen Fehlern war er doch ein seltener Mensch, der viel Uebels abgehalten hat, wenn auch nicht alles Uebel richtig vermieden. Sein Tod hat ihn populärer gemacht, als er es je bei Lebzeiten war. Der Parteigeist nennt sein tragisches Ende einen politischen Mord. Das ist Unsinn. Aber der Parteigeist hat es unbedingt zum Duell gebracht. Die Kreuzzeitungspartei hatte ihm den Untergang geschworen, weil er es wagte, dem König über dieselbe offen zu sprechen; die Animosität, die aus vielen Reibungen zwischen Militär und Polizei entstanden war, hat jene Partei benutzt, um Offizier- und Junkertum gegen Hinckeldey zu herzen - und hat reussiert. Dies gestattet trübe Blicke in unsere Zukunft!"

(Prinz Wilhelm, der spätere Kaiser, in einem Brief an den General von Natzmer, zit. nach: F. Meister, Der Schuß …, in: Der Bär, 17. Jg. [1890], S. 300.)


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Andreas Hoffmann: Schering - Werk Charlottenburg / Tegeler Weg 28-33

 

 

Abb. 11 Idealisierte Darstellung des Werksgeländes (1889). Die Lithographie dienre der Werbung. Dampfschiff, Eisenbahn und Wasserturm versinnbildlichen Gewerbefleiß

 

Baugeschichte

1868 bis 1872: In den "Dalldorfer Wiesen" und "Großen Stücken", so die Flurnamen für das Wiesengelände zwischen der heutigen Ringbahn, dem Tegeler Weg und dem Königsdamm (heute: Heckerdamm), regt sich die Bautätigkeit. Der Schiffbaumeister A. Kräusel und der Schachtmeister Carl Friedrich Riedel erbauen direkt am Tegeler Weg Wohnhäuser, letzterer zur Vermietung an die Arbeiter an der Bahnbrücke über die Spree. Die Berliner Unternehmer Franz Hensel und J. Grün planen auf ihren dahinter gelegenen Grundstücken eine Porzellan- und eine Zinkfabrik. Die Fabrikgebäude bleiben Bauruinen, "die jetzt als Asyl für liederliches Gesindel dienen" (Bericht des Schutzmanns Richter, 20.9.1869).

1872 bis 187 3: Der Cottbusser Fabrikant Carl Wilhelm Böttcher errichtet auf Kräusels Grundstück eine Fabrik zur Destillation von Maschinenöl aus Harzen.

1875: Hensels Grundstück wird von dem Fabrikanten Curdes gekauft. Er vollendet den Bau des Fabrikgebäudes und fügt einen Dampfkessel mit Maschinenhaus und Schornstein hinzu.

1879: Der Chemiker Karl Lieber übernimmt das Grünsche Grundstück und führt den Bau der Fabrikanlage für "cau-


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Abb. 12 Grundsteinlegung für den Neubau des Mikrobiologischen Betriebs (April 1957). Im Hintergrund die Mörschbrücke

 

stische und kohlensaure Alkalien'' zu Ende. Die Firma Schering kauft Curdes' 21.615 qm große Anlagen und beantragt die Konzession und Baugenehmigung für eine Fabrik von Schwefeläther, Essigäther und absoluten Alkohol (29. Mai).

1880: Die Fabrik nimmt am 12. Juni ihren Betrieb auf.

1884: Es entsteht ein größeres Fabrikgebäude für Metallschmelze.

1886: Die Firma Schering kauft die benachbarten Grundstücke von Böttcher, Kräusel und dem Rentier Ferdinand Kraatz. An das alte Curdessche Fabrikgebäude baut Schering ein dreistöckiges Gebäude zur Herstellung von Gerbsäure an.

1888.: Durch den Ankauf des Lieberschen Grundstücks vergrößert Schering seinen Besitz auf 56.000 qm.

1891: Bau einer Fabrikanlage zur Herstellung von übermangansaurem Kali. Die Bauausführung liegt bei Ernst Gerhardt. 1893: Ein neues Kesselhaus wird errichtet.

1895: Für die Photographische Abteilung wird aus Backstein ein Gebäude im Stil der italienischen Renaissance ausgeführt (Architekt: Otto March).

1896: Ein Speisesaal wird für die Belegschaft eingerichtet.

1897: Fabrikationsgebäude für Kollodium und technische Salze, Aldehyde und Chlorverbindungen werden bezogen. Ein weiteres Kesselhaus beginnt mit dem Betrieb.

1900 bis 1901: Bau einer Fabrik für Carbolsäure und zur Sublimation von Salicylsäure.

1904.: Für die Produktion von künstlichem Kampfer entsteht ein großes Fabrikgebäude mit Dampfanlage.

1911: Wegen erheblicher Proteste der Anwohner und der anfänglichen Verweigerung der Baugenehmigung nimmt die neue Borneolfabrik, die zur Kampferherstellung notwendig ist, mit drei Jahren Verspätung ihren Betrieb auf.


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Abb. 13 Scherings Charlottenburger Werk aus der Vogelperspektive (1972)

 

1912: Das Werk erhält eine eigene Energiezentrale.

1924 bis 1929: Schering verlegt seinen Produktionsschwerpunkt von Charlottenburg fort. Verschiedene Gewerbebetriebe richten sich in den leerstehenden Gebäuden der Firma Schering ein.

1939: Am 24. Februar beginnt die Firma Schering mit dem Bau eines zentralen Verwaltungsgebäudes an der Ecke Tegeler Weg/ Am Bahnhof Jungfernheide (1970: Max-Dohrn-Straße). Das Gebäude wird nicht fertiggestellt, von der Firma Siemens gemietet und, mit einem vierten Geschoß versehen, während des Krieges als Krankenhaus für ihre Zwangsarbeiter genutzt (Architekten: Paul Emmerich und Paul Mebes).

1945: Zwischen dem 20. und 27. April werden die Scheringschen Fabrikgebäude durch Granatbeschuß der sowjetischen Artillerie beschädigt.

1946/47: Aufbau einer Stahlhalle zur Penicillin-Herstellung.

1950: Erste Reparaturarbeiten an den beschädigten Gebäuden und der Heizungsanlage sind erledigt.

1951: Am 1. Januar mietet das Deutsche Rote Kreuz das Siemenssche Krankenhaus.

1953: Der Tegeler Weg wird nach Westen verlegt und das Firmengrundstück um die alte Straßenfläche vergrößert.

1955: Der Neue Verbindungskanal (heute: Westhafenkanal), schon 1934 projektiert und 1938 begonnen, wird durchgestochen. Das Grundstück verkleinert sich dadurch auf 47.604 qm, erhält aber Anschluß an das Wasserstraßennetz.

1958: An der Stelle des abgebrochenen Fabrikgebäudes V entsteht der Neubau des Mikrobiologischen Betriebs.

1970: Der Liquidabetrieb beginnt in seiner ersten Ausbaustufe mit der Abfüllung flüssiger Präparate (Architekt: Heinz Rausendorff).

1973: Im Oktober beginnt die Produktion im zweiten Liquidabetrieb.

1981: Am 4. Januar brennt das alte Kesselhaus ab. Es wird Mitte November abgebrochen.


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Abb. 14 Ernst Schering (1824 bis 1889)

 

Ereignisgeschichte

 

Gesundheitliche Gesichtspunkte spielten eine untergeordnete Rolle, als sich die chemische Industrie das Ballungsgebiet Berlin in den Gründerjahren des vorigen Jahrhunderts als bevorzugten Standort aussuchte. Die Firmen der chemischen Industrie entstanden aus Konsortien von Kaufleuten und Chemikern oder aus Apotheken.

Im Jahre 1851 kaufte Ernst Schering die Schmeissersche Apotheke in der Chausseestraße 21 und nannte sie voller Optimismus hinsichtlich ihres erhofften Wachstums "Grüne Apotheke". In ihrem Labor fertigte er die Präparate selbst, die wegen ihrer Reinheit stadtbekannt wurden. Schon 1854 begann Schering, Chemikalien für den steigenden Photobedarf herzustellen. Damit stieß er gegen die französischen Importprodukte auf dem deutschen Markt vor.

In die Müllerstraße 170, noch heute Hauptsitz dieses einzigen in Berlin verbliebenen Betriebes der chemischen Großindustrie, verlegte Schering nach 1858 seine Produktionsstätten. Die Anforderungen des Militärs und der Medizin verstärkten die Nachfrage nach chemischen und pharmazeutischen Artikeln. Am 23. Oktober 1871 gründete Schering die "Chemische Fabrik auf Actien (vorm. E. Schering)".

Im Jahre 1879 ruinierte die Einführung der Branntweinsteuer in Baden viele Firmen. Eine von ihnen, Hoffmann & Schedensack in Ludwigshafen, verkaufte Schering ihre gesamte Apparatur zur Ätherherstellung. Dafür war in der Müllerstraße kein Platz mehr. Schering setzte zur Randwanderung nach Charlottenburg an. Dort bot auf freiem Feld am Tegeler Weg der Fabrikant Curdes ein Grundstück für den günstigen Preis von 1,61 Mark pro Quadratmeter an. Es schien verkehrsgünstig in der Nähe der neuen Ringbahn zu liegen, doch erhielt das Grundstück nie den erhofften direkten Gleisanschluß. Auf dem Gelände standen ein modernes Fabrikgebäude, eine Dampfmaschine und ein niedriger Schornstein.

Die Firma Schering verlegte die Produktion all jener Chemikalien nach Charlottenburg, für die Alkohol und Äther nötig waren, insbesondere reiner Alkohol, Essigäther, Kollodium und Tannin. Daneben wurde der Betriebfür die Salicylsäureherstellung hier eingerichtet. Kollodium und Tannin waren für die Anfertigung photographischer Artikel unerläßlich, Tannin wurde ferner als Arznei- und Klärmittel und in der Färberei verwendet. Salicylsäure fand Verwendung in der Human- und Tiermedizin und zur Herstellung künstlicher Farbstoffe. Am


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Abb. 15 Blick in den Charlottenburger Fabrikhof (1900)

 

12. Juni 1880 wurde unter der Leitung des Apothekers Theodor Kempf das Charlottenburger Zweigwerk in Betrieb genommen. In den ersten Jahren wurden dort alle technischen Chemikalien produziert, während die pharmazeutischen Präparate weiterhin im Wedding hergestellt wurden. Dort intensivierte Schering mit der Gründung des Wissenschaftlichen Laboratoriums 1889 seine Forschung. Sie zeitigte wichtige Ergebnisse, die in Charlottenburg mit wechselndem Erfolg industriell verwertet wurden: die Entwicklung eines Diphterie-Serurns, photographischer Artikel und des synthetischen Kampfers.

 

Die Bakteriologische Abteilung (1894-1958)

Drei Jahre nach Robert Kochs Erfindung des Tuberkulins arbeiteten 1893 die Chemiker Emil von Behring in Höchst und Hans Aronson an der Landwirtschaftlichen Hochschule zu Berlin an der Entwicklung eines Heilserums gegen Diphterie. Ein Wettlauf um wissenschaftlichen Lorbeer, Patentrechte und die günstigeren Startpositionen auf dem Markt begann. Am 27. April 1893 veröffentlichte Behring seine Heilmethode auf bakteriologischserologischer Grundlage. Genau einen Monat später nahm Schering Aronson unter Vertrag. Er erläuterte seine Heilmethode am 31. Mai in dem Vortrag "Über experimentelle Untersuchungen über Diphteriebehandlung durch die immunisierenden Substanzen des Blutserums". Aronson strebte im Gegensatz zu Behring die Gewinnung eines konzentrierten festen Impfstoffs mit höherer Wirksamkeit an. Damit hätte er einen Qualitätsvorsprung vor Behring gewonnen.


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Behring, der bekanntere der beiden Chemiker, polemisierte in Fachzeitschriften dagegen. Mitten in diese Kampagne platzte im März 1894 eine Pressenotiz der Firma Schering, daß sie eine Diphterieantitoxinlösung herstelle, die zwanzigmal wirksamer sei als Behrings Serum. Behring verwahrte sich gegen die Verwendung seines Namens und verdoppelte seine Anstrengungen in dem irrigen Glauben, Aronson folge ihm dichtauf, Im August 1894 brachten die Höchster Farbwerke Behrings Serum auf den Markt. Zu diesem Zeitpunkt hatte Aronson gerade die ersten Diphteriefälle erfolgreich geheilt. Erst einen Monat, nachdem Hoechst mit dem Vertrieb des Serums begonnen hatte, richtete Aronson in Charlottenburg seine Bakteriologische Abteilung ein.

Große Erwartungen knüpften sich daran, doch der Vorsprung von Hoechst war nicht mehr aufzuholen. Aronsons Bakteriologische Abteilung zog in ein älteres Fabrikgebäude, das unwesentlich modernisiert wurde. Die sechzig Pferde, die als Passagetiere ihr immunisiertes Blut zur Serumgewinnung hergaben, standen in Mietställen. Gewinne waren mit solchen Provisorien nicht zu erzielen. Während Hoechst auf dem Heilmittelmarkt expandierte, schrumpfte der Charlottenburger Betrieb. Die Pferde starben oder wurden verkauft bis auf neunzehn Tiere (1896).

Im Jahre 1902 trat Aronson mit einem Serum gegen Streptokokken an die Öffentlichkeit. Staatliche Tests erwiesen es als haltbar und wirksam. Aber wieder blieb der Erlös hinter den Erwartungen zurück, da Lieferverzögerungen und -ausfälle die Kundschaft verprellten.

Aronson wurde 1909 gekündigt. Sein Nachfolger Anton Marxer brachte im selben Jahr unter dem Namen "Arthigon" einen Impfstoff gegen Gonokokken heraus, der bis in die vierziger Jahre sehr gebräuchlich war. Die weiteren Produkte hatten keinen großen Marktwert.

Als die meisten Abteilungen in den zwanziger Jahren verlegt wurden, gewann die Bakteriologische Abteilung, die als einzige in Charlottenburg verblieb, Platz. Namhafte Bakteriologen arbeiteten nun für Schering: Der Chefarzt des Allgemeinen Krankenhauses Wien Müller brachte 1926 das Ballungsreagens heraus, einen Extrakt aus geeigneten Rinderherzen zum serologischen Nachweis von Lues, Tuberkulose und Gonorrhoe. Im Jahre 1938 gelang die Konfektionierung von Insulin und Pernaemyl. Während des Zweiten Weltkriegs stellte sich die Bakteriologische Abteilung auf die Lieferungen von Flecktyphus-Vakzinen ein, die aus Mäuselungen gewonnen und an Meerschweinchen getestet wurden. Ferner

 

"Bei meinen Besuchen in den diversen städtischen Krankenhäusern betreffs Einführung unseres Diphterie-Antitoxins mußte ich leider wieder die Wahrnehmung machen, daß die Konkurrenz Höchst, Ruete-Enoch und sogar bei einzelnen das Sächsische Serum-Werk sehr fest im Sattel sitzt. […] Überall wurde mir vorgehalten, daß wir in früheren Jahren durch unregelmäßige Lieferungen, die sogar zeitweise mangels Vorrat ganz eingestellt wurden, die Unzufriedenheit der leitenden Ärzte hervorgerufen hätten, und von diesen alsdann verfügt wurde, den Bedarf bei Höchst zu decken, da hier auf prompte Bedienung zu rechnen sei." (Bericht des Direktors Golunski, 20.11.1911.)


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Abb. 16 Comptoir der Photographischen Abteilung (1900)

 

lieferte Schering Impfstoffe gegen Typhus, Ruhr und Cholera an die Wehrmacht.

Ebendiese Stoffe standen am Anfang der Produktion in Charlottenburg nach dem Kriege. Als erstes deutsches Werk stellte Schering dort 1947 Penicillin her. In den Neubauten am Tegeler Weg nahe dem Westhafenkanal trat die Mikrobiologische Abteilung 1958 mit der Herstellung von Hormonsubstanzen die Nachfolge der Bakteriologischen Abteilung an.

 

Die Photographische Abteilung (1895-1930)

Der Zufall stand Pate, als man in Scherings Labor 1893 beim Experimentieren mit Formaldehyd in der Müllerstraße entdeckte, daß dieser Stoff Gelatine härtet. Darauf ließ sich ein neuer Produktionszweig aufbauen. Mit einem neuartigen Verfahren gelang die Herstellung der ersten photographischen Trockenplatte: Flüssige Gelatine wurde auf Glasplatten gegossen, getrocknet und in Formaldehydlösung getaucht. Die Platten waren danach mit einem transparenten, elastischen Belag überzogen, der sich auch in heißem Wasser nicht löste.

Schering begann nun neben der Herstellung photographischer Chemikalien mit der Fabrikation von Photoplatten, -filmen und -papieren. Eigens dafür entstanden am Tegeler Weg zwischen 1895 und 1897 ein heute noch stehender "Renaissance-Palast" aus Backstein und ein Gebäude zur Herstellung von Kollodium. Die Investitionen zahlten sich zunächst nicht aus. Wegen eines Brandes in der Kollodiumfabrik stockte 1897 die Produktion. Die

 

"[Schering ist es] vor kurzem auch gelungen, eine Beobachtung zu machen, deren Tragweite heute noch gar nicht abzusehen ist. Es ist dies nämlich die von der Fabrik entdeckte Thatsache, daß der in jüngster Zeit auf den chemischen Markt gekommene Formaldehyd […] die Eigenschaft besitzt, sich mit Gelatine zu verbinden und dieselbe in einen unlöslichen hornartigen Körper zu verwandeln. Diese Verbindung, welcher sie den Namen 'Gelaroid' gegeben hat, benutzt die Fabrik zur Herstellung lichtempfindlicher Platten und Papiere. Es ist leicht ersichtlich. daß ein derartig gehärtetes Produkt eine weit größere Garantie für die Widerstandsfähigkeit und Unveränderlichkeit der mit seiner Hilfe erzeugten Bilder bietet, als die bisher benutzte leichtlösliche Gelatine." (O. N. Witt, Chemische Industrie …, S. 409.)


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Abb. 17 Das ehemalige Gebäude der Photographischen Abteilung (etwa 1920)

Abb. 18 "Satrap" - ein Markenzeichen Scheringscher Photoerzeugnisse

 

Plattenproduktion wurde 1900 eingestellt, da es nicht gelang, die Fabrikationsräume staubfrei zu halten. Der Aufsichtsrat erwog im selben Jahr die Schließung der gesamten Photographischen Abteilung.

Da kündigten sich die ersten Verkaufserfolge des Celloidin-Photopapiers "Satrap matt" an. Diese Marke wurde für Jahrzehnte ein Inbegriff Scheringscher Photoerzeugnisse. Sie warfen einen solchen Gewinn ab, daß die Photographische Abteilung von Charlottenburg aus expandierte. Schering kaufte mehrere Firmen der Photobranche auf oder beteiligte sich an ihnen, so auch mehrheitlich an der Voigtländer & Sohn AG in Braunschweig 1923. Wegen Platzmangels verlegte Schering die Photographische Abteilung 1924 von Charlottenburg auf ihr neu erworbenes Fabrikgelände in Spindlersfeld. Am 1. Januar 1931 übertrug Sehe ring seiner Tochtergesellschaft Voigdänder das gesamte defizitär gewordene Photogeschäft.

 

Charlottenburger Kampfer (1903-1926)

Am grünen Tisch entstand das Bedürfnis nach dem ersten bedeutenden Kunststoff, dem Celluloid. Die Freunde des Billard wünschten billigere Kugeln als die bis dahin üblichen aus Elfenbein. Im Jahre 1868 kam das Celluloid auf


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Abb. 19 Schering-Arbeiterin beim Verpacken (1900)

 

den Markt. Als Rohstoff zu seiner Herstellung diente Kampfer. Er spielte auch eine wichtige Rolle in der Pyrotechnik. Der Kampferbaum, aus dessen Holz der Rohkampfer ausgedärnpft wurde, wuchs jedoch nur in Japan und Formosa. China mußte die Insel 1895 im Friedensvertrag von Shimonoseki an Japan abtreten, das nunmehr den Weltmarkt für Kampfer monopolisierte. Innerhalb weniger Jahre stieg der Preis für ein Kilogramm von sechzig Pfennig auf 4,20 Mark. Gerade zu jener Zeit laborierten die deutschen Chemie-Firmen unter dem Druck der auf den europäischen Markt drängenden US-Firmen an einer Baisse. Wie gerufen kam daher Anfang Februar 1902 aus Scherings Wissenschaftlichem Laboratorium die Nachricht, daß es gelungen sei, Kampfer über mehrere Reaktionsschritte aus Terpentinöl zu synthetisieren. Dieses Öl, das in einigen Ländern Südeuropas und Lateinamerikas aus den Harzen mancher Nadelgehölze gewonnen wurde, war im Einkauf billiger.

Unverzüglich errichtete Schering Fabrikationsanlagen in Charlottenburg. Eile war geboten. Vier Monate nach dem Aufsichtsratsbeschluß ging am 26. Oktober 1903 eine Anlage mit einer Tagesleistung von sechs Zentnern in Betrieb. Im Februar 1904 begann die Firma bereits mit der Verdoppelung der Kapazität. Die Hast forderte Tribut: Am 2. Mai 1904 rückten die Löschzüge beider Charlottenburger Feuerwachen aus, um einen Brand in der Kampferanlage zu bekämpfen. Sieben Feuerwehrleute erlitten dabei Verletzungen. Einern von ihnen spritzte glühender Kampfer ins Gesicht. Schering zog aus der Brandursache Erkenntnisse für eine sicherere Konstruktion der Autoklaven. Dennoch waren am 13. August 1906 nachts Charlottenburgs Feuerwehrleute wieder in der Kampferfabrik im Einsatz und trafen "umfangreiche Maßregeln […], um Wiederholungen dieser Brände zu verhüten und sie sicher auf den Raum zu beschränken". (Bericht… 1906 …, S. 101.) Am 4. April 1912 kam es daraufhin zur Explosion, das Dach des Kampfergebäudes brannte ab, und der Giebel wurde stark beschädigt.

Scherings Kampfergeschäft florierte dennoch, zumal in seiner Aufbauphase 1904/05 Japan mit Rußland im Krieg lag und als Exportkonkurrent ausfiel. Allerdings verursachte Scherings Herstellungsverfahren noch erhebliche Transportkosten. Die Umsetzung von Terpentinöl mittels Salzsäure zu Pinenchlorhydrat und dieses Stoffes zu Camphen erfolgte in Charlottenburg. Die Oxidation des Camphens zu Kampfer bewerkstelligte in Scherings Auftrag die Firma Hoechst in Gersthofen am Lech dank der dort nutzbaren Wasserkraft billiger. Erst ein Brand in

 

"Die Versuche standen von vornherein unter dem Motto der Billigkeit, denn die Herstellung des synthetischen Kampfers hatte für die Chemische Fabrik auf Aktien als "industrielles Unternehmen" in erster Linie den Zweck, ein neues Präparat zu bekommen, welches durch seinen billigen Einstandspreis den Wettbewerb mit dem von Japan monopolisierten Natur-Kampfer aufnehmen konnte. Dieses Moment der Wirtschaftlichkeit stand im Vordergrund gegenüber dem rein wissenschaftlichen Interesse der Forscher."

(Aufzeichnungen des Direktors Paul Korn, etwa 1940.)


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Abb. 20 Luftbild des Charlottenburger Werks (1921). Links der Tegeler Weg

 

jener Fabrik führte 1915 dazu, die Kampferproduktion völlig in Charlottenburg zu konzentrieren.

Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs belieferte Schering vor allem Pulverfabriken mit Kampfer. 1917 mußte die Kampferfabrik jedoch wegen Rohstoff- und Arbeitskräftemangels geschlossen werden. In ihren Räumen wurden Gasmasken gefüllt. Erst 1919 begann mit der Einrichtung des Wissenschaftlichen Kampferlaboratoriums wieder der Betrieb in Charlottenburg. Die technische Entwicklung auf diesem Gebiet vollzog sich jedoch bei der Rheinischen Kampferfabrik in Düsseldorf, deren Aktienmehrheit Schering nach einem längeren Patentstreit und einer kurzen Phase der Zusammenarbeit 1922 aufkaufte. Ein Jahr später betrieb Schering seine Kampferherstellung auf seinem neuen Betriebsgrundstück in Eberswalde. Die Produktion in Charlottenburg endete 1926.

Damit hatte Schering Charlottenburg als Produktionsort nahezu verlassen. Nur die Bakteriologische Abteilung blieb. Kleinere Betriebe und Gewerbetreibende mieteten die freigewordenen Gebäude und nutzten Seherings Infrastruktur wie Abwasserleitungen, Sickergruben und Dampfkessel. Unter den Firmen waren Hersteller von Flaschenkapseln, Sandstreuschleuderschutzapparaten, Desinfektionsmitteln, Seife, eine Teppichwäscherei,

 

"Durch die Fertigung synthetischen Kampfers durch Firma Schering wurde die Heeresverwaltung vom Auslande unabhängig. Diese Unabhängigkeit ist auch für die Lieferungen im Kriegsfalle sehr wichtig. Ferner ist die Erhaltung der Konkurrenz von großem Wert, um einen dauernden Druck auf die Preisverbilligung des natürlichen Kampfers auszuüben."

(Brief der Feldzeugmeisrerei ans Königliche Polizei-Präsidium Charlottenburg, 11.5.1908.)


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Abb. 21 Steril-Abfüllung in der "Kapelle" (1962) …

 

Abb. 22 … und technisch fortgeschritten in den Räumen des Liquidabetriebs (1975)

 

 

Reinigung, Autolackiererei, Transformatorenfabrik, die Bayrischen Stickstoffwerke mit einem Versuchslabor und die "Cellon-Werke", die im Fabrikgebäude hinter der ehemaligen Photographischen Abteilung Farben, Lacke und Folien produzierten.

Im Keller dieses Gebäudes erwarteten Mitte April 1945 etwa 150 ausländische Zwangsarbeiter, die seit der Zerstörung des Werkes Wedding im November 1943 hier arbeiteten, und die "Scheringianer" freudig oder bang das Kriegsende. Das Werk blieb im Gegensatz zu den anderen Zweigwerken unversehrt, von Demontagen verschont und im Besitz der Firma. Noch 1945 nahm es wieder die Produktion von Impfstoffen gegen Cholera, Typhus, Paratyphus, Ruhr und Gonokokken auf. Als im Sommer 1948 die Zweigwerke in der sowjetischen Besatzungszone und im Berliner Ostsektor verstaatlicht wurden, entstand in Charlottenburg wieder eine Chemische Abteilung für die Herstellung von Zwischenprodukten für Sulfonamidpraparate und Pflanzenschutzmittel.

In der Zeit des Kalten Krieges orientierte sich Schering bei der Wahl von Zweigniederlassungen nach der Bundesrepublik, wohin die bisherigen Charlottenburger Produktionsschwerpunkte verlegt wurden. Das Werk am Tegeler Weg übernahm die Zulieferung von Wirkstoffen für Pflanzenschutzmittel und die Fabrikation von Hormonpräparaten, seit 1958 in einem Neubautrakt nördlich des alten "Backsteinpalastes".

In einer politisch unsicheren Zeit, in der das Engagement wichtiger Großfirmen in Berlin (West) nachließ,

 

"So verging wohl noch eine Stunde, bis auf einmal Bewegung in die Massen [der deutschen und Zwangsarbeiter im Luftschutzkeller] kam; ein deutliches anschwellendes Stimmengewirr aus der Tiefe des Kellers, Lachen und jubeln, und dann hörten wir Ausrufe 'die Russen sind da, die Russen sind da'. Die Gefahren der Schlacht waren offensichtlich überstanden und nun begannen neue Sorgen. Vereinzelte Russen waren in den Keller gekommen, sie wurden umringt von unseren russischen Arbeiterinnen. Wir Deutschen galten nichts mehr, ein Nichts inmitten dieser jubelnden, lachenden Menschen."

(Augenzeugenbericht von Hermann Wallbrecht über den 26. April 1945.)


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investierte Schering verstärkt in Charlottenburg. In den Jahren 1970 und 1973 nahmen zwei vorbildlich ausgestattete Liquidabetriebe ihre Produktion auf. Damit füllte Schering alle flüssigen Präparate in Charlottenburg ab, sechzig Millionen Ampullen und Flaschen jährlich. Die Fabrikationsräume, nach den Hygieneempfehlungen "Good Manufacturing Practices" (GMP) der Weltgesundheitsorganisation eingerichtet, erregten die Aufmerksamkeit der Fachwelt. Die GMP erlangten erst 1978 in der Bundesrepublik Gesetzeskraft. Mit diesen Maßnahmen, zu denen 35 getrennt arbeitende Klimakreisläufe, fünfzig Kontrollvorgänge an jedem Präparat und die strikte Trennung der Arbeitsbereiche in drei Sauberkeitsklassen gehören, wirbt Schering für seinen Ruf als ein Hauptexporteur der deutschen chemischen Industrie.

 

Literaturhinweis

Maria Bergmann, Die chemische Industrie, in: Jochen Boberg/Tilman Fichter/Eckhart Gillen (Hrsg.), Exerzierfeld der Moderne, München 1984, S. 344-351. Hans Holländer, Geschichte der Schering Aktiengesellschaft) Berlin 1955. Bernhard Lepsius, Fünfzig Jahre Chemische Fabrik auf Aktien (vorm. E. Schering), Berlin 1921. Karl Ernst Rimbach, 250 Jahre Charlottenburg, hrsg. vom Bezirksamt Charlottenburg, Berlin 1955, S. 126. Schering-Blätter, 5 (1971). Otto N. Witt, Chemische Industrie, in: Berlin und seine Arbeit. Amtlicher Bericht der Berliner Gewerbeausstellung 1896, Berlin 1901, S. 402-416. Gert I. Wlasich, Von der Apotheke zur Weltfirma, in: Berlin: Von der Residenzstadt zur Industriemetropole. Katalog der Technischen Universität Berlin, Bd. 1, Berlin 1981, S. 223-229. Berichte über die Verwaltung und den Stand der Gemeinde Angelegenheiten der Stadt Charlottenburg 1904 ff.


II. Am Spandauer Berg

 

 

1 Die Berliner Pferde-Eisenbahn und ihr Betriebshof

2 Napoleonsburg

3 Das Städtische Krankenhaus Westend / Das Klinikum Charlottenburg der Freien Universität Berlin

4 Die Wohnung von Andreas Hermes, Platanenallee 11


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Andreas Hoffmann: Die Berliner Pferde-Eisenbahn und ihr Betriebshof / Spandauer Damm 68-76

 

 

Abb. 23 Blick von der Spandauer Straße in den "Hauptbahnhof", um 1900

 

Baugeschichte

1864: Der Fuhrunternehmer Ernst Theodor Besckow und sein Bruder Friedrich Wilhelm beantragen auf ihrem 800 Quadratmeter großen Grundstück Spandauer Straße 15 (beute: Spandauer Damm 68-76) die Genehmigung zum Bau eines Stalles für 124 Pferde und eines "Apartementgebäudes".

1865: Der "Eisenbahn-Unternehmer'' A. Moller läßt das Projekt ausführen und um "einen Wagen-Schuppen zu 26 Omnibus" und einen "Kranken-Pferde-Stall" erweitern. Die Fachwerkgebäude werden mit Teerpappe gedeckt. Nach der Übernahme der Fuhrkonzession Mollers durch die Gebrüder Besckow entstehen ein Fahrkartenhäuschen mit Wartehalle und ein Wohnhaus für den Portier an der Ecke Spandauer Straße/Weg nach Fürstenbrunn (heute: Sophie-Charlotten-Straße).

1871: Nach dem Entwurf des Baumeisters Erdmann wird ein massives zweigeschossiges Stationsgebäude hinzugefügt.

1872: Der Wagenschuppen erhält nach den Plänen des Maurermeisters W. Bethke einen repräsentativen gemauerten Giebel.

1875: Die Pferdebahngesellschaft erwirbt das benachbarte Grundstück, bestimmt die darauf stehende, elf Jahre alte Villa zum Wohnhaus des Direktors und läßt dahinter zwei zweigeschossige massive Ställe für zusammen 112 Pferde errichten.

1882: An der östlichen Grundstücksgrenze entsteht ein weiterer Pferdestall.

1885: In der Bahnhofseinfahrt wird ein zweites Gleis gelegt.


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Abb. 24 Die ehemalige Einfahrt in den Pferdebahnhof, Januar 1986

 

1892: Die Inspektionshalle (früher: Wartehalle) wird zurückversetzt, um eine Verbreiterung der Spandauer Straße zu ermöglichen.

1897: Einbau einer Schiebebühne vor dem östlichen Wagenschuppen

1911: Für den elektrischen Turmwagen läßt die Große Berliner StraßenbahnGesellschaft eigens einen eisernen Schuppen errichten.

1919: Im westlichen Wagenschuppen werden eine Reparaturwerkstatt, ein Waschund ein Mannschaftsraum eingerichtet.

1922: An der Inspektionshalle und am Zaun werden Reklametafeln angebracht. Eine wirbt mit dem Spruch: "Dein Vorteil ist es, - präg's Dir ein - Für Schuh' und Stiefel: Arenstein."

1934: Vier Jahre nach der Eröffnung des neuen Betriebshofes 18 in der Königin-Elisabeth-Straße 23 läßt die BVG das alte Bahnhofsgrundstück bis zum 9. Oktober einebnen. Allein das ehemalige Direktorengebäude als Büro der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und der dahinterliegende Wagenschuppen als ihr Vorratslager bleiben stehen.

1937: Die Gemeinnützige Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft (GSW) kauft das Grundstück, läßt das Direktionsgebäude abreißen und beginnt mit einer Wohnrandbebauung des Grundstücks (Architekt: Richard Pardon).

1938: Ende Februar sind die 103 Wohnungen bezugsfertig. Den letzten verbliebenen Straßenbahnschuppen baut die Speditionsfirma Gebr. Hertling zu einem Lagergebäude um.

1943: Die Wohngebäude in der Sophie-Charlotten-Straße werden durch Bomben zerstört.

1953 bis 1954: Die GSW läßt sie wiederherstellen. Die Wohnungsgrundrisse werden teilweise geändert.

1957 bis 1959: Das rückwärtige Grundstück (heute: Ernst-Bumm-Weg) wird mit sechs Wohnblöcken bebaut (Architekten: Wilhelm Vormeier, Wolfgang Wunsch). Dabei wird das Lagergebäude der Firma Hertling als letztes Relikt des Pferdebahnhofs abgebrochen.


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Ereignisgeschichte

Zu Lande und zu Wasser gab es zwischen Berlin und Charlottenburg etliche Verbindungen. Anfang des 18. Jahrhunderts beförderten Treckschuten Fahrgäste auf der Spree zur neuen Residenz. Am 8. Juni 1817 legte das erste Dampfschiff in den Zelten ab. Wenige Jahre verkehrte es hauptsächlich nach Charlottenburg; zu teuer waren die Fahrpreise und zu gering das Fahrgastaufkommen, um es rentabel zu betreiben. Zur gleichen Zeit stritten sich die Kutscher der Torwagen vordem Brandenburger Tor um die Fahrgäste nach Charlottenburg. Auf der nördlichen Seite des Torplatzes postierte seit 1825 der Fuhrunternehmer Simon Kremser die nach ihm benannten Wagen. Vom Lustgarten kommend, rollten seit 1847 Omnibusse über die Charlottenburger Chaussee (heute: Straße des 17. Juni) auf den Berliner Vorort zu.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Berlin eine Größe erreicht, die Verkehrsplanungen erforderlich machte. Im Jahre 1858 schlug der französische Staatsrat Carteret im Auftrage des Berliner Polizeipräsidenten unter anderem eine Pferdebahn von Berlin nach Charlottenburg vor. Sie war sowohl für den Passagier- als auch für den Gütertransport gedacht. Carteret erhielt die Konzession, doch ihm fehlte das Kapital zur Gründung eines solchen Unternehmens. Ähnlich erging es dem Kopenhagener Ingenieur Moller. Zwei Jahre nach der Beantragung erhielt er für die Durchführung seines Nahverkehrskonzepts am 13. März 1865 zwar eine Lizenz, verkaufte sie jedoch an die Fuhrunternehmer Ernst Theodor Besckow und]. Lestmann. Sie gründeten zwei Monate später mit 840.000 Mark Kapital die "Berliner Pferde-EisenbahnGesellschaft, Commanditgesellschaft auf Actien, E. Besckow" (seit 1875: "J. Lestmann").

Ihr Pilotprojekt startete auf der Strecke von Berlin durch den Tiergarten nach Charlottenburg. Vor allem zwei Gründe gaben dazu den Ausschlag: Zum einen erwarteten die Unternehmer einen starken Ausflugsverkehr; Pendler benutzten die Bahn erst später. Zum anderen besaß Besckow an der Ecke Spandauer Straße/Fürstenbrunner Weg einen Pferdestall, der zum Betriebsbahnhof ausgebaut wurde. Von dort ließen die Unternehmer die Schienen eingleisig auf Berlin zu verlegen. Noch stand nicht fest, wo dort die Strecke verlaufen sollte, denn der Fiskus wehrte sich gegen die Verschandelung des Boulevards Unter den Linden.

Am 21. Juni 1865 setzte sich die erste deutsche Pferdebahn in Bewegung. Die geladenen Gäste stiegen um elf


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Abb. 25 Geschmückter Decksitzwagen am 90. Geburtstag Wilhelms I., 22. März 1887

 

Uhr am Brandenburger Tor zur Jungfernfahrt in die festlich geschmückten Wagen. Vorneweg ein Musikcorps, fuhren sie die 6,3 Kilometer lange Strecke zum Betriebsbahnhof, besichtigten die 130 Pferde und feierten dann im Türkischen Zelt. Am Tag darauf verließ um sieben Uhr das erste Gespann das Charlottenburger Depot und eröffnete damit den regelmäßigen Liniendienst.

In einem Wagenabstand von zehn Minuten wurden etwa 45 Passagiere für einen Fahrpreis von 2,5 Silbergroschen (im Salonwagen 5 Silbergroschen) in den Wagen mit Oberdeck ("Imperial") befördert, Wer konnte sich das leisten? Maurer arbeiteten für einen einfachen Fahrschein über eine Stunde. Arbeiter und Handwerker gingen also meistens zu Fuß. Regelmäßige Passagiere waren vielmehr

die vermögenden Berliner Bürger, die Sommerwohnungen in Charlottenburg besaßen. Später gesellten sich zu ihnen höhere Beamte, die in Westend oder Charlottenburg wohnten und in Berlin ihrer Beschäftigung nachgingen. Für die am 28. August 1865 eröffnete, 1,5 Kilometer lange Reststrecke vom Brandenburger Tor über die Sommer- und Dorotheenstraße (heute: Ebert- und ClaraZetkin-Straße) zum Kupfergraben richtete die Gesellschaft einen innerstädtischen Zonentarif von einem Silbergroschen ein, um weiteres Publikum zu gewinnen. Im ersten vollen Betriebsjahr benutzten 960 551 Personen die Pferdebahn.

An der Hauptstrecke mußten bald technische Verbesserungen vorgenommen werden. Die Flachrillenschienen,

 

"Wohin alle diese Leute fahren, was sie in Charlottenburg zu besorgen haben mögen, es ist rätselhaft. Ich habe die weisesten Leute befragt, ohne Auskunft zu erhalten. Ich glaubte bisher, der Verkehr mit Charlottenburg werde eigentlich nur durch die Wäscherinnen und die Sommerwohnenden erhalten; aber die Tausende, die da an Wochentagen sogar hinausfahren - was treiben sie draußen?"

(Hans Wachenhusen, Berliner Photographien, zit. nach: Bogdan Krieger, Berlin im Wandel der Zeiten, Berlin 1923, S. 374.)


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Abb. 26

 

die auf Langholz- und Querschwellen genagelt waren, erwiesen sich als zu leicht und führten zu häufigen Entgleisungen. Immerhin verursachte die Pferdebahn im Eröffnungsjahr zwölf Unfälle in Berlin. Schon 1867 wurden schwerere Schienen eingebaut, die seitlich genagelt wurden. Die Langholzschwellen wurden zudem mit Winkeleisen auf den Querschwellen befestigt. Der zweigleisige Ausbau im Jahr 1875 ermöglichte einen zügigen Verkehr, waren doch die Wagen an Spitzentagen mit 93 Personen mitunter vorschriftswidrig überladen.

In den Waggons, die Besckow in Hamburg gekauft hatte, hingen je zwei Laternen zur inneren und äußeren Beleuchtung. Über eine Zugleine erhielt der Wagenführer die Signale des Schaffners. Der Kutscher selbst gab an den Haltestellen und Straßenkreuzungen Signale mit dem Horn, nachts und bei Nebel mit einer Glocke. Den Pferden wurden bei schlechter Sicht Glocken umgehängt. Den Fahrgästen war das Rauchen nur auf den Außenplätzen und in den "Rauch-Coupes", dem Betriebspersonal gar nicht erlaubt. "Ihr Betragen gegen das Publikum muß höflich und bescheiden sein." (§ 19 der Verkehrsbestimmungen vom 27. Mai 1865.) Es war ausdrücklich verbo-

 

Bei Legung des zweiten Geleises der Berlin-Charlottenburger Pierdeeisenbahn geht die Direction derselben mit aller Hintenansetzung der Interessen des Publikums und Beachtung der nöthigen Sicherheitsmaaßregeln vor.

Der am Louisenplatz entstandene Bürgersteig liegt voller Feldsteine, so daß das Publikum denselben nicht benutzen kann, will nun Jemand an der Sch)oßwache aussteigen, so kann er nur den Fahrdamm betreten und ist in Gefahr, durch dort passirendes Fuhrwerk überfahren zu werden." (Bericht des Wachtmeisters Laufer, 20.7.1875.)


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ten, die Gleise durch "Abladen von Holz, Steinen und sonstigen Hindernissen" zu verstellen (§ 39). War die Bahn dennoch blockiert, so mußte "der Waggon aus den Schienen gebracht und die betreffende Stelle umgangen werden" (§ 32).

Arbeitszeiten zwischen sechzehn und achtzehn Stunden waren für das Personal die Regel. 1911 bestimmte ein Vertrag der Bahngesellschaft mit der Stadt Berlin, daß die "Wagenführer nur ausnahmsweise länger als 10 Stunden täglich" beschäftigt werden dürfen. Sieben Wagenwäscher und ein Lampenputzer kümmerten sich um die Wagen, sechs Stallwarter um die Pferde. Deren Zahl vermehrte sich bis 1890 auf etwa 300. Mit etwa neun Stundenkilometern zogen sie im leichten Trab die Wagen rund 27 Kilometer am Tag. Sie fraßen pro Tag etwa sieben Kilogramm Hafer, der mit Mais-, Erbsen- und Bohnenschrot durchsetzt war. Etwa zwei Prozent des Tierbestandes starben in jedem Jahr, ein Fünftel wurde verkauft und durch Zukäufe erneuert. Sattler und Schmiede sorgten für ihre Ausrüstung.

Von Bedeutung für die Erschließung der neu gegründe … ten Villenkolonie Westend sollte nach den Vorstellungen der "Westend-Gesellschaft Heinrich Quistorp & Co." der Bau einer Pferdebahnstrecke vom Depot über den Spandauer Berg zum Vereinsheim in der Kastanienallee (heute: SHELL-Tankstelle) werden. Am 1. November 1871 mühten sich die ersten Pferde mit den geschmückten Wagen den Berg hinauf. Die Strecke wurde am 17. September 1873 bis zur Kirschenallee verlängert. Fahrgäste, die von Berlin kommend nach Westend fuhren, mußten vor dem Depot aus den Decksitzwagen in die kleineren, einstöckigen Waggons umsteigen, die mit frischen Pferden bespannt, leichter den Berg hinauffuhren. Die Hoffnungen der Westend-Gesellschaft auf eine verkehrsmäßige Erschließung der Villenkolonie erfüllten sich nicht. Sie ging im Oktober 1873 infolge des "Gründerkrachs" in Liquidation. Aus der Konkursmasse kaufte die Berliner Pferde-Eisenbahn-Gesellschaft die Gleisanlagen. Am 15. Mai 1879 verlängerte sie die Strecke bis zum Gasthaus "Spandauer Bock" (heute: Spandauer Damm 263-267 / Reichsstraße). Nach der Eröffnung der Rennbahn Westend stieg der Verkehr auf der Linie so stark an, daß 1885 die Verlegung eines zweiten Gleises notwendig wurde.

Der Unterhalt der Pferde war der größte Kostenfaktor der Pferdebahnunternehmen. Der führende Berliner Industrielle Werner Siemens sah in der Elektrifizierung des Pferdebahnbetriebs ein profitables Anwendungsgebiet der Elektrizität. Durch den Verkauf der Pferde und die

 

"Die Gesellschaft ist gehalten, falls dies vom Magistrat verlangt wird, während der Nacht gegen eine angemessene, vorher zu vereinbarende Entschädigung auf ihren Bahnlinien Wagen, wekhe zur Abfuhr von Straßenkehricht, Müll, Küchenabgängen usw. ausschließlich Kloakeninhalt dienen, zu befördern. Dasselbe gilt hinsichtlich eines etwa einzurichtenden Transports von Leichen.

(§ 31 des Vertrags der Stadtgemeinde Berlin mit der Berlin-Charlottenburger Straßenbahn, 18.8.1911.)

 

"Sie thun weiter nichts wie saufen und in den Kneipen sitzen', hatte der Viktualienhandler Schulz zu Charlottenburg am 25. Jan. d.J. zu dem Schutzmann Schleusner gesagt, als er die Charlottenburger Chaussee entlang fuhr und die Schienen berührt hatte, weshalb er von dem Schutzmann aufgeschrieben worden war. - Der Beamte mußte die Anzeige machen, da die Beleidigung in Gegenwart vieler Schneeschüpper gethan worden […] Schulz wird zu 15 Mark Geldstrafe und Publikationsbefugniß für den Beleidigten verurtheilt."

(Neues Charlottenburger Intelligenzblatt vom 3.5.1879.)


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Abb. 27 Belegschaftsphoto zum 25jährigen Firmenjubiläum, 1890

 

Entlassung des Pflegepersonals sanken die Betriebskosten auf ein Viertel.

Als Siemens am 16. Mai 1881 in Lichterfelde die erste elektrische Straßenbahn der Welt in Betrieb nahm) führte er schon seit einem Monat Verhandlungen mit Lestmanns "Berliner Pferde-Eisenbahn-Gesellschaft'' über den elektrischen Betrieb der Strecke vom Depot an der Spandauer Straße auf den Spandauer Berg. Diese sollte - abgesehen von einer Vorführung auf der Pariser Weltausstellung einige Monate zuvor - erstmals in der Welt über eine Oberleitung erfolgen. In fünf Metern Höhe gespannt, verhinderte sie, daß Passanten mit der elektrischen Stromzuführung in Berührung kamen. In Lichterfelde, wo die Bahn über die Gleise mit Strom gespeist wurde, waren mehrfach Pferde beim Betreten zusammengebrochen. Anfang Juni erhielt Siemens die Konzession für sein Vorhaben auf der drei Kilometer langen Strecke. Im Januar 1882 begann der Probebetrieb, ein halbes Jahr später als geplant. Bergauf fuhr die "Drahtseilbahn" (bei zehn PS mit etwa neun, auf dem Berg bei fünf PS mit zwanzig Stundenkilometern. Anfang April brachte sie es schon auf

 

"Und die unausgesetzt unternommenen Probefahrten wollen bis dahin kein günstiges Resultat ergeben. Die Wagen laufen leer wohl den Berg hinauf, vermögen aber keine Passagiere zu befördern. Wird nun der Wagen durch Fortnehmen einzelner Metalle erleichtert, so reichen die übrigbleibenden wieder nicht aus, um die erforderliche Stärke des Stroms zu liefern."

(Der Bär, 8 [1882], S. 336.)


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Abb. 28 Siemens' elektrischer Triebwagen fährt den Spandauer Berg hinauf (Holzschnitt, 1882)

 

 

Abb. 29 Zwei Versuchswagen an der Endstation Westend 1882. Von der Villenkolonie ist noch nicht viel zu sehen


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Abb. 30 Carl Frischen (1830 bis 1890)

 

 

Abb. 31 Skizze der Versuchsbahn

 

10-12 km/h an und 25 km/h auf der Höhe. Nun wagte sich Siemens an die Öffentlichkeit. Der Projektleiter Carl Frischen veranstaltete am 29. April 1882 mit geladenen Gästen eine Demonstrationsfahrt auf den Spandauer Berg. Dort besichtigten sie das Maschinenhaus, in dem eine Lokomobile den Fahrstrom erzeugte, und beobachteten Rangier- und Kupplungsmanöver. Ein Frühstück im Freien, von der Pferdebahngesellschaft arrangiert, beendete den Vormittag. An Wochenenden genügten zwei mit Motor und Kabel versehene Pferdebahnwagen, um den Verkehr zu bewältigen. Sonn- und feiertags wurden für den Transport der zusätzlich gewöhnliche Pferdebahnwagen eingesetzt.

Die technischen Ergebnisse wurden von Beobachtern und von Siemens unterschiedlich kommentiert. Probleme stellten sich genügend. Der Kontaktwagen, der auf dem Fahrdraht rollte, fiel oft herunter. Daher ersetzte man ihn durch ein Rohr mit einem Kontaktschiffchen. Darin lockerten sich jedoch mit der Zeit die Muffen und Befestigungen und verursachten Störungen in der Stromzuführung. Direktes Löten beseitigte dieses Problem.

Im Jahre 1883 beendete Siemens die Versuche, und die Pferde bewerkstelligten den Verkehr wieder allein. Es war noch ein langer Weg, ehe man über den Stangenstromabnehmer (1888) und den Lyra-Bügel (1890) zu den heute üblichen Scherenstromabnehmern gelangte. Doch diese Entwicklungen fanden andernorts statt.

Siemens' elektrische Straßenbahnversuche blieben in Charlottenburg zunächst Episode. Erst 1892 setzte sich die Firma im Hinblick auf die 1895 auslaufende Konzession der Berliner Pferde-Eisenbahn-Gesellschaft mit dem

 

"Auf dem Telegraphendraht läuft ein kleiner eiserner Rollwagen, dessen Räder ausgekehlt sind, etwa in derselben Weise, wie die Rolle bei Fähren das Tau entlang rollt. Dieser Wagen fälle nun von der Höhe nicht herab, weil er mit dem zu befördernden Zuge durch eine eiserne Drahtleitung verbunden ist, welche die elektrischen Maschinen unter dem Wagen mit Strom speist. Der Hergang ist also folgender. Der elektrische Strom gelangt vom Hauptdraht in den Rollwagen, und von dort mittels der Nebenleitung in den Zug, welcher den Rollwagen mit Hilfe dieser selben Nebenleitung mit sich schleppt. Der Rollwagen zieht und wird zugleich gezogen: eine sonderbare Wechselwirkung!" (Der Bär, 7 [1881], S. 634.)


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Abb. 32 Eine "Elektrische" am Knie, 1908. Links geht es in die Bismarckstraße

 

Charlottenburger Magistrat in Verbindung, um ihrerseits eine elektrische Straßenbahnstrecke anzulegen. Der Weg durch das Behördenlabyrinth gestaltete sich schwierig. Am Ende stand ein neuer Konzessionsvertrag mit Lestmanns inzwischen zur "Berlin-'Charlottenburger Straßenbahn A. G." umgewandelten Firma. Die elektrische Ausstattung sollte die Firma Siemens liefern.

Da begann das Dilemma. Die Einrichtung einer Oberleitung wurde seinerzeit noch abgelehnt, da man der Auffassung war, sie störe mit ihren Drähten das Stadtbild, insbesondere vor dem Charlottenburger Schloß. So war die Straßenbahngesellschaft gezwungen, ihre Wagen auf zahlreichen Teilstrecken im Akkumulatorbetrieb, auf anderen mit Unterleitungen fahren zu lassen. In Charlottenburg kam noch hinzu, daß die Physikalisch-Technische Reichsanstalt befürchtete, ihre empfindlichen Meßapparate würden durch die vagabundierenden Erdströme gestört werden. Die Wissenschaftler erzwangen einen Verzicht auf Oberleitungsverkehr in einem Umkreis von einem Kilometer von ihrem Institut aus.

Am 1. Oktober 1897 fuhr die erste elektrische Charlottenburger Straßenbahn aus dem Betriebshof, und am 30. Mai 1900 wurden dort die letzten Pferde ausgespannt. Die


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Abb. 33 Zwei erhaltene Gebäude des Betriebshofes in der Wintersteinstraße, April 1986

 

Akkumulatorwagen erwiesen sich mit ihren zwei 12-PS-Motoren jedoch als sehr schwer. Die Fahrgäste, unter deren Sitzen sich die Batterien befanden, fühlten sich mitunter durch die Säuredämpfe belästigt. Das Aufladen der Batterien durch eine Lokomobile auf dem Betriebshof dauerte etwa drei Stunden und reichte für 150 Kilometer. Kurzum: Der Akkumulatorbetrieb war wenig ausgereift, so daß es im Winter 1900/01 zum Verkehrschaos kam. Der Schnee zersetzte die Leitungen, und Säure trat aus den Batterien. Der Straßenbahnverkehr brach zusammen.

Am 17. Juli 1901 gestattete die Pali zeibehörde die Errichtung von Oberleitungen auch auf den bisher noch mit Akkumulatoren betriebenen Strecken, um den sicheren Verkehr zu gewährleisten. Im Geschäftsjahr 1902 endete der Akkumulatorbetrieb bei der Berlin-Charlottenburger Straßenbahn. Inzwischen hatte sie sich in ihrem neuen Betriebshof in der Spreestraße 36 (heute: Wintersteinstraße 22) ein eigenes Kraftwerk erbaut. Zwei Backsteingebäude, heute als Auktionshäuser genutzt, sind noch erhalten.

Die "Große Berliner Straßenbahn-Gesellschaft" kaufte im Jahre 1900 die Aktienmehrheit der "Berlin-Charlottenburger Straßenbahn A. G.", führte aber den Betrieb


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Abb. 34 Letzte Fahrt der Straßenbahnlinie 55. Zwischenstation am Richard-Wagner-Platz, 2. Oktober 1967

 

auf der Charlottenburger Strecke bis 1918 unter dem alten Namen weiter. Im Jahre 1920 gelangte sie in städtischen Besitz, seit 1923 als "Berliner Straßenbahn-BetriebsGmbH'' geführt. Sechs Jahre später wurde sie mit den Autobus- und Hoch- und Untergrundbahn-Unternehmen in der BVG zusammengefaßt. Im Jahre 1930 wurde der Betriebshof in der Spandauer Straße geschlossen.

Der Zufall wollte es, daß auf Teilen der Strecke der ersten deutschen Pferdebahn die letzten Straßenbahnen West-Berlins fuhren. Am 2. Mai 1967 stellten die Linien 53 und 54 (Johannesstift - Spandauer Damm - Wintersteinstraße) und genau fünf Monate später die Linie 55 (Hardenbergplatz - Hakenfelde) ihren Betrieb ein.

 

Literaturhinweis

Die Große Berliner Straßenbahn 1871-1902, hrsg. von der Großen Berliner StraßenbahnGesellschaft; Berlin 1902, S. 231-248. Arne Hengsbach, Decksitz und Metropolwagen, in: Jahrbuch für brandenburgische Landesgeschichte, 18 (1967), S. 131-138. Sigurd Hilkenbach/Claude Jeanmaire/Wolfgang Krarner, Berliner Straßenbahnen. Die Geschichte der Berliner Straßenbahn-Gesellschaften seit 1865, Brugg/Schweiz 1973. 75 Jahre Straßenbahn zu Berlin, hrsg. von der BVG, Berlin 1940. J.G. Patt, Unsere Straßenbahnhöfe im Wandel der Zeit, in: Die Fahrt, 1 (1929), S. 4-10. Max Schiemann, Bau und Betrieb elektrischer Bahnen, Bd. 1: Straßenbahnen, Leipzig 1900, S. 322-331.


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Marie-Luise Kreuter: Napoleonsburg

 

 

Abb. 35 Lageplan der Napoleonsburg

 

Baugeschichte

1808: In den Monaten Juni und Juli wurde ein Truppenlager innerhalb von fünf Wochen von Soldaten des Victorschen Korps unter der Leitung des Majors Rösner im Gebiet des heutigen Westend erbaut. Es lag auf der Feldmark Charlottenburg sowie "westlich von derselben auf der Höhe neben dem nach Spandau führenden Wege" (Bassewitz) und erstreckte sich über eine Länge von einer Viertelmeile in 150 Schritt En tfern ung parallel zur Forstgrenze bis hin zum Lie tzensee. Das für den Bau erforderliche Holz fällten die Soldaten größtenteils im (königlichen) Spandauer Forst und in Privatforsten bei Charlottenburg unter der Aufsicht des Oberförsters Sonnenberg. Für den restlichen Holzbedarf wurden in Berlin und Umgebung die Bestände der Bretterhändler beschlagnahmt. Sie und die privaten Forsteigner sollten Ersatz aus den königlichen Forsten erhalten.

Nach der Berechnung des Bauinspektors Balkow und des Zimmermeisters Richter wurden für den Bau verbraucht: 301 Fuß La ttba ume, drei Fuß stark, 24 Fuß lang und 5.148 1/2 Fuß Bohlstämme von fünf beziehungsweise vier Fuß Stärke und 25 beziehungsweise 24 Fuß Länge. Der Bretterbedarf belief sich auf 44.666 2/3 Stück zu 16 Fuß Länge. Das


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Abb. 36 Schildbaum mit Lagernamen. Ansicht in der Bildersammlung des märkischen Provinzial-Museums zu Berlin

 

nötige Handwerkszeug für den Bau lieferten die Städte der Provinz.

Den Hauptteil des Lagers bildeten zwei Reihen Barackenhäuser, je 190 an der Zahl, die durch eine Gasse von zehn Fuß getrennt waren. Diese 20 Fuß breiten und 24 Fuß tiefen Kiefernholzbaracken für die gemeinen Soldaten waren mit Lehm beworfen und von außen mit Kalk bestrichen; sie hatten ein Bretterdach und "Fenster- und Türen-Löcher" (Dressel) ohne Glas.

Durch die Hauptstraße des Lagers getrennt, befanden sich gegenüber 64 Barackenhäusern Küchen- und Speisegebäude von der dreifachen Länge der Mannschaftsbaracken. Je eine Kompanie verfügte über ein solches Versorgungsgebäude. Zwischen ihnen wurden Ziehbrunnen von 40 bis 60 Fuß Tiefe gegraben. Wiederum durch eine Straße getrennt, folgten zwei Barackenreihen, eine für die (subalternen) Offiziere, die andere für Unteroffiziere, Musiker und andere Bedienstete. In einiger Entfernung schlossen sich Bretterhütten und Zelte für Restaurateure und Marketender sowie die Offiziersequipagen an. An der Frontseite des Lagers in Richtung der Stadt Charlottenburg standen in der Mitte und an beiden Flügeln mit Strauchwerk verkleidete Bäume, auf denen die Trikolore wehte und, auf Brettern gemalt, "Napoleonbourg" zu lesen war. Davor waren Kanonen aufgestellt. Der Artilleriepark und die Hauptwache befanden sich etwa 400 Schritt vor der Lagerfront. Vor den Baracken dieser Front standen die Gewehrmän tel, die Gestelle zur Aufbewahrung der Gewehre.

In den ersten Augusttagen errichteten die Soldaten anläßlich des bevorstehenden Geburtstages Napoleons ein Ballhaus oder "Schlößchen" (Dressel), das sie mit Türen aus dem Charlottenburger Schloß und mit Tapeten aus dem Opernhaus ausstatteten. Daneben stand auf einem Sockel die mit Lorbeer bekränzte Büste Napoleons. Die Soldaten legten eine Doppelallee von gefällten Tannenbäumen an, die das Ballhaus umschloß. An den Ecken der Baracken pflanzten sie kleine Tannenbäume ein. Auch die übrigen Straßen, die alle Namen hatten, waren von Tannenbäumen gesäumt. Mitte bis Ende November erfolgte der Abriß der Lagerbauten.

 

Ereignisgeschichte

Seit dem 24. Oktober 1806, zehn Tage nach dem Sieg der französischen Armee bei Jena und Auerstedt, waren französische Soldaten in und um Berlin in Kasernen, die Offiziere meist in Privatquartieren untergebracht. Als im Juli 1807 zwischen Frankreich und Preußen der Friede von Tilsit geschlossen wurde, rückten die Besatzungstruppen nicht ab. Die Regelung der Zahiungsbedingungen für die vom Sieger verlangten Kriegskontributionen stand noch aus und zog sich monatelang hin.

Am 24. März 1808 gab Napoleon Order, das 1. Korps der französischen Armee unter dem Oberbefehl des Marschalls Victor, Herzog von Belluno, in der Nahe von Berlin in einem Lager unterzubringen. Marschall Victor inspizierte persönlich neun "Stellen'' und bestimmte am 28. Mai, daß statt einem drei Lager für die Infanterie und


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Abb. 37

 

Artillerie seines Korps zu errichten seien: in der Nähe von Havelberg das Lager Josephbourg, bei Neu-Ruppin das Lager Louisbourg und bei Charlottenburg, das Lager Napoleonbourg. Am 21. Juni verfügte er, daß die Lager am ersten des kommenden Monats bezugsfertig sein sollten. Das Victorsche Korps umfaßte rund 25.000 Mann, von denen knapp 7000 (217 Offiziere, 6590 Unteroffiziere und Gemeine, 165 Bediente) im Charlottenburger Lager untergebracht werden mußten. Die Stadt hatte zu dieser Zeit 3500 Einwohner.

Als der französische Generalintendant Daru am 6. April den Kammern und Ständen der preußischen Provinzen mitgeteilt hatte, daß Lager in der Umgebung von Berlin und anderswo in Preußen errichtet werden müßten, hatten die kurmärkische Kammer und die Stände erklärt, "daß sie keinen Rath wüßten, den Anforderungen des Daru zu genügen". (Zit. nach: M. F. v. Bassewitz, Die Kurmark …, Bd. 1, S. 531.) Die Bevölkerung war durch die bereits langandauernde Einquartierung und Verpflegung der Truppen stark beansprucht worden. Die Ernte des Jahres 1807 war schlecht, die Getreidepreise stiegen, es herrschte Brotmangel; die Unkosten für das Lager beunruhigten die Bevölkerung. Es kam im Frühjahr und Sommer zu Aufläufen vor Bäckereien, die durch patrouillierende französische Soldaten "gedämpft" (Bässewitz)

 

"Aus allgemeinen politischen und in den Verhältnissen dieses Standes beruhenden Gründen halte ich es für ra thsarn, daß die Angelegenheit der Truppenzusammenziehung in ein Lager ernstlich erwogen und zur Ausführung gebracht werde, damit durch die der Sache entgegengesetzten Bedenklichkeiten nicht noch nachtheiligere Folgen für das Ganze entstehen mögen. Ich ersuche Ew. Hochwohlgeboren, aus diesem Gesichtspunkte sowohl den versammelten einzelnen Herren Gutsbesitzern als den Herren Mitgliedern der Ständischen und Städtischen Comites diese ganze Angelegenheit darzustellen, einen angemessenen Beschluß zu bewirken und mich vom Erfolge heute zu benachrichtigen. Berlin am 5. Mai 1808. v. Stein." (Aus dem Schreiben des Ministers Karl Freiherr vom und zum Stein an den Kammerpräsidenten von Gerlach, zit. nach: [M. F. v. Bassewitz.] Die Kurmark …, Bd. 2i S. 89.)

"Sonntag, den 24. April. heute war wegen Brotmangel ein bedeutender Auflauf, dies und der geringe Wen der Scheidemünze (worin der Geldvorrat des Volkes allein besteht) sowie die Unkosten des zu errichtenden Lagers erregen große Sorgen.

 

"Montag, den 25. April. Die Unruhen wegen Brotmangel nehmen zu und die Franzosen lassen viele und starke Patrouillen gehen. […]" "Montag, den 2. Mai. Wegen der Viktualienpreise und der reduzierten Scheidemünze sind bereits mehrere kleine Volksaufläufe und Streitigkeiten mit den Verkäufern ausgebrochen. Polizeibediente und Militär suchen jedoch die Unruhen zu stillen und regulieren die Preise der Waren auf der Stelle. […]"

(Berlin während der Zeit der Besetzung durch die Franzosen, in: Mitteilungen des Vereins, 23. Jg. [1906], S. 132.)


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Abb. 38 Zum Unterhalt der Soldaten verlangte Verpflegung

 

wurden. Verhandlungen zur Verhinderung der Lager blieben ergebnislos. Am 20. Juni begannen "Sappeurs'' (Schanzarbeiter) mit der Arbeit an Ort und Stelle. Soldaten wurden zum Bau abkommandiert. Als Unterkunft dienten vorerst Erdhütten.

Für das Lager mußten, abgesehen von den großen Mengen an Bauholz, Brettern und Handwerkszeug, Lebensmittel zum Unterhalt der Mannschaften, Tafelgelder für die Offiziere, Lagerstroh und Fourage (Futter) für die Pferde geliefert werden. Im einzelnen wurde für die Versorgung der Truppen im Charlottenburger Lager pro Monat verlangt: 3300 Zentner Getreide, 80 Zentner Reis, 80 Zentner Salz, 130 Zentner getrocknetes Gemüse, 1700 Zentner Stroh, 6700 Pinten Essig, 5000 Pinten Branntwein. Der einfache Soldat sollte pro Tag ein halbes Pfund Fleisch erhalten, Offiziere hatten Anspruch auf doppelte Ration. Zum Kochen waren für alle drei Lager im Juli und August 1600 Klafter Brennholz zur Verfügung zu stellen. Das erforderliche Koch- und Eßgeschirr sollten die Gemeinden den aus ihrem Gebiet abziehenden Truppen gegen Quittung aushändigen.

Zur Finanzierung des Lagers erließ die Kammer am 30. Juni ein "Publikandum". Gestaffelt nach Besitz und Einkommen, wurden die Bewohner der Mark Brandenburg zu einer Lagersteuer veranlagt, deren Modalitäten sich mehrfach änderten. Nur Fleisch sollte in natura geliefert und ebenso wie die Kosten für noch verbleibende Einquartierungen auf die Lagersteuer angerechnet werden. Am 14. Juli verfügte die Kammer, daß mehrere Städte, darunter auch Charlottenburg, keine Lagersteuer zu zahlen hätten, dafür aber auch keine Vergütung für Einquartierungen erhalten sollten. Nach Gundlach entstand der Stadt dennoch ein Schaden von 70.000 Talern. Der ImmediatBerich t des kurmärkischen Kammerpräsidenten von Gerlach vom 23. Juli bezifferte die monatlichen Unterhaltungskosten für alle drei Lager auf 275.000 Taler.

 

"Als Surrogat für die Naturaleinquartirung giebt zur Lagersteuer der Besitzer

1. eines großen Guts, worunter verstanden wird I welches 12 Wispel Winteraussaat, oder 80 Haupt Kühe, oder 1000 Schafe hat - täglich 1 Thlr. Kurant;

2. eines Mittelguts zu 8 Wispel Winteraussaat, oder 50 Haupt Kühe, oder 500 Schafe - 16 Gr. Kurant;

3. eines kleinen Guts unter 8 Wispel Aussaat, oder unter 50 Kühe, oder unter 500 Schafe - 8 bis 12 Gr. Kur.;

4. der königl. Domainenpächter giebt gleich denen adeligen und andern Gutsbesitzern im vorstehenden Verhältniß;

5. Pächter adeliger oder anderer Güter erhalten von den Gutsherren die Halbscheid von obigen Sätzen zu 1 bis 3 vergütigt, und wird also der Beitrag unter beiden getheilt;

6. der Vollbauer giebt täglich - 6 Gr. Münze, nach dem Nominalwerth oder 4 Gr. Kurant;

7. der Kossäte - 3 Gr. Münze;

8. der Handwerker und Krüger -1 Gr. 6 Pf. Münze;

9. der Büdner - 6 Pf. bis 1 Gr. Münze;

10. der Tagelöhner - 3 Pf. Münze;

11. der Lehnschulze - 9 bis 12 Gr. Münze;

12. der Müller, wie der Bauer - 6 Gr. Münze."

(Aus dem Publikandum zur Finanzierung der Lager, zit. nach: [M. F. v. Bassewitz.] Die Kurmark …, Bd. 2, S. 96f.)


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Abb. 39 Magnus Friedrich von Bassewitz

 

Zur Verwaltung aller vorfallenden Lagerangelegenheiten war im Mai eine Lagerkommission unter der Führung des Kriegsrats Magnus Friedrich von Bassewitz gebildet worden. Sie hielt die Kontakte zu den französischen Militärbehörden, regelte die Details für den Bau an Ort und Stelle und mußte dafür sorgen, daß ein 14-tägiger Vorrat für die lagernden Truppen in den unter ihrer Aufsicht eingerichteten Magazinen vorhanden war. Die Kommission ernannte Kommissare für die einzelnen Lager, für Charlottenburg den Hauptmann von Bandemer, der Ende Juli von dem Leutnant Plesch abgelöst wurde. Die Lagerkommission, so berichtete von Bassewitz, war besonders bestrebt, "allen Versuchen zu Unterschleifen des französischen Militairs und deren Zivilbeamten, welche die Errichtung der Läger als eine neue Geldgrube betrachtete, entgegen zu wirken". (M. F. v. Bassewitz, Die Kurmark …, Bd. 2, S. 504.) Ein Abkommen mit Marschall Victor legte fest, daß die Truppen nur mit Einwilligung der Lagerkommission materielle Ansprüche geltend machen konnten. Beachtliche Tafelgelder erhielt der Marschall als Gegenleistung.


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vier Wochen wurde das Lager mit Wasser aus Charlottenburger Brunnen versorgt, das die Bauern der Umgebung heranfahren mußten, bis man mehrere riefe Brunnen auf dem Lagerplatz angelegt hatte. Das Brot für die Truppen wurde von Berliner Bäckern unter französischer Aufsicht gebacken. Das Vieh lieferten die Einwohner der einzelnen Kreise an die Magazine der Lagerkommission, die jeweils einen Bedarf von drei Tagen der Schlachterei, die parallel zum Lager in Spreenähe lag, weitergab.

Für gewöhnlich exerzierten die Truppen morgens und nachmittags im Bereich zwischen den 'beiden Außenwachen. In einer Entfernung von 300 Schritt von der Lagerfront gingen die Schildwachen vor ihren Hütten aus Strauchwerk auf und ab. Am 12. August besichtigte der Charlottenburger Pfarrer Johann Christian Gottfried Dressel in Begleitung des Justizdirektors August Heinrich Goering die Napoleonsburg. Da die Soldaten mit Exerzieren beschäftigt waren und frei tags nur wenige Schaulustige das Lager besuchten, glich es einer ausgestorbenen Stadt.

Im allgemeinen soll es aber gar nicht still zugegangen sein in der Napoleonsburg. Waren die Soldaten nicht mit Bauarbeiten, Wachdienst, Exerzieren, Patrouillieren oder Küchendienst beschäftigt, übten sie sich im Fechten, spielten Ball, tanzten nach Violinenklängen. Im Rücken des Lagers standen die Zelte und Wagen der Marketender sowie die Buden der Restaurateure. "Lärmende Musik und lautes Lachen schallten durcheinander." (E. Fischer, Erzählungen …, S. 72.) Hier stellten die Offiziere, die in der Stadt einquartiert waren, ihre Kutschen ab, wenn sie zum Dienst ins Lager kamen. Das "fröhliche Soldatenleben" lockte von nah und fern zahlreiche Besucher jeden Alters und Geschlechts herbei und überall trat dem Zuschauer "der heitere leichtlebige Sinn der Franzosen entgegen". (A. Löffler, in: Der Bär …., S. 667.) Die Truppen hatten versucht, mit den Einheimischen freundlich umzugehen, ein Verhalten, das nicht immer auf Gegenliebe stieß, da sie "zur Befriedigung ihrer Gelüste dem weiblichen Geschlecht sehr nachstellten". (M. F. v. Bassewitz, Die Kurmark …, Bd. 2, S. 709.) Dank ihrer sozialen Stellung und gefülJter Geldbeutel hatten es die Offiziere leichter, ihrem Männersport nachzugehen, als die einfachen Soldaten.

Am 11. August hatte man mit einem Fest zum Geburtstag des Marschalls Victor das Ballhaus eingeweiht. Anläßlich des bevorstehenden Geburtstags Napoleons schlugen die Soldaten unweit des Ballhauses ein "prächtiges orientalisches Zelt" (Bässewitz) auf. Am 14. August kündigten

 

"Man kan nicht anders als erstaunen, wenn man weiß, daß dies alles ein Werk von fünf Wochen ist. Aber so groß dies Erstaunen ist und so wohl angelegt man dies alles finden muß, so ergreift doch den Patrioten der größte Widerwillel wenn er den ruinierren Wald sieht, aus welchem alles dies Holz genommen worden und so viele junge Bäume ruiniert worden sind; besonders wenn man fragt, wozu dies alles, da man den baldigen Abmarsch erwartete. Hatten die Truppen jahrelang in Garnison gelegen, warum nicht noch einige Monate? Mußten so viele tausend Taler für Bretter und Nägel verschwendet und ein solcher Wald so ruiniert werden, als wenn man in Feindesland wäre, wo man sich alles erlauben darf?

Sollte etwa das Lager stehen bleiben, wenn auch dieses Corps abginge, damit im Fall der Not ein anderes Corps es beziehen könnte, wenn neue Durchmärsche kämen? Es scheine beinahe, da alles so solide eingerichtet ist. Oder hat man nur ein Lager aufschlagen wollen, um die Soldaten im Lageranlegen zu üben?" (Dressel, zit. nach: W. Gundlach, Geschichte der Stadt Charlottenburg …, S. 400.)


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Kanonensalven in Berlin und Charlottenburg sowie ein Feuerwerk in der Napoleonsburg den Beginn der Festlichkeiten an. Am nächsten Tag feierte man in den Lagern. Es war zugleich ein Abschiedsfest für die Truppen des Victorschen Korps, denn bereits tags zuvor war der Befehl zum Aufbruch nach Spanien ergangen. Zu Ende war das fröhliche Soldatenleben! Der Befehl lautete, den Aufstand der Spanier gegen die französische Fremdherrschaft niederzuschlagen.

In den beiden folgenden Tagen zogen die Truppen ab. Bei ihrem Aufbruch stahlen die Stückknechte der Artillerie Einrichtungen aus dem Armen-Krankenhaus und vergewaltigten die dort untergebrachten "alten und siechen Frauen" (Gundlach). Die 1. und 3. Division begingen im Kreis Teltow und in der Priegnitz "vielartige Beraubungen" (Bassewitz) der Kartoffelfelder.

Insgesamt setzten die Truppen ihren Marsch diszipliniert fort; die für den Abtransport benötigten Zugtiere der Einwohner konnten vertragsgemäß in Magdeburg und Wittenberg von preußischen Beamten in Empfang genommen werden. So stellt denn auch der Leiter der Lagerkommission den französischen Besatzungstruppen im nachhinein ein gutes Zeugnis aus. Im Gegensatz zu den Lagern Josephsburg und Louisburg lag das Charlottenburger Lager nur kurze Zeit - bewacht von einigen hundert "Sappeurs" und "Canoniers" - verlassen da. Gleich nach seiner Ankunft am 17. August in Berlin hatte Marschall Soult bestimmt, daß die Napoleonsburg für seine Truppen vollständig erhalten bleiben sollte. Wenig später rückten 168 Offiziere, 5.187 Gemeine, 145 Bediente und 340 Pferde in das Lager ein. Das Soultsche Korps konnte größtenteils noch aus vorhandenen Beständen verpflegt werden, da der tatsächliche Verzehr der Victorschen Truppen mit Ausnahme der Fourage aus verschiedenen Gründen geringer ausgefallen war als ursprünglich veranschlagt.

Festlichkeiten sind von nun an nicht mehr überliefert. Am 29. Oktober begann der Abzug von Truppenteilen aus dem Lager nach den Anweisungen des inzwischen zuständigen Marschalls Davoust; am 2. November verließen die letzten Soldaten das Lager. Mitte November begann die öffentliche Versteigerung der Lagerbaracken. Der Lagerkommissar hatte den von der preußischen Kammer beauftragten Beamten das noch brauchbare Bau- und Brennholz übergeben. Das "übrige" (Bassewitz) wurde zum Besten der Lagerkommissionskasse verkauft. Anfang Dezember zogen auch alle sonstigen in und um Berlin noch anwesenden Truppenteile ab.

 

"Beim Abmarsch des Victor'schen Korps hatten die Lagertruppen der 1. und 3. Division im Kreise Teltow und in der Priegnitz sich vielarrige Beraubungen der Kartoffelfelder zu Schulden kommen lassen, sonst aber fiel auf dem Marsch derselben zur Elbe nichts bedeutend Nachtheiliges für die Einwohner der Provinz vor. Dies war die Folge der von dem Marschall erlassenen strengen Befehle an die Truppen, zur Schonung der Einwohner und ihrer Besitzungen. […]

Dem Marschall Victor kann überhaupt das Anerkenntniß nicht versagt werden, daß er sich der Einwohner der Kurmark bei ihren großen Leiden möglichst annahm, strenge Ordnung über die unter ihm stehenden Truppen handhabte und jede An von Plackereien derselben sogleich abstellte und bestrafte." ([M. F. v. Bassewitz.] Die Kurmark …, Bd. 2, S. 514.)

 

"Gedanken beim Einzuge unserer Krieger

am 10. Dezember 1808.

Berlin sieht seine Waffenbrüder, Berlin sieht seine Adler wieder, Sieht sie gerührt und hocherfreut. Haus, Herz und Arm ist ihnen offen.

Gottlob, nach jahrelangem Hoffen,

Beseligt uns die Wirklichkeit.

Ein Geist belebe nur den Krieger, Den Adel, Bürger, Volk und Pflüger; Ein Wahlspruch schließt uns alle ein: Dem Vaterland und unserm König Ergeben, treu und unrerthanig, Und Brüder unter uns zu sein.'


[S. 54]

 

Im Jahre 1812 marschierten nochmals französische Truppen ein, diesmal kamen sie als Verbündete gegen Rußland. Nach dem gescheiterten Rußlandfeldzug Napoleons wendete sich das Blatt; im Frühjahr 1813 begannen die Befreiungskriege gegen die französische Armee.

 

Literaturhinweis

Berichte aus der Berliner Franzosenzeit 1807- 1809. Nach den Akten des Berliner Geheimen Staatsarchivs und des Pariser Kriegsarchivs, hrsg. von Hermann Granier, Leipzig 1913. Berlin sudhrend der Zeit der Besetzung durch die Franzosen in den Jahren 1806, 1807 und 1808. (Mitteilungen aus einem ungedruckten Tagebuche), in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, 23. Jg. (1906). Berlins Besetzung durch die Franzosen im Jahre 1806. Aus Gustav Partheys Jugenderinnerungen, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, 23. Jg. (1906). Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin, T. 2: Stadt und Bezirk Charlottenburg, bearbeitet von Irmgard Wirth, im Auftrage des Senators für Bau- und Wohnungswesen hrsg. vom Amt für Denkmalpflege, Berlin 1961. [Magnus Friedrich von Bassewitz], Die Kurmark Brandenburg im Zusammenhang mit den Schicksalen des Gesammtstaats Preußen während der Zeit vom 2 2. Oktober bis zu Ende des Jahres 1808 von einem ehemaligen höheren Staatsbeamten, Bd. 1, Leipzig 1851; Bd. 2, Leipzig 1852. Edmund Fischer, Erzählungen aus der Geschichte Charlottenburgs, Berlin 1955. Wilhelm Gundlach, Geschichte der Stadt Charlottenburg, im Auftrag des Magistrats bearb. von Wilhelm Gundlach, Bd. 1: Darstellung; Bd. 2: Urkunden und Erlciuterungen, Berlin 1905. Adam Löffler, Die "Napoleonsburg" bei Berlin im Jahre 1808, in: Der Bär, 11. Jg. (1884/85). Paul Schwanz, Berlins Kriegsleiden in der Franzosenzeit. Ein zeitgemäßes Kapitel aus der Vergangenheit, Berlin 1917. Paul Torge, Rings um die alten Mauern Berlins. Historische Spaziergänge durch die Vororte der Reichshauptstadt, Berlin 1939.

 

So wird nach trüben Trauerstunden

Die Ruhe wieder aufgefunden,

Die unser Herz so lang entbehrt.

So tilgen wir von Preußens Fluren

Nach Jahren einst des Krieges Spuren

Und sind des großen Friedrich werth!

(Gedicht zit. nach: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, 24. Jg. (1907), S. 207.)


[S. 55]

 

Gabriele Silbereisen: Das Städtische Krankenhaus Westend, Das Klinikum Charlottenburg der Freien Universität Berlin / Spandauer Damm 130

 

 

Abb. 41 Die Gesamtanlage aus der Vogelperspektive, 1907

 

Baugeschichte

1895: Am 16. Dezember nimmt die Stadtverordnetenversammlung den Antrag des Magistrats an, "das bisher zur Abhaltung der Pferdemärkte genutzte, am Spandauer Berg und am Fürstenbrunner Weg gelegene, etwa 16.570 qm große Terrain zur Errichtung des neuen auf 600 Betten zu bemessenden und zunächst auf 300 Betten einzurichtenden Krankenhauses zu bestimmen" (F. C. Bessel-Hagen, Das Städtische Krankenhaus …, S. 4). Um die Erweiterungsfähigkeit des Komplexes zu sichern, wird das nördlich angrenzende Gelände miteinbezogen.

1900: Im März werden Schmieden & Boethke mit dem Bau der Anlage beauftragt. Das Operations- und das Badehaus werden nach Plänen Bessel-Hagens ausgeführt.

1901: Baubeginn.

1902: Rohbauabnahme.

1904: Inbetriebnahme. Es sind acht Pavillons, ein Operationshaus und ein Badehaus für die Chirurgische und die Innere Abteilung sowie sechs Isolierhäuser, ein Verwaltungsgebäude und die Wirtschaftsgebäude entstanden. Aus Kostengründen hat man den Bau eines zweiten chirurgischen Frauenpavillons zurückgestellt.

1905.: Im Frühjahr beginnt der zweite Bauabschnitt. Er umfaßt neben dem Frauenpavillon mit 62 Betten eine Röntgenabteilung und ein Schwesternhaus.

1913: Fertigstellung zweier Häuser für Leichtkranke und Rekonvaleszenten im


[S. 56]

 

 

Abb. 42 Der ehemalige Speisesaal im Schwesternhaus (um 1925)

 

tiefer gelegenen Terrain der Wirtschaftsgebäude. Die Bauleitung hatte Stadtbaurat Heinrich Seeling, die Architekten waren Winkler & Ermisch. Nicht unpersönliche Krankensäle, sondern kleine Wohnräume mit Veranden bieten hier die ideale Voraussetzung für die Genesung.

1914: Bau eines Klassenpatientenhauses mit Zweibettzimmern. Im Herbst erfolgt die Errichtung von Leichtbauten zur Entlastung der Infektionsabteilung (heute: Parkplatz).

1927/1928: Im Winter werden die beiden Operationssäle der Chirurgischen Abteilung um zwei weitere erweitert. 1930: Inbetriebnahme des Röntgenhauses.

1943: Bau eines Operationsbunkers; Zerstörung der Wirtschaftsgebäude und des Schwesternhauses.

1944: Starke Beschädigung des Pathologischen Instituts und des Desinfektionsgebäudes.

1946/1947: Beginn des Wiederaufbaus.

1948: Mit der Gründung der Freien Universität Berlin wird das Städtische Krankenhaus Westend Forschungs- und Lehrstätte.

1951: Auf Stockung des Pathologischen Instituts für einen Hörsaal.

1954: Errichtung eines Hörsaalgebäudes in Klinkerbauweise in der alten Achse der Anlage.

1957/1958: Neubau eines Infektionshauses mit 80 Betten (Architekt: Karl Mohr); Ausschreibung eines Architektenwettbewerbs für eine neue "Kopfklinik". Peter Poelzig erhält den ersten Preis.

1959: Beschluß, eine Universitätsklinik für alle Disziplinen in Steglitz zu bauen.

1963: Grundsteinlegung der "Kopfklinik" für die Disziplinen Hals-Nasen-Ohrenund Augenheilkunde. Die Pläne Poelzigs sind abgeändert worden, da das Westend-Krankenhaus nun doch als Klinikum ausgebaut werden soll.

1970: In einem Infektionspavillon (XVI) wird eine Kindertagesstätte eingerichtet.


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Abb. 43 Luftaufnahme um 1959/63; das ehemalige Stammgelände ist um Haus 14 (Neubau links) und das Kassenpatientenhaus (rechts mit Turm) ergänzt

 

1971: Eröffnung der "Kopfklinik" und Übernahme des Städtischen Krankenhauses als Universitätsklinik.

1975: Für die Gebiete der experimentellen Chirurgie, der experimentellen Anaesthesie und der Kreislaufforschung wird gegenüber Haus XIV ein Neubau errichtet.

1979: Gegenüber der Pathologie entsteht ein weiterer Neubau mit Räumen für das chemische Zentrallabor, das Hygienelabor, die EDV und die Lehre.

Zum Klinikum Charlottenburg gehört heute nicht nur das ehemalige Städtische Krankenhaus Westend, sondern auch die Frauenklinik in der Pulsstraße (Leitung: Günther Kindermann), die Hautklinik und Poliklinik und Asthma-Poliklinik im Rudolf-Virchow-Krankenhaus (Günter Stüttgen), die Kinderklinik und Poliklinik Kaiserin-Auguste-Viktoria Haus (Hans Helge), die Augenklinik und Poliklinik (Josef Wollensak), die Hals-Nasen-Ohren- und Poliklinik (Ernst Kastenbauer), die Strahlenklinik und Poliklinik (Roland Felix), die Urologische Klinik und Poliklinik (Reinhard Nagel), die Neurochirurgisch-Neurologische Klinik und Poliklinik (Stanislaw Kubicki), die Psychiatrische und Neurologische Klinik und Poliklinik (Wolfgang Girke), die Psychiatrische Klinik und Poliklinik (Hanfried Helmchen) und die Orthopädische Klinik und Poliklinik im Oskar-Helene-Heim (Günter Friedebold).


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Abb. 44 Das Kassenpatientenhaus (heute: Radiologie)

 

Ereignisgeschichte

In Mitteleuropa dienten in der Zeit vom Hohen Mittelalter bis etwa zum Beginn des 17. Jahrhunderts die Hospitäler in allererster Linie der Versorgung von Armen, Alten und Gebrechlichen. Ihre Hauptaufgabe war die geistlichsittliche Betreuung der "Insassen". Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts begann langsam die ärztliche Versorgung der Hospitalisten, die allerdings in keiner Weise ausreichend war und nur durch eine äußerst mangelhafte Pflege unterstützt wurde. So waren beispielsweise in der Charite, die 1727 etwa 370 Hospitalisten und Kranke beherbergte, ein Arzt und ein Wundarzt verpflichtet, "wenigstens einmal wöchentlich die Kranken […] zu besuchen" (M. Sturzbecher, Zur Periodisierung …, S. 76). Oftmals aber waren die Kranken Barbiergesellen und anderen weniger autorisierten Heilpersonen überlassen.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfolgte die schrittweise Trennung des Hospital- und Krankenhauswesens von der Armenverwaltung. Dennoch war damals mehr die soziale Stellung als die Krankheit ausschlagge-


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Abb. 45 Das ehemalige Städtische Krankenhaus in der Gierkezeile

 

bend für eine Einlieferung in die Krankenanstalten. Angehörige des Bürgertums ließen sich vornehmlich in ihren Privatwohnungen behandeln. Erst mit der Einführung der Antiseptik und der Aseptik, der zunehmenden Anwendung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse in Diagnostik und Therapie und dem stetig wachsenden Einsatz von Schwestern in der Krankenpflege, die ihre Tätigkeit entweder als "christlichen Liebesdienst" (Sturzbecher) verstanden oder aber als Bürgerpflicht, konnten im Verlauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das weitverbreitete Mißtrauen gegenüber den Krankenanstalten abgebaut, und - forciert durch die Einführung der Krankenversicherung 1884 durch Bismarck wie auch durch das Anwachsen der städtischen Bevölkerung - kommunale Krankenhäuser modernen Stils errichtet werden.

Die Geschichte der Charlottenburger Krankenanstalten beginnt mit dem 1802 fertiggestellten Armen-, Krankenund Siechenhaus auf dem Grundstück des Lützowschen Hirtengartens, das jedoch nur für "vier Kranke, eine Wöchnerin und einige arme, alte Witwen" (F. C. Bessel-Hagen, Das Städtische Krankenhaus …, S. 1) Unterbringungsmöglichkeiten bot. Abgelöst wurde es im Jahr 1867 von dem Krankenhaus in der Kirch- und Wallstraße, das sich bereits Ende der achtziger Jahre als zu klein erwies. Durch das 1892 errichtete Verwaltungsgebäude wurden sieben Zimmer frei, die man fortan zur stationären Behandlung nutzen und somit die Bettenzahl auf 110 erhöhen


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Abb. 46 Lageplan des ursprünglichen Geländes

 

konnte. In diesem Bauabschnitt erfolgte zugleich auch der Bau eines Leichenhauses. Aber auch mit dem Pavillon für ansteckende Krankheiten, der die Kapazität des Hauses auf 166 Retten erhöhte, konnte die ärztliche Versorgung nicht gesichert werden. In den Jahren 1894 bis 1896 entstand auf dem Grundstück Kirchstraße 19 ein dreistöckiger Pavillon für 62 Patienten und eine Wellblechbaracke mit 20 Betten; ergänzt wurde der Komplex durch das 1897 fertiggestellte Operationshaus.

Das Problem des Platzmangels blieb jedoch weiter bestehen. Man mietete ab April 1898 ein vierstöckiges Gebäude mit Seitenflügel und Hinterhaus in der KaiserFriedricb-Straße 86 an und konnte somit eine Bettenzahl von 392 erreichen. Rekonvaleszenten und chronisch Kranke brachte man ab 1901 in dem in der Sophie-Charlotten-Straße erbauten Hospital- und Siechenhaus unter. Im Verlauf dieser Aufbauphase einer medizinischen Versorgung in Charlottenburg war die Zahl der Patienten von 917 im Jahr 1890 auf 4704 im Jahr 1902 gestiegen. Die Aufsicht des Komplexes oblag der "Deputation für die Verwaltung der Krankenhäuser", der unter anderen Fritz Carl Bessel-Hagen und Ernst Grawitz angehörten. Als im April 1897 zwei Oberarztstellen geschaffen wurden,


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Abb. 47 Erläuterungen zum Lageplan

 

 

Abb. 48 Fritz Carl Bessel-Hagen (1856-1945)

 

übernahm Grawitz die Innere und Bessel-Hagen die Chirurgische Abteilung, die ihm nur äußerst unzulängliche Arbeitsbedingungen bot. Die räumliche Enge machte es sogar manchmal erforderlich, chirurgische Eingriffe auf den Fluren vorzunehmen.

Die Gestaltung der Krankenhausanlage in Westend sowie die erste Phase der Chirurgischen Abteilung sind untrennbar mit dem Namen Bessel-Hagen verbunden. Er wurde am 2. Januar 1856 geboren, verlebte seine Kindheit und Schulzeit in Berlin, wo er am Luisenstadrischen Gymnasium im Jahre 1875 die Abschlußprüfung bestand. In Königsberg nahm er das Studium der Medizin bei Karl Wilhelm Kupffer auf. Für das Studienjahr 1879/80 siedelte Bessel-Hagen nach Berlin über und hörte an der Charire die Vorlesungen von Heinrich Adolf Bardeleben und an der 2. Chirurgischen Klinik Bernhard von Langenbeck. Als im Jahr 1880 in Königsberg die Leiche von Immanuel Kant exhumiert wurde, nahm Bessel-Hagen die Vermessung des Schädels vor. Ein Jahr später promovierte er mit der Arbeit "Zur Kritik und Verbesserung der Winkelmessungen am Kopie". Kurz darauf nahm er seinen Militärdienst als Regimentschirurg in Berlin auf. Lehrreich für ihn war seine Zeit als Assistent von Ernst


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Abb. 49

Abb. 50

 

 

von Bergmann (1836-1907) an der 2. Chirurgischen Klinik in der Ziegelstraße. Neben Kenntnissen über die Operation von Diphtherie lernte er dort die Bedeutung der Einführung der Aseptik in den Operationsbetrieb kennen, die er bei Vincenz von Czerny (1842-1916) in Heidelberg vertiefen konnte. Im Jahr 1886 habilitierte er sich hier und wurde 1889 von der Heidelberger Medizinischen Fakultät zum außerordentlichen Professor der Chirurgie ernannt und 1891 nach Worms an das Städtische Krankenhaus berufen. Bereits hier widmete er sich intensiv medizintechnischen Fragestellungen. Er folgte 1897 dem Ruf nach Berlin und leitete bis zum 1. März 1922 das Städtische Krankenhaus Westend. Er starb am 20. Dezember 1945.

Als Mitglied der "Krankenhausneubau-Deputation" wirkte er entscheidend auf Entwurf und Gestaltung der Anlage auf dem Spandauer Berg ein. Es war sein Verdienst, daß Westend zu den wenigen Kliniken in Deutschland gehörte, in der man die "noch jungen Errungenschaften der bakteriologischen Mikrobiologie und der Hygiene berücksichtigt" hatte (H.-J. Sakowsky, Die Chirurgische Klinik …, S. 15). Bereits der Bauplatz wurde aufgrund seiner "äußerst günstigen klimatischen Verhältnisse" (U. Schulz, 75 Jahre Westend …, S. 386) ausgewählt. Charakteristisch für die Anlage selbst ist der Pavillonstil. Entlang einer Mittelachse, die auf die Spandauer Chaussee mündet, gliedern sich die Bauten in je vier zweigeschossige Pavillons für die Chirurgische und die Innere Abteilung. Dieses System bietet "durch die Trennung bestimmter Krankheitsformen am ehesten Gewähr für günstige hygienische Verhältnisse (H.-J. Sakowsky, Die Chirurgische Klinik …, S. 11). Heizbare Korridore, die die einzelnen Pavillons verbinden, ermöglichen einen reibungslosen Krankenhausbetrieb unabhängig von "Umwelteinflüssen". In der Mitte des chirurgischen Blocks liegt das Operationshaus und ihm entsprechend auf der "inneren" Seite das Badehaus.

Das Operationshaus war streng nach dem Prinzip der Aseptik gestaltet. Es umfaßte neben Räumlichkeiten für die Vorbereitung der Patienten zwei Operationssäle. War der größere Saal für septische Eingriffe vorgesehen, so diente der kleinere "ausschließlich den streng aseptischen Operationen an Knochen und Gelenken sowie in den Körperhöhlen" (H.-J. Sakowski, Die Chirurgische Klinik …, S. 15). Der Sterilisarionsraum mit Verbandsstoff-, Instrumentensterilisator und Destillierapparat lag gewissermaßen als Trennungsglied zwischen den Sälen. Ein

 

"Es ist noch gar nicht so lange her, daß man die Freigebigkeit des Charloccenburger Gemeinderats bewunderte, der in seinen Spittälern 2.400 Mark pro Bett aussetzte. - heute kostet ein Bett 5-6.000 Mark. - Die reichen Leute in Deutschland tragen denn auch keine Bedenken, sich in ein Krankenhaus in Behandlung zu geben. Die Abneigung, die man bei uns in Frankreich - und mit gutem Grund - noch immer gegen das Spittal empfindet, hat hier gar keine Berechtigung. Bei Operationen zahlen die Reichen 12-15 Mark für Zimmer und Pflege. Der Chefarzt. der die Operation ausführe, nimmt den Hauptbetrag ein, auf das Krankenhaus entfällt nur eine geringe Summe für Benützung des Operationssaales." (Jules Huret, Berlin. In Deutschland, T. 3, München 1909, S. 222.)

"Wenn auch nicht ausschlaggebend, so doch stark mitbestimmend waren für die Wahl des Platzes die außerordentlich günstigen klimatischen Verhältnisse von Westend. Die Kolonie liegt etwa 30 Meter höher als die Innenstadt auf der welligen Hochfläche des Teltow, umschlossen im Westen vom Havelta], im Norden vom Urstromtal der Spree und im Osten von der tiefen Seerinne des Grunewalds. Diese Talrinnen wirken wie die Züge eines Ofens und rufen über Westend auch bei Windstille eine dauernd aufsteigende Luftbewegung hervor. Da wir fast immer etwas Westwind haben, strömt die Luft aus der Havel und dem Grunewald ein, wobei die breite Heerstraße geradezu als Luftkanal wirkt. Vom gesundheitlichen Standpunkt aus konnte kaum eine günstigere Stelle für das Krankenhaus gefunden werden."

(Willy Bark, Chronik von Alt-Westend mit Schloß Ruhwald, Spandauer Bock und Fürstenbrunn [= Schriften des Vereins für die Geschichte Berlins, H. 56], S. 67.)


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Abb. 51 Der Ausgußdesinfektor

 

 

Pavillons für die Chirurgische und die Innere Abteilung. Dieses System bietet "durch die Trennung bestimmter Krankheitsformen am ehesten Gewähr für günstige hygienische Verhältnisse (H.-J. Sakowsky, Die Chirurgische Klinik ..., S. 11). Heizbare Korridore, die die einzelnen Pavillons verbinden, ermöglichen einen reibungslosen Krankenhausbetrieb unabhängig von "Umwelteinflüssen". In der Mitte des chirurgischen Blocks liegt das Operationshaus und ihm entsprechend auf der "inneren" Seite das Badehaus.

Das Operationshaus war streng nach dem Prinzip der Aseptik gestaltet. Es umfaßte neben Räumlichkeiten für die Vorbereitung der Patienten zwei Operationssäle. War der größere Saal für septische Eingriffe vorgesehen, so diente der kleinere "ausschließlich den streng aseptischen Operationen an Knochen und Gelenken sowie in den Körperhöhlen" (H.-J. Sakowski, Die Chirurgische Klinik ... , S. 15). Der Sterilisationsraum mit Verbandsstoff-, Instrurnenrensterilisator und Destillierapparat lag gewissermaßen als Trennungsglied zwischen den Sälen. Ein

 

"Wenn auch nicht ausschlaggebend, so doch stark mitbestimmend waren für die Wahl des Platzes die außerordentlich günstigen klimatischen Verhältnisse von Wesrend. Die Kolonie liegt etwa 30 Meter höher als die Innenstadt auf der welligen Hochfläche des Teltow, umschlossen im Westen vom Havelral, im Norden vom Urstromtal der Spree und im Osten von der riefen Seerinne des Grunewalds, Diese Talrinnen wirken wie die Züge eines Ofens und rufen über Wesrend auch bei Windsrille eine dauernd aufsteigende Luftbewegung hervor. Da wir fast immer etwas Westwind haben, strömt die Luft aus der Havel und dem Grunewald ein, wobei die breite Heerstraße geradezu als 'Luftkanal wirkt. Vom gesundheitlichen Standpunkt aus konnte kaum eine günstigere Stelle für das Krankenhaus gefunden werden."

(Willy Bark, Chronik von Alt-Westend mit Schloß Ruhwald, Spandauer Bock und Fürstenbrunn [= Schriften des Vereins für die Geschichte Berlins, H. 56], S. 67.)


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Ausguß- und ein Wäschedesinfektor waren eigens nach Plänen Bessel-Hagens konstruiert worden.

Der Nachteil des Korridorsystems zeigte sich in der Luftgemeinschaft, doch konnte man ihn durch eine Ventilationsanlage erfolgreich beheben. Ausgeschlossen war diese Luftgemeinschaft der Pavillons in der Isolierabteilung für ansteckende Krankheiten. Die sechs Isolierpavillons waren nicht durch Korridore verbunden. Ein Drahtzaun mit dichtem Buschwerk trennte sie von der Chirurgischen Abteilung. "Nicht allein", so Bessel-Hagen, "sollten die Infektionskrankheiten von anderen wirksam abgesondert werden, sondern auch zur Einschränkung der Hausinfektion unter sich eine strenge Scheidung erfahren" (F. C. Bessel-Hagen, Das Städtische Krankenhaus …, S. 13). Die Wirtschaftsgebäude, das Leichenhaus, das Schwesternhaus und kleinere Schuppen für Wäsche-, Matratzen- und Speisetransportwagen und für Küchenabfälle gehörten zu einem Gebäudekomplex am Fürstenbrunner Weg. Weit abgelegen in der nordöstlichen Ecke des Geländes lagen die Kapelle, die pathologisch-anatomische Abteilung, das Desinfektions- und Verbrennungshaus und das Haus für Versuchstiere.

Die Innenausstattung des Krankenhauses in Westend war ebenso nach hygienischen Gesichtspunkten erfolgt. Massiven Decken und Böden, wie beispielsweise Terrazzoböden, war gegenüber den alten Holzböden größtenteils der Vorzug gegeben worden. Die Wände hatte man mit Glasurplatten oder mit Paneelen, die mit einem Ölanstrich versehen waren, vertäfelt. Alle sanitären Anlagen bestanden aus Fayence, Glas oder Durana-Metall.

Die Charlottenburger Wasserwerke sicherten die Wasserversorgung, die Entsorgung erfolgte nach der Desinfektion über die städtische Kanalisation.

 

Die Chirurgische und die Innere Abteilung

Laut Beschluß des Charlottenburger Magistrats sollte das alte Krankenhaus in der Kirchstraße als gynäkologische und derrna tologisch-venerologische Klinik weitergeführt werden. Das Städtische Krankenhaus Westend war somit schwerpunktmäßig auf eine chirurgische und eine innere Abteilung ausgerichtet. Bessel-Hagen war in den Jahren von 1904 bis 1922 als Chefchirurg im "Westend" tätig. Hier widmete er sich, soweit es seine verwaltungstechnischen Aufgaben zuließen, der Forschung auf dem Gebiet der Abdominal- und der Thoraxchirurgie. Insbesondere beschäftigten ihn die Indikationen und Kontraindikationen der Milzexstirpation. Statistischem Material über

 

"Die Anregung zur Konstruktion dieses neuen 'Ausgußdesinfektors' gab mir der bekannte, von Merke herrührende Fäkalienkocher, der wohl ähnlichen Zwecken dienen sollte, in Wirklichkeit aber mehr als eine zweifelhafte Brauchbarkeit besaß. […] Ich hielt daher eine weitgehende Umänderung für erforderlich. Der neue Desinfektor, der nach meinen Vorschlägen entstanden ist, erhielt bei schräger Neigung des als Heizkörpers ausgebildeten Kesselbodens seine Abflußöffnung an der tiefsten Stelle des Kesselinnenraumes in der Seitenwand. Sein Verschlußapparat wurde so eingerichtet, daß der Abschluß des Ableitungsrohres in der Ebene der Kesselwandung erfolgt und ein Durchsikkern unsterilisierrer Flüssigkeitstropfen verhindert wird. Eine weitere, sehr erhebliche Verbesserung haben wir dadurch erzielt, daß wir das alte, Gase und Gerüche ableitende Schornsteinrohr durch einen Kondensator ersetzten, der eine äußerst starke Wirkung entfaltet und nicht nur die Wasserdämpfe und übelriechenden Gase absaugt, sondern sie auch unterhalb eines Geruchverschlusses in die Kanalisation leitet. So ist die Verpestung der Luft, die mit dem Gebrauch des alten Apparates verbunden war, beseitigt worden."

(F.C. Bessel-Hagen, Das Städtische Krankenhaus Charlottenburg-Westend, Jena 1907, S. 27.)


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Abb. 52 Arthur Woldemar Meyer

 

Splenektomien fügte er Beschreibungen von ihm selber durchgeführter erfolgreicher Operationen hinzu. Die Milzentfernung wollte er nicht durchgeführt wissen bei "leukämischen Milztumoren, bei der alkoholischen Leberzirrhose und zur Therapie einer Arnyloidose" (= Einlagerung von Amyloid, einer von Rudolf Virchow im Jahre 1854 entdeckten pathologischen Eiweißsubstanz (H.-J. Sakowsky, Die Chirurgische Klinik …, S. 25). Bahnbrechend war sein neues Verfahren zur operativen Behandlung der Pankreaszysten, das er erstmalig bei einem 13jährigen Jungen angewendet hatte. Dieses Verfahren wird noch heute in besonderen Fällen, wenn das Organ infiziert ist oder nicht entfernt werden kann, gewählt. Neuerungen bewirkte Bessel-Hagen auf dem Gebiet der Thoraxchirurgie, als er im Jahr 1901 einen zentralen postpneumonischen Lungenabzeß öffnete und 1906 eine tuberkulöse Lungenkaverne operierte.

Leiter der 1. Chirurgischen Abteilung wurde nach dem Ausscheiden Bessel-Hagens Erich Neuperr. Er war bereits seit 1897 Assistenzarzt von Bessel-Hagen gewesen, hatte seit Inbetriebnahme des Krankenhauses die Stelle eines Oberarztes bekleidet und während des Ersten Weltkrieges, als auch Arthur Woldemar Meyer als Militärarzt an der Front tätig war, beide chirurgische Abteilungen geleitet. Arthur W. Meyer, am 16. März 1885 in Wiesbaden geboren, begann das Studium der Medizin in Marburg, wo er bei Emil Gasser (1847-1919) Anatomie belegte. In Wien hörte er den Gynäkologen Rudolf Chrobak (1843-1910) und den Urologen Otto Zuckerkandl (1861-1921); in Heidelberg studierte er bei Albert Narath (1864-1924). Nach seiner Approbation im Jahre 1909 blieb Meyer bis 1911 bei Ludolf von Krehl (1861-1937) an der Medizinischen Klinik in Heidelberg tätig. Zwar war er stark von dem Internisten Krehl beeindruckt, entschied sich aber für die Chirurgie. Unter Karl Maximilian Wilhelm Wilms (1867-1918), einem Schüler Friedrich Trendelenburgs, sammelte er reichhaltige Erfahrungen. Als Militärarzt in den Balkankriegen und im Ersten Weltkrieg entwickelte er Arnputationstechniken und sammelte Erfahrungen für die "chirurgische Versorgung von Wundinfektionen und Erfrierungsschäden der Gliedmaßen" (H.J. Sakowsky, Die Chirurgische Klinik …, S. 38). Im Jahre 1921 wurde Meyer zum außerordentlichen Professor der Chirurgie ernannt und ein Jahr später erhielt er den Ruf an die 2. Chirurgische Abteilung von "Westend", wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1933 verblieb.

Seine Tätigkeit in Charlottenburg war vor allem durch seine erfolgreichen Embolektomien gekennzeichnet. Diese


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Abb. 53 Operationssaal (um 1925)

 

 

Abb. 54 Operationssaal (um 1985)


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Operationstechnik, bei der ein das Blutgefäßsystem an einzelnen Stellen verlegender Blutpropf entfernt wird, geht zurück auf Vorarbeiten von Friedrich Trendelenburg aus dem Jahre 1908. Erfolgreich war Meyer ferner auf dem Gebiet der Basedowchirurgie, der operativen Therapie einer hyperfunktionellen und vergrößerten Schilddrüse. Lag die postoperative Mortalität vor Einführung der präoperativen Jodbehandlung noch bei 12,5 %, so konnte sie mit der von Stanley Plummer im Jahre 1922 entwickelten Jodvorbereitungsmethode erheblich verringert werden. Im Jahre 1932 hatte Meyer bereits 159 Patienten nach diesem Verfahren operiert, und es brauchte kein einziger typischer Basedowtod beklagt zu werden.

Aus dem Bereich der Abdominalchirurgie konnte Meyer vor allem Erfolge in der Dickdarmchirurgie aufweisen. Seine Beiträge zur Diagnostik der Hirntumoren fanden auch in Amerika, insbesondere bei C.H. Frazier, Beachtung. Die hohe Anzahl von Unfallopfern, die von der Avus täglich im "Westend" eingeliefert wurde, veranlaßte Meyer, sich mit Nachblutungen aus Milz und Leber zu beschäftigen. Er verwies in diesem Zusammenhang ausdrücklich auf die Bedeutung der Bluttransfusion.

Meyers umfangreiche Erfahrungen, seine Neuerungen auf dem Gebiet der chirurgischen Technik und Diagnostik wurden beispielsweise in dem von Martin Kirschner und Otto Nordmann herausgegebenen Lehrbuch Die Chirurgie festgehalten.

Während des Zweiten Weltkrieges diente das Städtische Krankenhaus Westend als Reservelazarett. Die Patienten mußten in Behelfskrankenhäusern, die man in den Schulen in der Scharren-, Danckelmann- und Bleibtreustraße eingerichtet hatte, untergebracht werden. Wie Schwester Ursula Schulz berichtet, waren in der Zeit der schweren Bombenangriffe Teile des Lazaretts nach Spremberg, Karlsbad, Marienbad und Schwedt verlagert. In diesen Kriegsjahren war "Westend" ausschließlich der Wehrmacht unterstellt. Ärztlicher Leiter und Chef der Inneren Abteilung war Wilhelm Fähndrich, die Leitung der Chirurgischen oblag Nicolaus Kleiber.

In die Zeit von 1939 bis 1947 fällt die Tätigkeit von Hans Boeminghaus, der den Ausbau der Urologie in "Westend" wesentlich vorangetrieben hat.

Er übernahm die 2. Chirurgische Abteilung, die im Jahr 1935 34 Betten für eine Hals-Nasen-Ohrenabteilung abgetreten hatte. Die im Mai 1940 in Betrieb genommene neue urologisch-chirurgische Abteilung verfügte über 160 Betten und zwei eigene Operationsräume, denen Räumlichkeiten für Narkose, Sterilisation der Instrumente und


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Abb. 55 Urologischer Röntgentisch

 

Vorbereitung der Patienten direkt angeschlossen waren. Auf Initiative von Boeminghaus wurde diese Abteilung mit einer eigenen Röntgenabteilung ausgestattet, um "den Patienten, denen man ein Cystoskop und Harnleiterkatheter eingeführt hatte, einen für sie unangenehmen Transport zur zentralen Röntgenanlage" (P. Martin, Zur Entwicklung der Urologie …, S. 32) zu ersparen. Schwerpunkt der Schaffensperiode von Boeminghaus in den Jahren 1939 bis 1945 war die Behandlung von Kriegsverletzungen im Urogenitalbereich und die Forschung auf dem Gebiet der Nieren-, Harnleiter- und Prostataerkrankungen. Er übernahm 1947 die urologische Abteilung der Klinik Golzheim in Düsseldorf.

Als im Mai 1945 das Reservelazarett aufgelöst wurde, nahm man den Krankenhausbetrieb sofort wieder auf, obwohl eine Vielzahl der Gebäude in Trümmern lag. Die Patienten mußten in Zelten und Kellern, die zu behelfsmäßigen Krankenzimmern umgerüstet worden waren, untergebracht werden. Selbst die ausgelagerten Wäschebestände wurden eingesammelt. Bereits im Herbst konnte

 

"Sein Name ist aus der Entwicklung der Deutschen Urologie nicht wegzudenken, hat weltweite Geltung erfahren und seine Operationsmethoden und Vorschläge bildeten in vielen Bereichen die Basis für die Weiterentwicklung und Vervollkommnung zur modernen Urologie."

(D. Zödler, Nachruf auf Prof Dr. med. Hans Boemingbaus, in: Urologe A, [1980], A 19, S. 3.)


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Abb. 56 Rudolf Hellenschmied (1903-1978)

Abb. 57 Wilhelm Brosig (geb. 1913)

 

die Ausbildung der Krankenschwestern wieder aufgenommen werden.

Es ist Rudolf Hellenschmied, der 1946 die Leitung der chirurgischen Abteilung übernahm, zu verdanken, daß die urologische Abteilung rasch wieder aufgebaut wurde. Als im Jahr 1948 die Freie Universität gegründet wurde und einzelne Abteilungen des Städtischen Krankenhauses den Grundstein der neuen medizinischen Fakultät bildeten, gehörte auch Hellenschmied zum Lehrkörper. Die Anknüpfung der deutschen Medizin an den internationalen Standard, vor allem der Kontakt mit amerikanischen Wissenschaftlern war das Anliegen Hellenschmieds. Die Einführung des Intubations-Narkoseverfahrens in Deutschland ist mit seinem Namen verbunden. Eine amerikanische Anästhesistin, Jean Henley, hatte dieses Verfahren in "Westend" demonstriert, und Hellenschmied schickte daraufhin seinen Assistenzarzt auf Forschungsreise, um auf diesem Gebiet Erfahrungen zu sammeln.

In Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Chirurgen William P. Longmire von der University of California, Los Angeles, führte Hellenschmied zu Beginn der fünfziger Jahre mehrere erfolgreiche Thorakotomien, Öffnung der Brusthöhle, nach Alfred Blalock (1899- 1944) durch, die zu den ersten in Deutschland zählten. Erst nachdem im Jahr 1951 Fritz Linder die Leitung der 2. Chirurgischen Abteilung übernommen und die Herz- und Thoraxchirurgie forciert hatte, wandte sich Hellenschmied wieder stärker der Urologie und Abdominalchirurgie zu. Er verfeinerte die operative Technik, beispielsweise durch die Einführung der Nierenbeckendrainage, die oftmals eine Nephrektomie verhindern konnte.

Hellenschmied ging 1959 als Chefarzt der chirurgischen Abteilung an das Städtische Krankenhaus Moabit. Unter Wilhelm Brosig, der 1958 nach "Westend" berufen worden war, wurde das Gebiet der Urologie konsequent ausgebaut. Die Nierentransplantation und die Therapie des Prostata-Carzinorns bleiben untrennbar mit seinem Namen verbunden. Der im Jahr 1963 erstmals in Deutschland durchgeführten Transplantation folgten bis zum Jahr 1964 fünf weitere. Jedoch verstarben vier Patienten aufgrund von Abstoßreaktionen. Auch die zunehmende Verfeinerung der Operationstechniken konnte dieses Risiko nicht ausschalten. Dennoch hat die Behandlung der terminalen Niereninsuffizienz "neben der Dauerdialyse mit der Nierentransplantation […] eine gerechtfertigte Ergänzung erfahren" (P. Martin, Zur Entwicklung der Urologie …, S. 58).

Ebenso wie Hellenschmied gelang auch Fritz Linder, der am 1. August 1951 die Leitung der 2. Chirurgischen


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Abb. 58 Übergabe der Stiftungsurkunde durch den Chefredakteur des "Stern" Henri Nannen an den Reg. Bürgermeister Willy Brandt. Mitte: Prof. Linder, Direktor der Chirurgischen Klinik der FU

 

Klinik angetreten hatte, der Anschluß der Chirurgie an die internationale Entwicklung. Seit 1952 arbeitete er eng mit Longmire zusammen und konzentrierte sich noch anfänglich auf die geschlossene Herzchirurgie. Erst ein Jahr später begann die Chirurgie am offenen Herzen. Wegweisend für die Herzchirurgie war, als Linder, Maloney, Bücherl und Schütz am 18. Oktober 1958 "in erstmaligem Einsatz einer Herz-Lungen-Maschine in Berlin die Korrektur eines Ventrikelseptumdefekts in Kombination mit einer Pulmonalstenose bei einem 10-jährigen Mädchen" (Defekt der Herzkammerscheidewand mit Verengung der Lungenarterie) (W. Merk, Geschichte …, S. 13) durchführten. Dieses Ereignis war der Beginn von Operationen mit dem extrakorporalen Kreislauf. Die Anschaffung der Herz-Lungen-Maschine, die nach Vorgaben von Schmutzer, Maloney und Longmire entwickelt worden war, wurde mit Hilfe einer Spendenaktion der Zeitschrift Stern finanziert.

Im Herbst 1959 richtete Linder in Kellerräumen eine Schilddrüsenberatungsstelle ein, die als interdisziplinäre Forschungseinrichtung gedacht war. Ziel dieses Modellversuches war, Untersuchungen über die "Spätergebnisse nach chirurgischer und konservativer Behandlung" (W.


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Abb. 59 Emil Sebastian Bücherl (Foto: 1977)

 

Abb. 60 Kalb. dem von Prof Bücherl, Berlin, ein Kunstherz eingepflanzt wurde

 

Merk, Geschichte …, S. 17) durchzuführen. Das Projekt fand allgemein große Anerkennung und wurde in anderen deutschen Städten wie beispielsweise Heidelberg nachgeahmt.

"Meilensteine in der internationalen Entwicklung auf dem chirurgischen Gebiet" (N.-P. Strauch, Die Chirurgische Universitiitsklinik …, S. 7) setzte Emil Sebastian Bücherl, der am 1. März 1969 vom Neuköllner Krankenhaus an das "Westend" wechselte. Seine wissenschaftliche Arbeit läßt sich in vier Hauptpunkte gliedern:

"Klinische Forschung im Rahmen der Herzchirurgie, Temporärer und permanenter künstlicher Organersatz, Klinische Forschung zur Physiologie des Magens und der Leber. Wissenschaftliche Arbeiten über Immunologie und Transplantation" (N. P. Strauch, Die Chirurgische Universitätsklinik …, S. 26).

Die Transplantation und der Ersatz des Herzens durch eine künstliche Pumpe gehören zu den beiden Möglichkeiten des Herzersatzes. Da die Organtransplantation, wie bei der Nierentransplantation, immer mit dem Risiko der Abstoßung verbunden ist, galt in der Schulmedizin der künstliche Organersatz als wünschenswerte Alterna-


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tive. Zwar tauchten schon 1931 erste Überlegungen zum künstlichen Herzen auf, ernsthafte Forschungsarbeiten begannen aber erst, als die Operation am offenen Herzen durch die 1952 entwickelte Herz-Lungen-Maschine möglich wurde. Bücherl wagte 1959 als erster deutscher Chirurg - damals noch in Göttingen - die Operation am stillstehenden Herzen und kurz nach der ersten Herztransplantation von Christian Barnard die Transplantation einer Lunge.

Für den Berliner Herzchirurgen jedoch blieb der künstliche Organersatz primäres Ziel seiner Forschungsarbeit. Zusammen mit seinem Team entwickelte er eine Blutpumpe mit einem extrakorporalen Antrieb und einer Meßund Regeltechnik. Die Druckschläuche zwischen der Prothese und der "Kraftquelle", die sogenannten Hautdurchleitungen, bilden, da sie eine hohe Infektionsgefahr bedeuten, die zentrale Schwachstelle des Aggregats. Am Klinikum Westend arbeitete man in den vergangenen Jahren intensiv daran, diese "Kraftquelle" so klein zu dimensionieren, daß sie ebenso in den Brustraum implantiert werden kann wie das Kunstherz. Diese vollständige "Inkorporation" ist Zukunftstraum geblieben. Es ist dem Forschungsteam aber gelungen, den Antrieb in einem tragbaren Koffer unterzubringen, so daß der Patient das Bett für kurze Zeit verlassen kann. Bücherl hatte diese Prothese jahrelang vor allem an Kälbern getestet, bis im März 1986 erstmalig in Deutschland einem Menschen ein Kunstherz implantiert wurde. Die Blutpumpe diente hier nicht als Alternative zum Spenderherz, sondern als temporärer Herzersatz. Bereits wenige Tage später wurde dem Patienten in einer weiteren schweren Operation ein Spenderorgan implantiert, das sein Leben jedoch nur um zwei Tage verlängern konnte. Bücherl sah in den dicht nacheinander erfolgten Operationen einen möglichen Grund für den Tod des Patienten und betonte, er "würde das Kunstherz beim nächsten Mal länger arbeiten lassen (Der Spiegel vom 17. März 1986). Er mußte sich aber auch den Vorwurf gefallen lassen, der Patient sei aufgrund des schlechten Zustandes seiner Gefäße für dieses medizinische Wagnis ungeeignet gewesen. Grundsätzlicher war die Frage des deutschen Chirurgen Friedhelm Storch, der zu bedenken gab, "ob es sich denn wirklich lohne, […] das ohnehin unausweichliche Lebensende um fast jeden Preis hinauszuschieben" (Der Spiegel vom 17. März 1986).

Aber nicht nur die berühmten Chirurgen, sondern auch die Mediziner der Inneren Abteilung im "Westend" haben Medizingeschichte geschrieben.


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Die Innere und Infektionsabteilung leitete ab 1904 Ernst Grawitz. Die Isolierstationen hingegen gehörten zur 2. Inneren und unterstanden seit 1920 Werner Schultz,

Das Fachgebiet von Grawitz, Bruder des VirchowSchülers Paul Grawitz, war die Haernatologie. Er betrachtete "das Blutbild als diagnostisches Hilfsmittel für das gesamte Gebiet der inneren Medizin" (M. Hellenthal, Haematologie …, S. 10). In seinem 1896 erschienenen Hauptwerk "Die klinische Pathologie des Blutes" gab er eine Übersicht zu dem damaligen Stand der Forschungen über die "Veränderungen des Blutes in den verschiedenen Krankheitszuständen" (M. Hellenthal, Haernatologie …, S. 12). Schwerpunkt dieser Arbeit war die Darstellung von Infektionskrankheiten, die durch zahlreiche Bildtafeln, auf denen auch der Malariaerreger abgebildet war, ergänzt wurde. Die dritte Auflage, die im Jahr 1906 erschien, war um eine "Methodik der Blutuntersuchungen" erweitert und widmete sich auch den Blutgiften, wie beispielsweise dem Blei. Wenige Wochen nach der vierten Auflage seines Werkes von über 1000 Seiten starb Grawitz im Jahr 1911 an einem Aortenriß.

Sein Nachfolger wurde der am 3. Juli 1878 in Ludwigslust (Mecklenburg) geborene Werner Schultz. Er leitete die 2. Innere Abteilung von 1920 bis 1939 und wechselte sodann an die Innere des Rudolf-Virchow-Krankenhauses. Er starb am 6. November 1944 an den Folgen eines Oberkieferkarzinoms.

Schultz hatte die Forschungen von Grawitz auf dem Gebiet der Haematologie fortgesetzt und sich mit Themen wie "Die technische Diagnostik des Blutes", "Die akuten Erkrankungen des myeloischen Apparates" und "Die Monozytenleukämie" (M. Hellenthal, Haematologie …, S. 16) beschäftigt. Im Jahre 1933 wurden die beiden Inneren Abteilungen durch eine neurologische ergänzt.

Für das Fachgebiet der Haematologie wurde 1955 eine eigene Abteilung geschaffen, die 1957, als die Poliomyelitisepidernie in Berlin grassierte, mit einem Reanimationszentrum ausgestattet wurde. Diese Einrichtung zusammen mit einer Giftauskunftszentrale blieb als "Serviceleistung" für alle anderen Fachdisziplinen bestehen.

 

Das Pathologische Institut

Seit seiner Gründung verfügte das Städtische Krankenhaus Westend über ein Pathologisches Institut. In dem zweistöckigen Gebäude befanden sich im Kellergeschoß die Leichen-, Vorrats- und Abwaschräume, im


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Abb. 61 Max Löhlein (Prosektor 1913-1918)

 

Erdgeschoß der Sektionssaal, der Vorbereitungs- und Präparierraum, ferner das histologische Laboratorium und die Dienstzimmer des Institutsleiters (Prosektor). Die Räume für die pathologisch-anatomische Sammlung und das klinisch-chemische Laboratorium lagen im ersten Obergeschoß. Friedrich Henke war als erster Prosektor bis zum Jahr 1906 am "Westend" tätig. Ihm folgten Albert Dietrich (1906-1913), Max Löhlein (1913-1918), Max Verse (1918-1923), Wilhelm Ceelen (1923-1925) und Walter Koch (1925-1952). Am 1. April 1953 übernahm Wilhelm Doerr die Prosektur.

Obwohl Henke nur zwei Jahre in Charlottenburg tätig war, veröffentlichte er in dieser Zeit mehrere Arbeiten, die sich im wesentlichen mit der morphologischen und experimentellen Geschwulstforschung der pathologischen Anatomie der Tuberkulose und Fragen der histologischen Technik auseinandersetzten. Er entwickelte eine Methode der Paraffineinbettung, die noch lange später praktiziert wurde. Albert Dietrich war wie Henke aus der Schule von Paul von Baumgarten hervorgegangen. Von seinen mehr als 33 Arbeiten verdient seine "Ausarbeitung der noch heute unter seinem Namen bekannten Nachweismethode von Lipoiden im Schnittpräparat (Lorrain Smith-Dietrich)" besondere Beachtung (W. Doerr, Fünfzig Jahre Pathologisches Institut …, S. 7).

Löhlein, aus der Leipziger Schule von Felix Marchand, hatte unter anderem am Institut für Infektionskrankheiten unter Kolle in Berlin im Jahre 1904 und am Institut Pasteur in den Jahren 1904/1905 gearbeitet. Während des Ersten Weltkrieges war er als Korpshygieniker und Armeepathologe tätig. In seiner Charlottenburger Zeit richtete Löhlein sein Augenmerk auf die Pathogenese der Schrumpfniere, so daß nicht nur das Fachgebiet der Urologie, sondern auch die Nierenpathologie im Krankenhaus Westend besonders gefördert worden ist.

Schwerpunkt der Arbeiten von Verse, ebenfalls aus der Leipziger Schule, waren langjährige Forschungen über die Störungen des Cholesterinstoffwechsels. Waren diese hier vorgestellten Pathologen nur verhältnismäßig kurz in Charlottenburg tätig und haben die "Charlottenburger Prosektur als Sprungbrett auf die Ordinariate (ihres) Faches genutzt" (W. Doerr, fünfzig Jahre Pathologisches Institut …, S. 12), so leitete Walter Koch das Pathologische Institut für die Dauer von 27 Jahren. Er blieb im Verlauf seiner Forschungen der Fragestellung nach der Anatomie und Pathologie des spezifischen Muskelsystems des Herzens treu. Er engagierte sich stark in der Ausbildung der Amtsärzte und kämpfte entschieden für

 

"Charlottenburg, im April 1905 Sehr geehrter Herr Kollege,

ich bechre mich Ihnen davon Kenntnis zu geben, daß die Gemeindebehörde Charlottenburg die Errichtung eines Untersuchungsamtes für ansteckende Krankheiten, im Anschluß an das pathologische Institut des Krankenhauses Westend, für den hiesigen Stadtbezirk beschlossen hat. Bereits in einer erheblichen Zahl größerer Städte hat sich diese segensreiche, gemeinnützige Einrichtung aufs Beste eingeführt und seit Jahren bewährt. Sie bezweckt, unter Ausnutzung der modernen Errungenschaften auf dem Gebiet der Bakteriologie, die Sicherung der Diagnose der uns ätiologisch bekannten Infektionskrankheiten und ihre rationelle Bekämpfung.[ …)

Der eine Entnahmeapparat ist bestimmt für die Untersuchung auf Diphrerie, ein zweiter auf Typhus (Widalsche Reaktion), ein dritter für Sputum (Tuberkulose - Influenza - Pneumonie). Dies letztere Entnahmegefäß soll aber gleichzeitig dienen zur Aufnahme von Stuhl (Typhus, Cholera, Dysenterie-Verdacht), ebenso von Urin (Verdacht auf Tuberkulose ev. Typhus) und auch zur Aufnahme von Lumbalpunktionsflüssigkeit. Auch für Eiterproben aller Art (Milzbrand, Rotz, Gonorrhoe, Aktinomykose,


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den Ausbau des Instituts. Mit der Gründung der freien Universität avancierte der Leiter des Instituts zum ordentlichen Lehrstuhlinhaber für Allgemeine Pathologie und pathologische Anatomie.

In den Räumen des Pathologischen Instituts war bis zum Jahre 1918 zugleich das "Städtische Untersuchungsamt für die ansteckenden Krankheiten" untergebracht. Seine Hauptaufgabe lag in der Diagnostik der damals bekannten Infektionskrankheiten. Nicht nur die Einzeltherapie wurde angestrebt, sondern es sollten auch die Vorbeugungsmaßnahmen gegen die Verbreitung von Seuchen auf eine fundierte Grundlage gestellt werden. Die Untersuchungen des Amtes wurden gebührenfrei vorgenommen und jedem praktizierenden Arzt wurde empfohlen, seine Untersuchungsproben hierher einzusenden. Um den modernen hygienischen Erfordernissen zu entsprechen, konnten die benötigten Gefäße vom Amt angefordert werden. Besonders hoch lag die Rate der Untersuchungen von Tuberkulose, Diphtherie und Typhus.

Das Untersuchungsamt übernahm im Verlauf seiner Tätigkeit städtische Aufträge, wie beispielsweise die Untersuchung der städtischen Wasserleitung und der Arbeiter der Wasserwerke, die Untersuchung von städtischen Brunnen, die vierteljährliche Untersuchung des Volksbades, die Untersuchung der Milch für die Säuglingsfürsorgestellen und Milchküchen und die Prüfung der Dampfdesinfektionsapparate der Städtischen Desinfektionsanstalt.

In der Tuberkulosebekämpfung, einer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zentralen Aufgabe medizinischer Versorgung, arbeitete das Krankenhaus Westend eng zusammen mit der "Lungenkrankenfürsorge vom Roten Kreuz", die am 1. Mai 1902 vom Vaterländischen Frauen-Verein eröffnet und 1909 zusammen mit der städtischen Fürsorgestelle in das Cecilienhaus in der Berliner Straße eingezogen war.

 

Die Ausdehnung des Städtischen Krankenhauses Westend zum Klinikum

Als der Senat am 16. Juni 1971 beschlossen hatte, das Städtische Krankenhaus als "Klinikum Westend" weiterzuführen, wurden ihm im Verlauf der folgenden Jahre eine Vielzahl ehemals selbständiger Krankenhäuser angegliedert. Noch in demselben Jahr gehörte ihm die Städtische Frauenklinik Charlottenburg in der Pulsstraße an. Am 1. Januar 1973 wurde das Kaiserin-Auguste-Viktoria Haus am Heubnerweg übernommen, das in der Geschichte der Gesundheitsfürsorge einen zentralen Stellenwert einnimmt.

 

Tetanus) ist dasselbe Entnahmegefäß gedacht. […]

Der Vorsteher des Amtes Prof. Dr. F. Henke

Prosektor des neuen Städtischen Krankenhauses Charlottenburg-Westend"

(Knut Carsren Weiß, Die Geschichte des Medizinaluntersuchungsamtes Charlottenburg Westend, Diss., Berlin 1984, S. 23-25.)


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Abb. 62 Krankensaal (1946)

 

 

Abb. 63 Kinderstation in Haus 7, einem ehemaligen chirurgischen Frauenpavillon


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Abb. 64 Vor der Kinderstation (um 1920)

 

Exkurs

Das "Kaiserin-Auguste-Viktoria Haus zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit im deutschen Reiche" wurde auf Initiative der Kaiserin Auguste Victoria, der Gattin Wilhelms II., gegründet.

Das Deutsche Reich wies im Jahr 1903 neben Rußland, Rumänien und Österreich-Ungarn die höchste Säuglingssterberate auf. "In absoluten Zahlen gesprochen starben damals im Deutschen Reich rund eine halbe Million Säuglinge jährlich" (G. Klam, Untersuchungen …, S. 6). Die Ursache für diese beschämende Tatsache lag vornehmlich im Rückgang der Stillfreudigkeit bei gleichzeitiger unzureichender künstlicher Ernährung und der mangelnden Hygiene bei der Pflege. Die Kaiserin nahm sich dieser Probleme an und gab den Anstoß zur Gründung des "Deutsche(n) Komitee(s) für Begründung einer Musteranstalt zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit", das die Grundkonzeption der geplanten Anstalt erarbeiten sollte. Die erste kaiserliche Spende von 25.000 Mark brachte eine Spendenaktion ins Rollen, "so daß zum Abschluß des Jahres 1908 1.630.000 Mark zusammen gekommen waren" (G. Klam, Untersuchungen …, S. 10). Die Stadt Charlottenburg hatte anläßlich der Silbernen

 

"Nur mühsam setzte sich gerade in Deutschland die Ansicht durch, daß der Kinderheilkunde im Universitatsunterricht eine wichtige Aufgabe zukommt, die die Errichtung von Kinderkliniken mit dem nötigen wissenschaftlichen Apparat und besonders befähigte und geschulte Lehrkräfte erfordert. Theodor Escherich beklagt 1868 die noch vielfach verbreitete Ansicht, daß das Studium der Kinderkrankheiten an den Universitäten überflüssig sei, weil es von der inneren Medizin aus genügend betrieben werden könne […].

Es war ein großer prinzipieller Fortschritt, als Otto Heubner, ein Schüler Wunderlichs und Leiter der Distriktpoliklinik in Leipzig, dem die Gründung eines Ambulatoriums und eines Krankenhauses für Kinder geI ungen war und der in Deutschland, die erste eigentliche kinderärztliche Schule' ins Leben rief, im Jahre 1894 durch den weitsichtigen, um die Medizin hochverdienten Ministerialdirektor im Preußischen Kultusministerium Friedrich Althoff


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Abb. 65 Der Hörsaal der Freien Universität (1955)

 

Hochzeit des Kaiserpaares am 27. Februar 1906 das Grundstück gestiftet. Die Grundsteinlegung erfolgte am 3. Dezember 1907 in Anwesenheit der Kaiserin und am 4. Juni 1909 wurde die Anstalt eröffnet. Das "Kaiserin-Auguste-Viktoria Haus für die Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit" sah seine Aufgabe darin, "den sozial Schwachen beizustehen, den unehelich Geborenen besondere Pflege einzuräumen, Mutterpflege zu betreiben, Fürsorge verantwortlich zu gestalten, Stillpropaganda überzeugend vorzuführen, die künstliche Ernährung zu perfektionieren und natürlich Geburten und Kinderkrankheiten zu beherrschen" (G. Klam, Untersuchungen …, S. 16). Im Jahre 1911 löste der jüdische Kinderarzt Leo Langstein den ersten Leiter der Anstalt Arthur Keller ab. Langstein engagierte sich stark auf dem Gebiet der Gesundheits- und Wohlfahrtspflege, veröffentlichte zahlreiche Abhandlungen über Säuglings- und Kleinkinderschutz und trug entschieden dazu bei, ein spezifisches Berufsbild der Säuglingsschwester und der Gesundheitspflegerin zu entwickeln. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten "sah er sein Lebenswerk zerstört und schied aus dem Leben" (M. Sturzbecher, Leo Langstein …, S. 614).

Als "Reichsanstalt zur Bekämpfung der Säuglings- und Kleinkindersterblichkeit" übernahm das Haus 1935 die Verwaltung der "Frauenmilchsammelstelle Berlin", verfügte über ein "Museum für Säuglingskunde und Erblehre" und war mit der "Poliklinik für Erb- und Rassenpflege" verbunden. Direktor jener Jahre war Kurt Hofmeier.

In der Zeitspanne von 1948 bis 1972 nutzte die FU Berlin die Anstalt als Kinderklinik bis sie als universitätseigene weitergeführt wurde.

 

(1839-1909) gegen den Einspruch der Fakultät als Ordinarius des Faches nach Berlin berufen wurde. Danach war es nicht mehr möglich, die Bedeutung der Pädiatrie als eines vollberechtigten Lehrfaches abzuleugnen."

(Paul Diepgen, Geschichte der Medizin, Bd. 21, 2. Hälfte, Berlin 1965, S. 208 f.)


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Abb. 66 Das Klinikum Charlottenburg (1986)

 

Im Oktober 1985 regten sich heftige Proteste gegen die Pläne des Senats, bis ins Jahr 1992 in Berlin 2.000 bis 2.500 Akutbetten zu streichen und das PU-Klinikum Charlottenburg in das Rudolf-Virchow-Krankenhaus (RVK) zu verlagern. Das Bezirksamt sprach sich entschieden gegen die geplante Schließung aus und forderte für die Krankenversorgung des Bezirks eine eigene kommunale Einrichtung. Ferner wandten sich Mediziner des Klinikums Charlottenburg in einem Protestschreiben an den Präsidenten der FU. Sie befürchteten, daß Lehre, Forschung und Krankenversorgung nicht mehr sachgerecht aufrecht erhalten werden könnten, und sagten für die Übergangsphase eine "Abwanderung hervorragender Ärzte und Wissenschaftler" voraus. Sie gaben außerdem zu bedenken, daß das RVK nicht über die erforderliche Infrastruktur verfüge und ein entsprechender Ausbau mit einem erheblichen finanziellen Aufwand verbunden sei. Gemeinsam protestierten Vertreter beider Krankenhäuser am 16. November 1985 gegen die Pläne des Senats und übergaben dem Gesundheitssenator eine Resolution mit der Forderung, die Haushaltskürzungen zurückzunehmen und alle Bau- und Invest.itionsstops aufzuheben.

Am 18. März 1986 verabschiedete der Senat die Krankenhausplanung bis 1992. In sieben Jahren soll der Umzug des Klinikums Charlottenburg auf das Gelände des Rudolf-Virchow-Krankenhauses abgeschlossen sein.


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Literaturhinweis

Fritz C. Bessel-Hagen, Das St.ddtische Krankenhaus Charlottenburg-Westend, Separat-Abdruck aus der Festschrift zum XlV. Internationalen Kongress für Hygiene und Demographie, Berlin 1907, Jena 1907. Berlin und seine Krankenhäuser, hrsg. von dem Senator für Gesundheit und Umweltschutz Berlin, Berlin o.J. Dietrich Brandenburg, Berlins alte Krankenhäuser. Ihre Entstehung und Entwicklung, Berlin 1974. Wilhelm Doerr, Fünfzig Jahre Pathologisches Institut Charlottenburg-Westend, in: Ärztliche Wochenschrift, 9 (1954), H. 28 (Sonderdruck). Die gesundheitlichen Einrichtungen der Königlichen Residenzstadt Charlottenburg. Festschrift gewidmet dem 3. Internationalen Kongress für Säuglingsschutz in Berlin im September 1911, Charlottenburg 1911. Michael Hellenthal, Haematologze und Infektioldgie in den Kliniken von Ernst Grawitz und Werner Schultz am Krankenhaus Westend zu Berlin-Charlottenburg. Ein Rückblick auf die Jahre 1904 bis 1939, Diss. Berlin 1984. Walter Hoffmann-Axthelm, Zur Entwicklung des Berliner Krankenhauswesens, in: Medizinischer Monatsspiegel, H. 2 (1969), S. 36-40. Günter Klam, Untersuchungen zum Krankenblatt des Kaiserin Auguste Victoria Hauses (K.A.V.H.) im Zeitraum von 1920 bis 1940, Diss. Berlin 1984. Peter Martin, Zur Entwicklung der Urologie im Krankenhaus Westend von 1904-1969, Diss. Berlin 1982. Wolfgang Merk, Geschichte und wissenschaftliche Ergebnisse der Chirurgischen Klinik des Krankenhauses Westend in der Ara Prof Dr. Fritz Linder, Diss. Berlin 1983. Albrecht Peiper, Chronik der Kinderheilkunde, Leipzig 1951. Christian Richter, Von der HNO-Ambulanz im Städtischen Krankenhaus Westend Berlin-Charlottenburg zur Universitäts-HNO-Klinik im Klinikum Charlottenburg der Freien Universitat Berlin (Abriß der Entwicklung von 1935-1969), Diss. Berlin 1982. Hans-Jürgen Sakowsky, Die Chirurgische Klinik des Krankenhauses Westend von 1904 bis 1933. Beiträge zur Geschichte und Wissenschaft, Diss. Berlin 1982. Ursula Schulz, 75 Jahre Westend, in: Die Berliner Arzteleamrner, 16 (1979), H. 6, S. 386-390. Norbert-Peter Strauch, Die Chirurgische Universitätsklinik im Klinikum Westend Berlin unter der Leitung von Prof Dr. med. E. S. Bücher], Diss. Berlin 1983. Manfred Sturzbecher, Leo Langstein, in: Neue Deutsche Biographie (NDB), Bd. 13, Berlin 1982, S. 613f. Manfred Sturzbecher, Zur Periodisierung der Geschichte des Berliner Krankenhauswesens, in: Medizinische Mitteilungen Schering, 22 (1961) (Sonderdruck). Westend wird Universitätsklinikum, in: Die Berliner Ärztekammer 18 (1971), H. 1, S. 16.


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Michael Steinbrecher: Die Wohnung von Andreas Hermes / Platanenallee 11

 

 

Abb. 67 Wohnhaus von Andreas Hermes; heute: Seniorenheim (privat)

 

Baugeschichte

1906: Erbauung eines großen Landhauses (Villa) auf dem Grundstück des Fabrikbesitzers Carl Schaller und seiner Frau Gertrud Schaller.

1927: Errichtung eines Umgangs an der Westseite des Hauptgeschosses.

1939 bis 1945: Im Zweiten Weltkrieg bleibt das Haus unbeschädigt.

Seit 1964: Das Haus dient als privates Seniorenheim; die bauliche Grundkonzeption sowie wesentliche Teile der alten Inneneinrichtung werden unverändert übernommen.


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Abb. 68 Der ehemalige Reichsminister Andreas Hermes (1878-1964) vor dem Volksgerichtshof in Berlin

 

Ereignisgeschichte

Kurze Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde das Haus in der Platanenallee 11, Berlin-Westend, zur Begegnungsstätte eines schnell wachsenden politischen Gesprächskreises, dessen Beratungen schließlich zur Gründung der "Christlich-Demokratischen Union Deutschlands" in Berlin am 22. Juli 1945 im Theater am Schiffbauerdamm geführt haben.

Schlüsselgestalt für das Werden der CDU war der ehemalige Zentrumspolitiker und Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft Andreas Hermes.

Seit seiner Freilassung aus dem Gefängnis in der Lehrter Straße, Berlin-Moabit, am 25. April 1945, die unter dem Druck des sowjetischen Vormarsches zustande gekommen war - noch in der Nacht zuvor waren mehrere Mitgefangene zur Hinrichtung in Plötzensee abtransportiert worden-, wohnte Hermes im Hause Platanenallee 11, das einer Tante seiner Frau gehörte. Schon am 5. Mai 1945 aber hätte Hermes das Haus verlassen müssen, wenn es nicht zuvor am 2. Mai 1945 von der Roten Armee beschlagnahmt worden wäre, um dort eine Veterinarabteilung einzurichten. Am folgenden Tag, dem 6. Mai,


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sollte in den Räumen des Hauses eine sowjetische Siegesfeier stattfinden. Man war gerade dabei, aus diesem Anlaß die Möbel zusammenzurücken, als unerwartet und in Begleitung eines sowjetischen Offiziers Walter Ulbricht das Haus in der Platanenallee 11 aufsuchte. Im Namen von Marschall Shukow richtete Ulbricht an Hermes die Frage, ob er bereit sei, am Aufbau einer deutschen Verwaltung mitzuwirken, indem er die Lebensmittelversorgung der Stadt Berlin organisiere. Da Hermes sich zur Übernahme dieser schwierigen Aufgabe bereit erklärte, wurde ihm von sowjetischer Seite gestattet, in der Platanenallee 11 wohnen zu bleiben. Am nächsten Tag wurde Hermes vom sowjetischen Stadtkommandanten Bersarin offiziell mit dem Aufbau des Ernährungsamtes betraut.

Sichtbares Zeichen dafür, daß die Zusammenarbeit mit dem sowjetischen Oberkommando anfänglich reibungslos funktionierte, ist folgender Vorgang, bei dem die Platanenallee 11 wiederum den Schauplatz des Geschehens darstellt: Da das neue Ernährungsamt durch den Mangel an Fahrzeugen stark in seiner Arbeit behindert wurde, wandte Hermes sich mit der Bitte um Hilfe an die sowjetische Stadtkommandantur. Generaloberst Bersarin persönlich war es, der zwei Tage später an der Spitze von 4 PKWs, 30 LKWs und 50 Fahrrädern in die Platanenallee 11 kam, um das Gewünschte zu überbringen. Mit einer kleinen Ansprache im Innern des Hauses wurden die Fahrzeuge übergeben.

Während also das Ernährungsamt unter der Leitung von Hermes, der seit dem 17. Mai 1945 als 2. stellvertretender Oberbürgermeister dem neu gebildeten Magistrat der Stadt Berlin angehörte, seine Organisation aufbaute und das Überleben der Bevölkerung zu sichern suchte, nahm Hermes noch im Mai 1945 die Verwirklichung eines alten Planes in Angriff. Schon während der Widerstandszeit gegen das NS-Regime, insbesondere aber nach seiner Verhaftung wegen der Zugehörigkeit zur Widerstandsgruppe des 20. Juli 1944 - am 11. Januar 1945 war er von Hitlers Blutrichter Freisler zum Tode verurteilt worden -, hatte Hermes mit verschiedenen Freunden im Gefängnis den Plan erörtert, nach dem vorauszusehenden Zusammenbruch der Nazi-Herrschaft alle aufbauwilligen Kräfte in einer großen Partei auf christlicher Grundlage zu sammeln. Die ersten Vorbesprechungen im Hinblick auf eine neu zu gründende soziale, aber nicht sozialistische, auf beide Konfessionen sich stützende Partei hatten bereits stattgefunden, als die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) am 10. Juni 1945 überraschend die


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Abb. 69 Dr. Walther Schreiber (1884-1958); Gemälde im Rathaus Schöneberg

 

Abb. 70 Jacob Kaiser (1888 bis 1961); Gemälde von Ahlers-Hestermann

 

Bildung von politischen Parteien zuließ. So wurde für den 15. Juni in Hermes' Wohnung in der Platanenallee 11 eine weitere Besprechung anberaumt, auf der erstmalig über den von Hermes vorgelegten Entwurf eines Parteiprogramms debattiert wurde. Am Nachmittag des folgenden Tages waren die zur Gründung der neuen Partei Entschlossenen, darunter auch Geistliche beider Konfessionen, wiederum bei Hermes in der Platanenallee versammelt, um den programmatischen Gründungsaufruf der neuen Partei zu formulieren. Zu den aktivsten Gesprächsteilnehmern zählten neben Andreas Hermes Jacob Kaiser, Emil Dovifat, Otto-Heinrich von der Gablentz, Ernst Lemmer, Heinrich Krone, Ferdinand Friedensburg, Elfriede Nebgen und Walther Schreiber. Die Beratungen zogen sich jedoch bis zum 22. Juni 1945 hin; dann erst konnte man eine Einigung erzielen. Johann Baptist Grad!, der ebenfalls zu den Berliner Gründungsmitgliedern der CDU zählt, charakterisiert die Zusammenkünfte in der Platanenallee 11 wie folgt: "Dort wurde in wechselnden Begegnungen und in zuweilen sehr temperamentvollen Aussprachen die politische Konzeption entwickelt, die schließlich im Gründungsaufruf der Christlich-Demokratischen Union mündete. Der Teilnehmerkreis wechselte. Das hing mit den Schwierigkeiten der Verbindungen und Anmarschwege zusammen. Nicht alle, die in Frage kamen, konnten erreicht werden. Trotzdem war es möglich, sowohl für die Verbreitung wie für die erste Verpflichtung auf das Gründungsprogramm einen Kreis zu sammeln, der für die breite Anlage der Gründungsidee repräsentativ war." Bei den Unterzeichnern des Gründungsaufrufs waren politische Persönlichkeiten der Weimarer Parteienlandschaft von Mitte-Rechts bis Mitte-Links vertreten, Konservative, Christlich-Soziale, Zentrumspolitiker; ferner Repräsentanten der nichtsozialistischen Gewerkschaften, Vertreter der Wirtschaft sowie Persönlichkeiten des geistigen und künstlerischen Lebens.

Eines der meistdiskutierten und bis zuletzt heftig umstrittenen Probleme betraf die Namensgebung der neuen Partei. Am häufigsten wurden folgende Vorschläge unterbreitet: "Aufbau Partei" (zum Teil mit verschiedenen Zusätzen, wie "Deutsche" oder "Soziale''), "Christliche Volkspartei", "Soziale Volkspartei", "Deutsche Erneuerung'' oder auch "Neues Deutschland". Zwar bestand Einigkeit darüber, daß die Partei sich an christlichen Grundsätzen orientieren sollte, zur Debatte stand aber die Frage, ob die christliche Grundhaltung auch in den Parteinamen aufzunehmen sei. Schließlich einigte man sich am 25. Juni 1945 - also drei Tage nach der Einigung

 

Kernsatz des Gründungsaufrufs: "An die Stelle des Zerrbildes einer staatlichen Gemeinschaft in der Hitlerzeit soll jetzt der wahrhaft demokratische Staat treten, der auf der Pflicht des Volkes zu Treue, Opfer und Dienst am Gemeinwohl ebenso ruht wie auf der Achtung vor dem Recht, der Persönlichkeit, ihrer Ehre, Freiheit und Menschenwürde."


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über das Programm - auf den von Andreas Hermes vorgeschlagenen Namen "Demokratische Union Deutschlands", dem auf nachdrücklichen Wunsch einer starken Gruppe um Dovifat und von der Gablentz die Bezeichnung "Christlich" hinzugefügt wurde. Mit dem Begriff "Union" sollte hervorgehoben werden, daß man danach trachtete, so Hermes selbst, "zwischen den Konfessionen die Kluft im politischen Leben zu überbrücken".

Der Gründungsaufruf der "Christlich-Demokratischen Union Deutschlands" wurde einen Tag nach seiner Genehmigung durch die SMAD am 26. Juni 1945 veröffentlicht.

Auf die Initiative von Andreas Hermes in Berlin fand vom 14. bis 16. Dezember 1945 in Bad Godesberg die erste gemeinsame Konferenz aller christlich-demokratischen Gruppen statt, die sich überall im zerstörten Deutschland der "Stunde Null" - unabhängig voneinander - gebildet hatten, um eine neue politische Ordnung auf christlichem Fundament aufzubauen. Da die Sowjets ihm die Ausreise verweigerten, konnte Hermes selbst an dem Treffen nicht teilnehmen; wichtiger aber war, daß die auf ihn zurückgehende Berliner Namensgebung der Partei von allen anderen regionalen Neugründungen akzeptiert und zum gemeinsamen Namen gemacht wurde.

 

Literaturhinweis

Berlin. Kampf um Freiheit und Selbstverwaltung 1945-1946, hrsg. vom Senat von Berlin, Berlin 1961. Johann Baptist Grad!, Anfang unter dem Sowjetstern. Die CDU 1945-1948 in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, Köln 1981. Arcadius R. L. Gurland, Die CDU/CSU. Ursprünge und Entwicklung bis 1953, hrsg. von Dieter Emig, Frankfurt/M. 1980 (Manuskript 1954 abgeschlossen). Anna Hermes, Und setzet ihr nicht das Leben ein. Andreas Hermes - Leben und Wirken. Nach Briefen, Tagebuchaufzeichnungen und Erinnerungen, Stuttgart 1971. Willi Nissel, 20 Jahre Christlich Demokratische Union. Eine Dokumentation, Düsseldorf 1965. Helmut Pütz, Die CDU. Entwicklung, Aufbau und Politik der Christlich Demokratischen Union Deutschlands, Bonn 1971. Fritz Reichardt, Andreas Hermes, Neuwied 1953. Leo Schwering, Vorgeschichte und Entstehung der CDU, Köln 1952. Bauakten des Bauaufsichtsamtes Charlottenburg.


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III. Im Schloßbezirk

 

 

1 Schloß Charlottenburg

2 Das Flora-Gelände / Zwischen Charlottenburger Ufer und Otto-Suhr-Allee


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3 Die Praxis von Magnus Hirschfeld Otto-Suhr-Allee 127

4 Die Luisenkirche Gierkeplatz

5 Der rote Kiez "Kleiner Wedding" und Zillestraße

6 Aron Elektricitätszähler-Fabrik G.m.b.H. / Heliowatt Werke Elektrizitätsgesellschaft m.b.H. / Wilmersdorfer Straße 39

7 Freihäuser der Kammertürken Aly und Hassan Schloßstraße 4 und 6


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Harald Reissig: Schloß Charlottenburg

 

 

Abb. 71 Schloß Charlottenburg und Luisenplatz mit dem Denkmal Friedrichs III. (um 1935)

 

Baugeschichte

1695: Am 30. Juli erhält die Kurfürstin Sophie Charlotte von ihrem Mann das neue Vorwerk vor Spandau und das Dorf "Lütze" übertragen. Kurz zuvor wurde hier bereits nach den Plänen des Baumeisters Arnold Nering mit der Errichtung eines kleinen Sommerschlosses begonnen, das nach dem Ort "Lützenburg", seltener "Lietzenburg" genannt wird. Der 36 Jahre alte Nering stirbt noch am folgenden 21. Oktober und wird durch Martin Grünberg ersetzt, seit 1699 vermutlich auch durch Andreas Schlüter. Der Bauplatz des Schlosses an einem von Süden nach Norden und dann nach Westen laufenden Spreebogen bietet sich nicht nur durch seine landschaftliche Gliederung an, sondern fügt sich zugleich in ein großzügiges stadtplanerisches Konzept. Danach wird Lützenburg unweit der späteren, damals bereits durch die Sternanlage im Tiergarten vorgegebenen Ost-West-Achse Berlins angesiedelt und durch einen senkrechten, repräsentativen Zufahrtsweg mit ihr verbunden. Es entsteht zunächst ein elf Achsen breiter Bau, dessen Mittelstück an der Vorderseite zurückspringt und auf der Gartenseite einen ovalen Pavillon bildet.

1699: Zum Geburtstag des Kurfürsten Friedrich III. am 11. Juli wird das Schloß eingeweiht. Zuvor wurde bereits mit der Anlage des Gartens begonnen, dem ein Entwurf von Simeon Godeau, einem Schüler des durch Versailles bekannt gewordenen André Lenôtre,


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zugrunde liegt. Außerdem erweitert man das Schloß durch zwei freistehende, den Hof seitlich begrenzende Nebenbauten, von denen vermutlich zunächst nur der östliche fertiggestellt wird. Am 15. August feiert man die Eröffnung eines Opernhauses, das an der südlichen Ecke des Gartens entstanden ist.

1700: Der Schwede Johann Friedrich Eosander von Göthe erhält am 17. Februar seine Bestallung als Hofarchitekt und übernimmt den Lützenburger Schloßbau. Nach seinen Plänen wird in der Folgezeit zunächst mit der Errichtung einer Dreiflügelanlage begonnen, indem man das Corps de logis vorn bis zur Flucht der Hofteile verbreitert, während man diese nun so ausführt beziehungsweise verlängert, daß sie direkt an den Mittelbau anschließen, während nach Süden hin breitere Kopfgebäude entstehen. Die Gartenseite des Neringbaus wird um je 13 Achsen verlängert und zu beiden Seiten des Pavillons durch jeweils zwei dreiachsige Risalite gegliedert, zwischen denen die Flucht gegenüber der ursprünglichen Gartenfront leicht vorgezogen ist. Im Innern entsteht die freitragende Haupttreppe.

1705: Am 1. Februar stirbt Sophie Charlotte; nach ihrem Tod wird die Konzeption des Schloßbaus nochmals nach vorn (durch einen zweiten Hof mit Begrenzungsbauten), zu den Seiten hin und in die Höhe erweitert. Zur Ausführung gelangen bis 1712 der Turm mit der Kuppel an der Hofseite, für den ein Unterbau errichtet wird, indem man das zurückspringende Mittelstück der Vorderfront in einen Risalit von einer Achsentiefe verwandelt, außerdem die westliche, eingeschossige, in der Mitte von einem Pavillon mit Obergeschoß unterbrochene Orangerie. Als ihr Verbindungsstück zum letzten Raum des Corps de logis (Porzellankabinett) dient nun die gegenüber den ursprünglichen Plänen um 90° gedrehte Kapelle, die wiederum von hinten an den Hofflügel angeschlossen wird. Dabei bleibt ein kleiner Lichthof ausgespart, der ebenso wie die Verbindungsbauten sein entsprechendes, wenn auch nicht völlig identisches Pendant am östlichen Ende des Schlosses findet, ohne daß hier offenbar schon mit dem Bau des Orangerieflügels begonnen wurde. In die Ära Eosanders fällt auch die Ausgestaltung des oberen Stocks des Corps de logis, wobei allerdings nur die Hofseite der neuen Teile ein volles Geschoß erhält, da die ebenerdige, für Repräsentationszwecke hergerichtete Zimmerflucht der Gartenseite mit hohen, gewölbten Decken ausgestattet wird.

1713: Am 25. Februar tritt Friedrich Wilhelm I. die Regierung an, der als Gegner des höfischen Lebens den Schloßbau in Charlottenburg einstellen läßt. Das Opernhaus schenkt er den Bürgern der Stadt zum Abbruch, um aus den Materialien ein Schulhaus zu errichten. Die nötigen Instandsetzungs- und Reparaturarbeiten am Schloß werden jedoch weiterhin ausgeführt.

1740: Beim Regierungsantritt Friedrichs II., am 31. Mai, wird Charlottenburg Residenz. Der neue König beauftragt sogleich seinen Baumeister Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff mit der Errichtung des noch fehlenden östlichen "Neuen Flügels", der als durchgehend zweigeschossiger, gegenüber der westlichen Orangerie etwas tieferer, von seiner Raumordnung her dem Barock verhafteter Bau mit einem Mittelrisalit entsteht.

1743: Zwischen den beiden Schlesischen Kriegen, am 29. August, feiert der König im neuerbauten Schloßflügel ein Einweihungsfest, ohne daß der östliche Teil mit dem großen Festsaal (Goldene Galerie) und der zweiten Wohnung fertiggestellt ist, was noch weitere vier Jahre in Anspruch nimmt.

1788: läßt sich sein Nachfolger, Friedrich


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Abb. 72 Vorderansicht 1984

 

Wilhelm II. an der Gartenseite des "Neuen Flügels" eine im chinesischen Stil gehaltene Sommerwohnung einrichten. Gleichzeitig entstehen nach Entwürfen von Carl Gotthard Langhans im Baustil des Frühklassizismus das Belvedere im Park und ein Theatergebäude (eingeweiht am 3. Juli 1791), das direkt an das Ende der westlichen Orangerie angeschlossen wird. 1790 erbaut man außerdem südlich des Orangeriegartens die "kleine Orangerie"; 1796 werden die Räume des Obergeschosses an der westlichen Hofseite des "Neuen Flügels" für den König in "Winterkammern" verwandelt.

1810: Nach der Rückkehr der Familie des Königs Friedrich Wilhelm III. aus ihrem ostpreußischen Exil wird mit einem Umbau der im Neuen Flügel gelegenen Königswohnung begonnen, zu dem der junge Architekt Karl Friedrich Schinkel einen Entwurf beisteuert. In den ersten Regierungsjahren des Königs hatte bereits eine umfangreiche äußere Instandsetzung des gesamten Schlosses stattgefunden, bei der auch einige der architektonischen Unreinheiten beseitigt werden konnten. Als Königin Luise am 19. Juli 1810 im Alter von nur 34 Jahren stirbt, läßt der König im westlichen Teil des Hofgartens durch den Hofbaumeister Heinrich Gentz ein Mausoleum in Form eines kleinen dorischen Tempels erbauen.

1824/25: wird nach dem Entwurf von Schinkel am Ende des östlichen Teils der Gartenterrasse als kleines Sommerhaus und privates Refugium der "Neue Pavillon" gebaut, der auf Wunsch des Königs einer von ihm in Neapel besuchten Villa nachempfunden ist und von allen vier Seiten betreten werden kann.

1840: Nach dem Tode Friedrich Wilhelms III. am 7. Juni läßt man seine Grabstätte, das zwischenzeitlich mit einer roten Granitfassade versehene Mausoleum, an der Rückseite um eine erhöhte querschiffartige Kapelle mit Apsis erweitern, in der nun die beiden von Chri-


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Abb. 73 Aufstellung von Schlüters Reiterstandbild des "Großen Kurfürsten" Friedrich Wilhelm im Ehrenhof des im Krieg zerstörten Schlosses (Juli 1952)

 

stian Daniel Rauch gestalteten Sarkophage ihren Standort finden. Für den Nachfolger auf dem Thron, Friedrich Wilhelm IV., richtet man 1842 im Obergeschoß des Neringhauses eine Wohnung ein.

1890/91: wird eine zweite rückwärtige Erweiterung des Mausoleums für Kaiser Wilhelm I. (+ 1888) und seine Gemahlin Augusta (+ 1890) durchgeführt.

1902: erfolgt ein Umbau des Theatergebäudes zu einem Möbelspeicher; dabei wird die Innenaufteilung vollständig verändert.

1926: Vor dem Inkrafttreten des Vertrags über die Vermögensauseinandersetzungen zwischen dem abgedankten Königshaus und dem preußischen Staat wird die Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten gegründet, die das Schloß übernimmt und die kulturgeschichtlich wichtigsten Räume der Öffentlichkeit zur Besichtigung zugänglich macht; andere Teile werden der Hochschule für Kirchenmusik und Musikerziehung und der Nationalgalerie (zur Einrichtung eines Rauch-Museums) zur Verfügung gestellt.

1943: Bei einem Luftangriff am 22. November werden große Teile des im Krieg auch Luftschutz- und Operationsräume beherbergenden Schlosses zerstört, darunter der älteste Teil mit der Kuppel, die westliche Orangerie und drei Viertel des östlichen Flügels; die übrigen Gebäude und der Garten nehmen hierbei und bei der Eroberung Berlins im Frühjahr 1945 schweren Schaden.

1950 beginnt der Wiederaufbau; im nächsten Jahr wird das von Andreas Schlüter geschaffene, ehemals an der Langen Brücke im Stadtzentrum aufgerichtete Reiterdenkmal des "Großen Kurfürsten" Friedrich Wilhelm in den Ehrenhof des Schlosses versetzt. Nach und nach eröffnet man die wiederhergestellten Teile, wobei die Kuppel mit der neuen Fortuna bereits 1957, die kleine Orangerie erst 1977 vollendet ist. In den Theaterbau zieht das Museum für Vorund Frühgeschichte ein, in einen Teil des Erdgeschosses des Neuen Flügels das Kunstgewerbemuseum, in den westlichen Hofteil bis 1961 das Staatliche Institut für Musikforschung und in die westliche Orangerie bis 1968 die Nationalgalerie.


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Abb. 74 Grundriß des Mittelbaus und der Hofflügel

 

Zur Raumaufteilung

 

Die Wohnung Sophie Charlottes lag zunächst im Erdgeschoß des Ursprungsbaus des Schlosses (Räume 1-9), wobei das östliche Eckzimmer (5) als Schlafzimmer diente. Noch zu Lebzeiten der Königin gedieh die Erweiterung durch Eosander so weit, daß der private Teil der Wohnung an die Hofseite des Verbindungstrakts neben das Treppenhaus (10) gelegt werden konnte (11-14). Im Obergeschoß des Gebäudes lebten damals unter anderem der Kronprinz Friedrich Wilhelm, die Erbprinzessin Luise Dorothea Sophie von Hessen-Kassel und der Markgraf Albrecht von Brandenburg-Schwedt. Nach dem Tode der Königin ließ Friedrich I. die Gartenfront zu einer repräsentativen Zimmerflucht erweitern (1-5, 15-22), die unter anderem das Porzellankabinett (15), das Schlafzimmer des Königs (16) mit dem dahinter liegenden Marmorbad, seine Arbeits-, Audienz- und Wohnräume sowie als Festsaal die Eichengalerie (21) enthielt. In der gleichen Bauphase entstanden das durch den Turmbau hinzugewonnene runde Vestibül (23), die Kapelle (24) und die Orangerie (25). Zur Zeit Friedrichs II. verlegte man die königlichen Wohnräume in den neuen Ostflügel. Der König zog zunächst an die Gartenseite des Obergeschosses (26-29), später in seine hinter dem Speisesaal (30) und dem großen Festsaal, der "Goldenen Galerie" (31), gelegene zweite Wohnung (32-35). In der "Mecklenburgischen Wohnung" des Eosanderbaus (36-38) lebte damals Prinz August Wilhelm von Preußen. Die Sommerwoh-


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Abb. 75 Grundriß des westlichen Flügels

 

 

Abb. 76 Grundriß des neuen Flügels

 

nung Friedrich Wilhelms II. befand sich an der Gartenseite des Neuen Flügels (39-43), seine Winterkammern mit dem Schlafzimmer (44) in dem Bereich, der später von der Königin Luise bewohnt wurde, die sich allerdings die sogenannte Silber-Kammer (45) als Schlafzimmer neu einrichten ließ. Ihr Mann, der König Friedrich Wilhelm III., bezog die ehemals für Elisabeth Christine, die Gattin Friedrichs II., vorgesehenen Zimmer im Erdgeschoß (46-52), die er unter anderem als Bibliothek (erst 51, dann 48), Schlafzimmer (erst 50, dann 51) und Schreibzimmer (49) nutzte. Sein Nachfolger Friedrich Wilhelm IV. schließlich, der als letzter Hohenzollernmonarch das Schloß für längere Zeit bewohnte, richtete das Obergeschoß des Altbaus neu ein (53-68), wobei er selbst seine Arbeits- und Privaträume im westlichen Teil, seine Frau Elisabeth die ihren in der östlichen Hälfte nahm, während man den dazwischen liegenden runden Saal (59) als gemeinsames Speisezimmer nutzte.


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Abb. 77 Sophie Charlotte (1668 bis 1705), Kurfürstin von Brandenburg und Königin in Preußen; Gemälde von Friedrich Wilhelm Weidemann

 

Ereignisgeschichte

 

Der irische Philosoph John Toland, der als Gast Sophie Charlottes am Lützenburger Hof wohnte, gibt die wohl treffendste Charakterisierung des Hoflebens, indem er berichtet, hier sei es gelungen, eine äußerst ungewöhnliche Einigkeit von ernsten Studien und ausgelassenen Lustbarkeiten zu erreichen. Den zeitgenössischen Berichten über den Alltag im Schloß und über die Feiern, Bälle, Masken- und Gartenfeste läßt sich jedenfalls entnehmen, daß hier kein starres Zeremoniell die Lebensfreude der vorwiegend jugendlichen Hofleute und Gäste beeinträchtigte. Schon bei der Einweihungsfeier des Hauses am 11. Juli 1699, dem Geburtstag des Kurfürsten, wurde offenbar richtig über Tische und Bänke gesprungen; ein Jahr darauf beging man den nun jährlich hier gefeierten Geburtstag mit einem "Maskenscherz", für den ein ländlicher Jahrmarkt errichtet wurde, auf dem sich die Anwesenden als Verkäufer, Komödianten, Quacksalber und Artisten betätigten. Möglicherweise nahmen die Feiern nach der Königsberger Krönung des nunmehrigen Königs Friedrich I. in Preußen im Januar 1701 einen etwas reprasentativeren Verlauf, der durch Festessen und -aufführungen vorgegeben wurde. Im Jahr 1702 tat sich dabei der Kronprinz besonders hervor, indem er mit der von ihm kommandierten Kadettenkompanie der Füsiliergarde den "Angriff" eines am Ufer der Spree landenden "türkischen" Schiffes auf das Schloß zurückschlug. Sophie Charlotte selbst bildete den aktiven Mittelpunkt all dieser Feste, denn Lützenburg war ihr persönlicher Wohnsitz, an dem sie sich so gerne aufhielt, daß sie ihn regelmäßig schon Anfang März bezog und erst Mitte November verließ. Aus diesem Grunde mußte das ursprünglich nur für schöne Sommertage und abendliche Rückkehr nach Berlin gebaute Haus bald um die Hofflügel erweitert werden, in denen damals wohl die Wirtschaftsteile, Gesinderäume und Gästezimmer untergebracht wurden.

Besonders an den umfangreichen künstlerisch-geistigen Aktivitäten des Lützenburger Hoflebens war die wegen ihrer Intelligenz und ihres einnehmenden Wesens hochgelobte, fließend französisch, italienisch und englisch sprechende Königin stets unmittelbar beteiligt. Ihre Passion fand sie außer in der Überwachung des Schloßbaus vor allem in der Musik. Sie rief Künstler an ihren Hof, bereitete Aufführungen vor, begleitete Solisten und das Opernorchester selbst auf dem Cembalo und schrieb die Libretti zu Singspielen. Von den Komponisten, die am Lützenburger beziehungsweise Berliner Hof ihre Wirkungsstätte

 

"Man ist hie wie in ein irdisch Paradies: man kann durch alle Fenstern im Garten kommen; es sein aber kein Äpel tharein zu essen, und die Hecken sein noch gar klein; aber finde ich doch alles angenehm, denn man lebt hier sans façon." (Kurfürstin Sophie von Hannover, die Mutter Sophie Charlottes, über ihren ersten Besuch im Schloß Charlottenburg im Jahr 1702).


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Abb. 78 Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716)

 

fanden, sind besonders Attilio Ariosti und Giovanni Buononcini zu erwähnen, die daneben auch des öfteren, von der Königin am Cembalo begleitet, als Sänger auftraten, um Agostino Steffanis Kammerduette vorzutragen. Durch ihre Kompositionen hielt die italienische Oper ihren Einzug am brandenburgischen Hof. Die erste wirkliche Opernaufführung fand am 6. Juni 1700 statt, als die Vermählung Dorothea Sophies, der Tochter des Kurfürsten aus erster Ehe, mit dem Erbprinzen Friedrich Karl von Hessen-Kassel mit Ariostis Pastorale "L'inganno vinto dalla costanza" im Lützenburger Opernhaus - das im August 1699 mit einem Lustspiel eingeweiht worden war - begangen wurde. Auch deutsche Singspiele, als deren Textdichter u. a. Christian Reuter, der Verfasser des "Schelmuffsky", erwähnt wird, kamen im Lützenburger Opernhaus zu ihrem Recht und trafen wohl eher den Geschmack Friedrichs; ebenso wurde das Sprechtheater dort gepflegt, indem man zum Beispiel am 13. Juni 1703 den Racineschen "Britannicus" auf die Bühne brachte.

Daß der Kurfürst damals weder über ein ständiges Ensemble noch über einen festen Stamm ausreichend ausgebildeter Musiker verfügte, unterstreicht das persönliche Engagement, mit dem Sophie Charlotte die Kulturpflege betrieb, indem sie entweder den Aufenthalt reisender Sänger oder Schauspieltruppen ausnutzte, öfter aber noch die dazu begabten Hofleute und -gäste überredete, die Partien zu übernehmen. Das Maß, in dem in Lützenburg auch die Philosophie und die Naturwissenschaften betrieben wurden, wird wohl am deutlichsten aus der häufigen Anwesenheit des berühmtesten deutschen Gelehrten jener Epoche erkennbar: Gottfried Wilhelm Leibniz. Jener reiste zwischen Hannover, dessen Fürst ihm die Leitung der bedeutenden Wolfenbütteler Bibliothek übertragen hatte, und Berlin hin und her, nachdem er Sophie Charlotte für seinen Plan gewonnen hatte, den Kurfürsten dazu zu überreden, in seiner Hauptstadt eine Sternwarte und schließlich eine Akademie der Wissenschaften zu stiften. Letztere wurde am 11. Juli 1700 gegründet; Leibniz, der in Lützenburg ein Zimmer bewohnte, als ihr erster Präsident eingesetzt. Sophie Charlotte stand außerdem noch aus ihrer Hannoveraner Zeit mit dem italienischen Gegenreformator und Jesuitenpater Vota in engem Kontakt, der nun viel daransetzte, den brandenburgischen Hof zum Katholizismus zu bekehren. Sie selbst war aber weit stärker von Pierre Bayles aufklärerischem Skeptizismus und den von François Fenelon im "Telemach" formulierten pädagogischen Grundlagen eines aufgeklärten Fürstentums beeindruckt.


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Abb. 79 Schlafzimmer des Königs Friedrich I. (Raum 16) mit dem im Krieg zerstörten Bett (Aufnahme um 1935)

 

Von diesem Hintergrund her interessierte sie sich sehr für philosophisch-theologische Gespräche. Jene fanden entweder als angesagte Disputationen statt, wie im September 1702, als John Toland seine realistische Betrachtung des Christentums gegenüber Leibniz und den hinzugezogenen Predigern der Berliner französischen Gemeinde zu vertreten hatte, oder aber spontan, zum Beispiel bei den Spaziergängen im Schloßgarten, auf denen Leibniz mit der Königin über den Ursprung und die Bedeutung des Bösen in der Welt debattierte. Daß der Gelehrte dabei, wie er später bekannte, wesentliche Anregungen für die Abfassung seiner "Theodizee" empfing, dürfte bei der Ernsthaftigkeit, mit der sich Sophie Charlotte den theologischen Problemen widmete, eher eine Tatsache als eine höfliche Schmeichelei gewesen sein. Allerdings hatte Leibniz bei seinen Bemühungen um seine Berufung nach Berlin bewiesen, daß er zur Durchsetzung seiner wissenschaftlichen Pläne auch solche zu verteilen bereit war.


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Abb. 80 Friedrich I. (1657-1713, 1688 Kurfürst, 1701 König) im Krönungsornat; Gemälde von Friedrich Wilhelm Weidemann

 

Das Lützenburger Schloß erwies sich somit - vorübergehend - als jene Stätte, an der die wichtigsten geistigen und kulturellen Strömungen der Zeit den brandenburgischen Hof erstmals erreichten. Wie groß der Anteil der Königin daran war, wurde nach ihrem frühen Tod am 1. Februar 1705 deutlich spürbar. Der trauernde Friedrich I. befahl zwar, den Schloßbau nochmals erheblich zu erweitern, dem Ort das Stadtrecht zu verleihen und ihn in Charlottenburg umzubenennen - worauf jeder, der in Zukunft den alten Namen gebrauchte, mit einer Strafe von 16 Groschen zugunsten der Invaliden belegt wurde -, doch kehrte nun bald der Alltag ein, der sich aus der peripheren Lage zur Hauptstadt ergab. Nur noch sporadisch wurden Staatsakte und Familienfeste gefeiert, wie 1706 zur Hochzeit des Kronprinzen und 1709 zur dritten Hochzeit des Königs, die die lange Tradition des Ortes als Hochzeitsschlof der Hohenzollern mitbegründeten. Als Friedrich I. im Juli 1709 in Berlin mit dem König von

 

"Daß ich Lützenburg einen andern Namen und zwar Scharlottenburg genannt habe, solches ist, daß ich dero Namen noch mehr als vorhin veneriere und estirniere und sie immer nicht aus meinen Gedanken will kommen lassen."

 

(Aus einem Brief Friedrichs I. an seine Schwiegermutter Sophie von Hannover, 17. April 1705).


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Abb. 81 Friedrich II. (1712-1786; König 1740); Gemälde von Antoine Pesne

 

Dänemark, Friedrich IV. und mit dem zum König von Polen erhobenen sächsischen Kurfürsten August dem Starken zusammentraf, um ihnen durch einen Vertrag die Neutralität Preußens im Nordischen Krieg zuzusichern, begaben sich die drei Monarchen auch nach Charlottenburg. Dort fand ein Fest statt, mit dem zugleich die Taufe der Prinzessin Friederike Wilhelmine begangen wurde. Ein Hofdichter verglich dabei die dem Kind dargebrachte Huldigung in schwülstigen Versen mit der der drei biblischen Könige.

Noch weitaus weniger genutzt wurde das Schloß unter Friedrich Wilhelm I., dessen puritanische Einstellung am Hof seiner Mutter, an dem er den größten Teil seiner Jugend verbracht hatte, oft belächelt worden war; er kam nun kaum noch nach Charlottenburg, denn er zog als Landsitz sein Jagdschloß im bäuerlichen Wusterhausen vor. Nur wenn hohe Staatsgäste in Berlin weilten, präsentierte der König auch diesen Besitz. Beispielsweise führte


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Abb. 82 Die 1964 wiederaufgestellte Bibliothek Friedrichs II. (Raum 27)

 

er 1717 den Zaren Peter den Großen hinaus, um die nachkommende Zarin zu erwarten und dann über die Spree nach Monbijou weiterzufahren. Anfang Oktober 1723 empfing er hier seinen Schwiegervater Georg I. von England zum Abschluß des "Charlottenburger Vertrags", der dem brandenburgischen Haus die Erbansprüche auf Jülich-Kleve sicherte. Schließlich verlegte er am 8. Juni 1728 sein Hoflager dorthin, um die Festlichkeiten zu Ehren des erneut zu einem Staatsbesuch erschienenen Sachsen August des Starken zu eröffnen, die am 11. Juni ihren letzten Höhepunkt in einer Jagd auf der Jungfernheide fanden, bei der 400 Stück Damwild, 35 Wildschweine, 3 Frischlinge und 2 Füchse erlegt worden sein sollen.

Als am 31. Mai 1740 die 46jährige Regierungszeit Friedrich II. (des Großen) begann, rückte Charlottenburg binnen weniger Tage unvermutet ins Zentrum des Interesses, denn der junge König hatte das Schloß sogleich zu seiner Sommerresidenz erhoben. Aus jenen Tagen wird berichtet, daß der Zustrom der Besucher so groß war, daß im Ort kein Bett, ja "für schweres Geld nicht einmal ein


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Stück Brot" mehr zu bekommen war. Schon im Dezember des gleichen Jahres zog Friedrich für anderthalb Jahre in den ersten der um Schlesien geführten Kriege, doch blieb sein Interesse am Schloß rege, wie aus seinen begeisterten Gedichten darüber und dem umfangreichen Briefwechsel mit seinem Berliner Vertrauten Charles Etienne Jordan hervorgeht. Jordan mußte über jeden Fortschritt der Erweiterungsbauten berichten, wobei nach dem Wunsch des Königs die Beschreibung jeder kleinen Ausschmückung möglichst vier Quartseiten einnehmen sollte, denn, so schreibt er einmal, in bezug auf Charlottenburg, sein Berliner Opernhaus und seine Gärten sei er ein Kind, und dies die Puppen, an denen er sich erfreue. Dafür, daß dieser Enthusiasmus nach der Rückkehr Friedrichs schon recht bald erlahmte, daß er bereits 1746 seinen Sommeraufenthalt in Potsdam nahm und nach der Fertigstellung von Sanssouci im Jahre 1747 sich nur noch relativ selten in Charlottenburg aufhielt, liegen zwei glaubwürdige Erklärungen vor. Zum einen stand das Schloß so nahe bei Berlin, daß besonders am Sonntag viele Spaziergänger, Bittsteller und "betriebsame Diplomaten" dort erschienen, die den König in seiner Ruhe gestört haben könnten, zum anderen hatte seine von ihm ungeliebte Gemahlin Elisabeth Christine dort einige Räume, die sie offenbar ohne ausdrückliche Genehmigung Friedrichs besuchte. Sanssouci hat sie dagegen nie betreten dürfen. Dennoch erlebte das Charlottenburger Schloß auch in dieser Periode noch glänzende Feste, wie sie der König zum Beispiel 1746, 1747 und 1748 für seine Mutter gab. Die erste dieser Feiern endete allerdings schon nach zwei Tagen unglücklich, als nachts um 2 Uhr im Audienzzimmer der verwitweten Königin ein Feuer ausbrach. Es drohte, das ganze Schloß zu erfassen, und konnte erst gegen 7 Uhr morgens mit Hilfe der durch den Feuerschein alarmierten Berliner und Spandauer Garnisonen gelöscht werden.

Einen besonderen Glanzpunkt der Charlottenburger Feste, der auch jedesmal die Berliner Bevölkerung auf die Beine brachte, bildeten die Land- und Wasserfeuerwerke. Schon 1744 waren bei der Hochzeit der Prinzessin Ulrike über 10.000 Raketen abgefeuert worden. Noch spektakulärer scheint der Feuerzauber anläßlich des Vermählungs-Fests des Neffen und späteren Thronfolgers Friedrichs II. im Jahre 1765 verlaufen zu sein. Dafür wurde im Freien eine aufwendige Szenerie mit einem Tempel, Kolonnaden und einem Obelisken errichtet. Auf dem Höhepunkt der Feier durchschwamm der Meeresgott Neptun mit seinem mit vier Pferden bespannten Muschelwagen, "von fünf

 

"Im Schloßhof sahen wir eine tragikomische Szene. Die Königin-Mutter wurde von zwei Soldaten in einer Sänfte getragen: auf einer Seite derselben ging ein Leutnant, völlig gekleidet, auf der andern der Baron von Pöllnitz in Schlafrock, Pantoffeln und Nachtmütze; viele Bediente folgten. Ungeachtet meines Schrecks mußte ich doch über diesen Aufzug laut lachen. Jetzt erst betrachtete ich das Schauspiel um mich her, welches dem Auferstehungstage glich. Die Flammen schlugen durch die Schloßfenster, die alles versammelnde Trompete tönte fort. alle Türen öffneten sich, von allen Seiten sah man halbbekleidete Männer und Frauen wie aus der Erde heraufsteigen […] Die Flammen hatten schon so um sich gegriffen, daß das ganze Schloß in Gefahr war. Ich rannte zur Kapelle […] Auf dem Wege dahin sah ich den König, der ruhig auf der Terrasse spazieren ging. "Es ist ein Unglück", sagte er; "doch werden die Handwerker in Berlin etwas dabei verdienen! Wenn nur niemand zu Schaden kommt!"

(Aus einem Bericht des Freiherrn v. Bielfeld über den Schloßbrand vom 29. Juni 1746).


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Abb. 83 Friedrich Wilhelm II. (1744-1797; König 1786)

 

Delphinen und sechs Sirenen umgeben", das Wasser des Schloßteiches unter ganz besonders eindrucksvollen Lichteffekten.

Mitten im Siebenjährigen Krieg, am 9. Oktober 1760, als auch die Hauptstadt Berlin für wenige Tage vom Feind besetzt wurde, drangen österreichische Husaren und russische Ulanen ins Charlottenburger Schloß ein. Sie plünderten und verwüsteten die Inneneinrichtung so gründlich, daß die Wiederherstellung später mit über 220.000 Talern veranschlagt werden mußte. Sie erfolgte aufgrund der schlechten Finanzlage des Staates nur in Etappen, so daß 1763 der französische Philosoph, Mathematiker und Literat Jean Le Rond d'Alembert, der mit Friedrich II. das Schloß für einige Tage besuchte, an eine Freundin berichtete, er habe in einem Zimmer schlafen müssen, in dem das Mobilar nur aus drei Stühlen, einem Tisch und einem Bett ohne Vorhängen bestanden habe.

Der seit 1786 regierende Friedrich Wilhelm II. besuchte Charlottenburg zunächst im Sommer, später auch im Winter wohl schon deswegen gerne und regelmäßig, weil er seiner Freundin Wilhelmine Enke, die er 1794 zur Grä-

 

" […] im Schloßgarten […] traf ich ebensowenig wie vor einigen Jahren einen Menschen an: der Gärtnerbursche an der Gartentür war der erste und letzte, den wir gesehen hatten." (Der spätere Charlottenburger Oberprediger Dressel über seine Besuche bei der verlassenen Residenz in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts).

 


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Abb. 84 Das Belvedere, der Pavillon Friedrich Wilhelms II. im Schloßpark (nach dem Krieg wiederaufgebaut)

 

fin Lichtenau erhob, dort bereits als Kronprinz ein Landhaus geschenkt hatte. Sie gebar ihm nicht nur fünf Kinder, sondern übte als engste Vertraute des abergläubischen Königs auch einen erheblichen politischen Einfluß auf ihn aus. Seine Minister und Brüder vom Orden der Rosenkreuzer suchten die Einmischung Wilhelmines in die Politik unter anderem dadurch einzudämmen, daß sie im Obergeschoß des neuerbauten Belvedere mit dem Monarchen spiritistische Sitzungen abhielten, bi denen die Erscheinung von Vorfahren und anderen historischen Autoritäten ihn auf den Pfad der Tugend zur-Ückführen sollte. Mit einer seiner anderen Mätressen, dem Fräulein Julie von Voß, vollzog Friedrich Wilhelm I787 in der Schloßka pelle gar eine Heiratszeremonie, obwohl er bereits verehelicht war.

Durch das nach Plänen von Langhans errichtete Theater gewann das Schloß wieder an Bedeutung als Spielstätte von Bühnenwerken; nur waren es jetzt vorwiegend deutsche Dramen, die aufgeführt wurden, wobei die Theaterleitung seit 1795 kostenlose Eintrittskarten auch an das allgemeine Publikum verteilte. Hiermit wurde eine Tradition des Schlosses als Sommertheater begründet, die sich bis 1881 - wenn auch unter merklichem Nachlassen und längeren Unterbrechungen - fortsetzte. Ein großes Fest unter Beteiligung der Bürgerschaft fand im Sommer 1789 statt, als die Schwester des Königs als Erbstatthalterin der Niederlande Charlottenburg besuchte. Im November des gleichen Jahres impfte der englische Arzt Brown im Schloß den Kronprinzen Friedrich Wilhelm, die Prinzen Wilhelm, Heinrich und Ludwig und die Prinzessin Auguste mit einem aus der Lymphflüssigkeit menschlicher Infizierter gewonnenen Serum gegen Pocken. Da jene Art medizinischer Prophylaxe damals in Deutschland noch äußerst umstritten war, begleiteten Bitt- und Dankgottesdienste die Aktion. Der Arzt wurde für seinen Erfolg schließlich zum Geheimen Rat und Wirklichen Leibarzt ernannt und mit 10.000 Talern belohnt.

Zum Geburtstag des populären nächsten Königs Friedrich Wilhelm III. am 3. August 1806 versammelten sich im Schloßgarten nach zeitgenössischen Schätzungen mindestens 30.000 Menschen; gut elf Wochen später, am 26. Oktober, nahm der Eroberer Napoleon im Haus für eine Nacht Quartier, bevor er nach Berlin weiterzog. Nach seiner Rückkehr aus dem ostpreußischen Exil hatte das Königspaar 1810 gerade seine Charlottenburger Sommerwohnung bezogen, als die Königin Luise zu jenem Besuch am mecklenburgischen Hof ihres Vaters aufbrach, bei dem sie schwer erkrankte und am 19. Juli starb. Ihr


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Abb. 85 Friedrich Wilhelm III. (1770-1840, König 1797) und seine Frau Luise (1776-1810) im Charlottenburger Schloßpark; Gemälde von Friedrich Georg Weitsch

 

Ehemann ließ ihren Körper zunächst in den Berliner Dom überführen, noch am Tag vor Heiligabend des gleichen Jahres aber in dem am Ende einer Tannenallee im Schloßgarten - einem Lieblingsplatz der Königin - errichteten Mausoleum bestatten, das zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig fertiggestellt war. Indes waren die Kriegswirren längst nicht vorüber. Im Frühjahr 1812 zogen wieder französische Truppen durch Charlottenburg, als der große Aufmarsch gegen Rußland begann. Die englische Brigantine, die Mitte 1814 den von Christian Daniel Rauch in Italien fertiggestellten Sarkophag mit der außergewöhnlichen Statue der in unüblicher, bequemer Ruhehaltung dargestellten Königin nach Hamburg transportieren sollte, wurde von einem amerikanischen Schiff gekapert, dem die Beute erst wieder abgejagt werden mußte. So konnte das Grabmal erst ab dem 22. Mai 1815 in Charlottenburg installiert werden, wobei sich der König von der Arbeit des Künstlers sehr ergriffen zeigte. Luise blieb lange über ihren Tod hinaus die vom Volk geliebte und bewunderte Königin. Als der König am 9. November 1824 in der Eosanderkapelle des Schlosses in aller Stille die junge Gräfin Auguste von Harrach, spätere Fürstin Lieg-

 

"Ach, welch ein Tag! - Ich stand früh um 7 Uhr auf und fuhr mit den beiden Vierecks nach Charlottenburg. Es war entsetzliches Wetter; der König und die Prinzen waren schon vor uns dort. Morgens 4 Uhr hatte man die rheure Leiche aus dem Dom nach Charlottenburg gebracht mit einer Eskorte der Garden und dem Gefolge der Herren vom Hofe. Nach 10 Uhr ging man in das Mausoleum, wo Ribbeck eine Rede hielt; man sagt, sie sei sehr schön gewesen; ich weiß es nicht, denn meine Thranen erstickten mich beinahe. Der König war mit seinen Kindern zu Fuß dem Sarge gefolgt und nach ihm alle Anderen, nur Massow und ich fuhren. Der König und die Königlichen Kinder befanden sich in einem saalartigen Raum oberhalb des Grabgewölbes, wir Anderen im Peristyl. Nach der Rede und den Gebeten ging der König mit seinen Kindern hinab zum Sarge und weinte ganz herzzerreißend. Als er fortgegangen war, ging auch ich hinab mit den anderen Alten, mir war zu Muthe, als reiße man meine Seele aus meinem Leibe, es war zu furchtbar. Als ich zum Schloß zurückkam, ging ich sogleich zum König, der in einem Zustand von unbeschreiblichem Jammer war; es war mehr als erschütternd ihn zu sehen. Er fuhr mit seinen beiden ältesten Söhnen nach Potsdam zurück, ich blieb mit den kleineren Kindern hier."

(Aus: Neunundsechzig Jahre am Preußischen Hofe. Aus den Erinnerungen der Oberhofmeisterin Sophie Marie Gräfin von Voß, Leipzig 1876, S. 384-385.)


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Abb. 86 Der Sarkophag der Königin Luise von Christian Daniel Rauch

 

 

Abb. 87 Auguste, Fürstin von Liegnitz (1800-1873), zweite Gemahlin Friedrich Wilhelms III.; Lithographie nach einer Zeichnung von Franz Krüger

 

nitz, zur zweiten Frau nahm, lastete noch immer ihr Schatten auf dieser Verbindung, der die Hochzeitszeremonie in einer eigenartigen, fast peinlichen Stimmung verlaufen ließ. Vorher hatte der König selbst geäußert, nun werde wohl das Richten über ihn beginnen; doch fand er im neuerbauten Schinkelpavillon in der Folgezeit immerhin jene private Atmosphäre, die er im Haupttrakt des Schlosses vermissen mußte.

Für seinen Nachfolger, Friedrich Wilhelm IV., wurde Charlottenburg erst nach den revolutionären Ereignissen von 1848, seit denen er sich in Berlin sich dich unwohl fühlte, zum länger besuchten Aufenthaltsort. Gewöhnlich im Dezember und von Februar bis April verbrachte er dort im Stil "eines Grandseigneurs auf dem Lande" (Bismarck) seine genau eingeteilten Tage. Auf ausgedehnten, oft nächtlichen Spaziergängen im Park geriet er hin und wieder von den Wegen ab und wurde dabei, da er, wie berichtet, die ausgegebene Parole nicht behalten hatte, des öfteren von seinen eigenen Wachen verhaftet, deren junge Rekruten besonders jeweils am Anfang des jährlichen Aufenthalts den König noch nicht kannten. Dieser soll trotz derber Behandlung nur einmal darüber ernsthaft


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Abb. 88 Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861; König 1840)

 

 

Abb. 89 Das Wohnzimmer der Königin Elisabeth; Aquarell von Carl Graeb

 

verstimmt gewesen sein, als er sich die richtige Losung gemerkt hatte, die Soldaten aber falsch instruiert worden waren. Nach seinem Tod im Januar 1861 folgte man seinem Wunsch und setzte sein Herz in einem Granitstein zu Füßen seiner Eltern im Charlottenburger Mausoleum, seinen Körper aber in der Potsdamer Friedenskirche bei; das Schloß blieb in der Folgezeit der Sitz seiner Witwe Elisabeth.

Während dieser Periode verlor die Sommerresidenz infolge der räumlichen Ausdehnung Berlins und Charlottenburgs mehr und mehr den Charakter eines Landsitzes und damit auch ihren Reiz als alternative Wohnung zum Berliner Stadtschloß. Wilhelm I., der Bruder und Nachfolger Friedrich Wilhelms IV., suchte den Charlottenburger Besitz nur selten auf, weilte hier zum Beispiel am Tage des Ausbruchs des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71, um im Mausoleum am Grabe seiner Eltern zu beten. In den achtziger Jahren wohnten vorübergehend der Sohn des Kronprinzen, Wilhelm, und dessen Schwager Erbprinz Bernhard von Meiningen im Schloß, ebenso der zum König Carol I. von Rumänien ausgerufene Hohenzoller Karl Eitel Friedrich bei seinem Berlinbesuch.


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Abb. 90 Friedrich III. (1831 bis 1888; Kaiser 1888)

 

 

Abb. 91 Der Leichenzug Kaiser Wilhelms I. auf dem Weg zum Mausoleum im Schloßpark (Aufnahme am Wilhelmplatz [heute: Richard-Wagner-Platz] vom 16. März 1888)

 

 

Abb. 92 Friedrich III. und seine Frau Viktoria im Mittelbau der Orangerie (Raum 25) (Zeichnung von W. Simpson [1888])

 

Der Kronprinz unternahm an seinem Hochzeitstag im Januar 1885 mit seiner Familie eine abendliche Schlittenfahrt zum Schloßpark, um auf dem Karpfenteich Schlittschuh zu laufen, während ringsum Soldaten standen, die die Eisflache mit Fackeln beleuchteten. Am 11. März 1888 kehrte er als neuer Kaiser Friedrich III. von San Remo aus nach Charlottenburg zurück, um auf ärztliches Anraten hin im Schloß seine Wohnung zu nehmen. Schwer an Kehlkopfkrebs erkrankt, hatte er nur 99 Tage zu regieren. Vom Fenster aus sah er den Leichenzug seines Vaters Wilhelm I" der 90 Jahre alt geworden war und als Begräbnisstätte das Mausoleum seiner Eltern gewählt hatte, an der Gartenseite des Schlosses vorüberziehen. Im April empfing Friedrich III. seine Schwiegermutter Viktoria von England, im Mai nahm er, schon völlig apathisch, an der Hochzeit seines Sohnes Heinrich teil und ließ sich vom Thronfolger einige Tage darauf im Schloßgarten dessen Brigade vorführen, bevor er sich am 1. Juni ins Neue Palais nach Potsdam begab, wo er zwei Wochen später starb. Danach begann eine relativ ereignislose Zeit für das Schloß, in der nur die Gräber als eine Art Wallfahrtsstätte viele Besucher anzogen.

Im Ersten Weltkrieg beherbergte das östliche Ende des Eosanderbaus ein Lazarett; im Januar 1919 wurde auf Geheimbefehl Noskes das Freikorps Hülsen ins Schloß verlegt. Sparer wurde damit begonnen, den in öffentlichen Besitz übergegangenen Gebäudekomplex ins kulturelle Leben Berlins einzubeziehen, indem man zum Beispiel anläßlich mehrerer Berliner Festwochen in der Goldenen Galerie Konzerte veranstaltete, die Kapelle für den Vortrag von Orgelmusik nutzte, in der Eichengalerie Empfänge gab und andere Teile für die Besichtigung herrichtete. Nach der Kriegszerstörung gab das Städtische Orchester Berlin während des Sommers 1944 im Ehrenhof eine Serie von Freiluftkonzerten; und am 24. Juni jenes Jahres wurde vor der Ruine eine Kundgebung abgehalten, bei der der Gaupropagandaleiter Vogt die 12.000 Teilnehmer für den Glauben an den Endsieg einzunehmen suchte.

Heute ist das größtenteils wiederaufgebaute, restaurierte und in seiner Inneneinrichtung sorgfältig ergänzte Charlottenburger Schloß als bedeutendste ehemalige Wohnstätte der Hohenzollernkönige und -kaiser auf West-Berliner Gebiet eine der Haupttouristenattraktio-


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Abb. 91 Die im Zweiten Weltkrieg zerstörten Gartensäle (Aufnahme 1949)

 

nen der Stadt. Die königlichen Räume mit ihrem Mobiliar aus verschiedenen Epochen, die Kunst- und Bildersammlungen u.a. mit dem von dem Hofmaler Antoine Pesne ausgeführten Portraits sowie bedeutenden Werken von Antoine Watteau und Caspar David Friedrich, die im Schloß und in den auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegenden ehemaligen Kasernenbauten eingerichteten Museen, die Sonderausstellungen und Konzerte, der Schloßgarten mit der Sammlung Berliner Porzellane im Belvedere und dem Mausoleum - dessen Gruft allerdings seit einem im März 1975 verübten Einbruch, bei dem der Sarg der Fürstin Liegnitz erbrochen und die Leiche offensichtlich nach Schmuck durchsucht wurde, für die Öffentlichkeit geschlossen bleibt -, alles dies macht das Schloß zu einer echten Sehenswürdigkeit, zu deren Besichtigung ein einzelner Tag nicht ausreicht.

Daneben nutzt der Berliner Senat die Repräsentationsräume des Schlosses auch heute noch bei Besuchen von Staatsgästen. Zu ihnen zählte in der jüngeren Vergangenheit der US-amerikanische Vizepräsident Hubert Humphrey, bei dessen Empfang am 6. April 1967 eine Reihe


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Abb. 94 Ronald Reagan bei seiner Ansprache vor der Gartenfront des Schlosses am 11. Juni 1982

 

von Gegendemonstranten verhaftet wurde, darunter elf Angehörige der "Kommune I", die ein "Pudding-Attentat" geplant hatten. Am 5. Mai 1967 ehrte man hier den scheidenden Bundespräsidenten Heinrich Lübke, am folgenschweren 2. Juni des gleichen Jahres den Schah von Persien vor seinem Besuch in der Deutschen Oper. Als amerikanischer Präsident trug sich Richard Nixon am 27. Februar 1969 im Schloß Charlottenburg ins Goldene Buch der Stadt ein; während sein letzter Nachfolger Ronald Reagan, der am 11. Juni 1982 für drei Stunden Berlin besuchte, nach seinem Empfang im Schloß an der aus Sicherheitsgründen gewählten Gartenseite vor etwa 25.000 ausgesuchten Berlinern eine Rede hielt, in der er sein Eintreten für den Status der Stadt bekräftigte. Da für den Tag trotz der hermetischen Abriegelung des Geländes ein Demonstrationsverbot verhängt worden war, hatten die Gegner von Reagans Pali tik bereits am Vorabend unter dem Motto "Aufstehen für den Frieden" einen Zug zum Schloß durchgeführt, an dem nach Schätzungen der Polizei 40.000, nach Angaben der Veranstalter 100.000 Bürger teilnahmen. Zu den Ehrengästen, die in der jüngsten Vergangenheit im Schloß Charlottenburg empfangen wurden, zählten der französische Staatspräsident Francois Mitterand (10. Oktober 1985), die Frau des britischen Thronfolgers, Prinzessin Diana (18. Oktober 1985), und der spanische König Juan Carlos (27. Februar 1986).

 

Literaturhinweis

Helmut Börsch-Supan/Gerhard Ulrich, Schloß Charlottenburg. Werden und Wandel, Berlin 1980. Wilhelm Gundlach, Geschichte der Stadt Charlottenburg, Bd. 1 u. 2, Berlin 1905. P. Kavel/R. Borrrnann, Das königliche Schloß zu Charlottenburg, in: Berlin und seine Bauten, Bd. 2 u. 3: Der Hochbau, Berlin 1896, S. 21-25. Margarerhe Kühn, Schloß Charlottenburg (= Denkmäler Deutscher Kunst), Berlin 1955. Margarethe Kühn: Schloß Charlottenburg, Bd. 1 u. 2 (= Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin) Charlottenburg, 2, 1 u. 2,2), Berlin 1970. Schloß Charlottenburg (Schloßführer), hrsg. von der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten, 7. veränd. Aufl., Berlin 1982. Schloß Charlottenburg (= Museum, 4 [1977], Juli). Martin Sperlich, Schloß Charlottenburg, Berlin 1974.


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Harald Reissig: Das Flora-Gelände. Zwischen Charlottenburger Ufer und Otto-Suhr-Allee

 

 

Abb. 95 Der Städtische Brauhof im Jahr 1749 mit dem angrenzenden Schmettauschen Grundstück

 

Baugeschichte

 

1721 wird das Charlottenburger Brau- und Darrhaus an der Nordseite der heutigen Brauhofstraße fertiggestellt (Baukosten ca. 1600 Taler).

1748: Generalmajor von Schmettau erwirbt das dem Brauhof benachbarte Bischoffsche Grundstück und erweitert es in den darauffolgenden Jahren durch Zukäufe.

1777 kauft der Thronfolger Friedrich Wilhelm das Schmettausche Wohnhaus und Anwesen zum Preis von 7.500 Talern für seine Geliebte Wilhelmine Enke.

1787 erwirbt die neue Besitzerin das zu dieser Zeit nur noch von einem Braugerechtigkeitsinhaber genutzte Brauhofgelände für rund 2000 Taler. Später wird der Besitz durch den Ankauf weiterer Bürgerstellen abgerundet.

1788: Nach dem völligen oder teilweisen Abbruch des vorhandenen Wohnhauses wird mit der Errichtung eines schloßähnlichen, langrechteckigen Gebäudes begonnen, dessen Vorderfront an der Spree liegt (Architekt: Georg Friedrich Baumann oder Michael Philipp Baumann). Sieben der fünfzehn Achsen sind in zwei äußere Risalite und einen Mittelrisalit gegliedert; über einem Sockelgeschoß erheben sich zwei große Obergeschosse und ein schweres, ausgebautes Mansardendach mit kleiner Kuppel. Im Inneren werden reich ausgestattete Festräume eingerichtet. Ein als Hauskapelle ausgestattetes Zimmer erhält sieben Reliefs von Gottfried Schadow. Es erinnert an Alexander von der Mark, den 1787 gestorbenen Sohn Wilhelmine Enkes und des inzwischen an die Regierung gelangten Friedrich Wilhelm II. In dem von einer hohen Steinmauer umgebenen englischen Garten des Anwesens werden unter anderem ein Karussell, ein kleiner Tempel, eine Kegelbahn und ein mit vier Zinnentürmen geschmücktes gotisches Lusthaus errichtet.

1793 werden die Hauptarbeiten im Frühjahr beendet, die Bautätigkeit ruht jedoch auch in den folgenden Jahren niemals ganz.

1794 sind insgesamt 19 Bürgerstellen durch Zukauf in dem Besitz vereinigt. Eine


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Abb. 96 Gartenseite der Flora

 

weitere erhebliche Ausdehnung bringt der Erwerb des Grundstücks der Wollfabrikanten Wegely für 30.000 Taler.

1798 enteignet der neue König Friedrich Wilhelm III. den Besitz der in der Zwischenzeit zur Gräfin Lichtenau erhobenen Wilhelmine Enke und schenkt das Charlottenburger Palais der Charite.

1799: Der als Freiherr von Eckardtstein geadelte Kaufmann Ernst Jakob Eckardt erwirbt das Anwesen für 80.000 Taler.

1869 kauft der Lichterfelder Immobilienspekulant Johann Anton Wilhelm Carstenn zusammen mit seinem Kompagnon Ludwig Ebers das rund 5,8 ha große Gelände zunächst in der Absicht, es zur Errichtung von Wohnbauten in 30 kleinere Einheiten zu parzellieren.

1871: Die Aktiengesellschaft "Flora" wird ins Leben gerufen, deren Gründer anfangs planen, das Palais zu einem Festsaal auszubauen, sich dann aber entschließen, den alten Bau abzureißen. Man entscheidet sich für ein neues, von Johannes Otzen entworfenes Festsaalgebäude im von romanischen und orientalischen Elementen durchsetzten Stil der italienischen Renaissance. Der als Promenaden- und Konzertgarten vorgesehene Park mit seinem alten Baumbestand wird direkt am Gebäude durch Blumenbeete geometrisch gegliedert (Entwurf: Hofgartendirektor Jühlke). Mit beginnender Bauausführung übernimmt von April 1872 an der Baumeister Hubert Stier die Gesamtleitung. Der Hauptsaal, mit einer Grundfläche von 45 x 23 Metern und einer Höhe von 23 Metern damals größter Festsaal Deutschlands, erhält eine hölzerne Dachkonstruktion mit Oberlicht und wird an der Längsseite durch eine von sechs Glastüren durchbrochene gläserne Wand an ein großes Gewächshaus (Grundfläche 28 x 70 Meter, glasverkleidete Eisenkonstruktion, Entwurf: W. und O. Greiner) angeschlossen. Die Außenfassade des Saalbaus aus hellgelben Greppiner Ziegeln wird reich verziert.

1873 stürzt im März der Dachstuhl des großen Saales noch während der Bauarbeiten ein.


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Abb. 97 Querschnitt durch den Hauptsaal der Flora

 

 

Abb. 98 Grundriß der Flora

 

1874: Die wegen des Einsturzes um ein volles Jahr verschobene Eröffnung der "Flora" findet schließlich am 22. Mai statt.

1902 geht das Grundstück an die "Flora-Terrain-Aktiengesellschaft" über, die es in 54 Baustellen aufteilt. Durch die Anlegung von Eosander- und Lohmeyerstraße entstehen kleinere Blöcke; das unrentable Festsaalgebäude wird im Frühjahr 1904 abgebrochen.

Nach 1945: Die im Krieg zerstörten Häuser des von Fliegerbomben schwer getroffenen Gebiets werden durch Neubauten ersetzt. Im Oktober 1985 beginnt mit der Grundsteinlegung des Hauses Eosanderstraße 14 die Ausführung eines neuen, öffentlich geförderten Wohnungsbauprogramms in diesem Bereich.


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Ereignisgeschichte

 

Der Brauhof

Da das von Sophie Charlotte als Landsitz gegen Lützenburg eingetauschte Gut Caputh ein eigenes Brauhaus besessen hatte, verpflichtete sich Kurfürst Friedrich III. seiner Gemahlin gegenüber, auch in der Nähe des Schlosses eine derartige Einrichtung zu schaffen. Doch erst die Errichtung der Feldmark der Stadt Charlottenburg unter der Regentschaft seines Nachfolgers Friedrich Wilhelm I. trieb die Ausführung des Projekts voran. Am 26. Februar 1719 schenkte der König das an der Spree gelegene Gelände des ehemaligen königlichen Brauhofs, auf dem während der Phase des Schloßbaus die Materiallager und Pferdeställe untergebracht gewesen waren, der neu zu errichtenden Brauergilde. Jene wurde durch die Ausgabe von zunächst 15 (bis 1723 insgesamt 24) Braugerechtigkeiten begründet, die gegen eine Gebühr von 15 Talern erworben werden konnten. Auch die Kosten für die Errichtung des zur gemeinsamen Nutzung hier bis 1721 errichteten Brauhauses trug zum überwiegenden Teil die königliche Kasse.

Die Brauerei wurde offenbar nur rund 25 Jahre lang intensiv an diesem Ort betrieben, dann gingen die meisten Mitglieder der Gilde dazu über, sich auf ihren eigenen Grundstücken bequemere Braustätten einzurichten, wie sie einige schon von Anfang an besessen hatten. Auch war der Bierbedarf offenbar überschätzt worden, denn die Zahl der Brauer ging bis 1764 um zwei Drittel zurück. Als sich gegen Ende des Jahrhunderts das helle Berliner Bier endgültig gegen das Charlottenburger Braunbier durchgesetzt hatte, waren es noch ganze vier. Da bereits 1787 nur ein einziger Brauer das öffentliche Brauhaus regelmäßig nutzte, konnte Friedrich Wilhelm II. die Erlaubnis zum Verkauf des Geländes ohne große Bedenken erteilen. Der Erlös für das Anwesen und für die Geräte wurde nach Abzug von 400 Talern, mit denen die Ansprüche der Kämmerei abgegolten wurden, zu gleichen Teilen unter die Mitglieder der Gilde aufgeteilt, die damit faktisch erlosch.

 

Das Palais der Gräfin Lichtenau

 

Die 1795 mit Datum vom 28. April 1794 rückwirkend zur Gräfin Lichtenau erhobene Wilhelmine Enke zählte fraglos zu den glanzvollsten Frauenpersönlichkeiten in der Geschichte des preußischen Königshofs. Die Tochter ei-


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Abb. 99 Wilhelmine Enke, Gräfin Lichtenau (1752-1820), Ölgemälde von Ludwig Buchhorn

 

nes Musikers der königlichen Kapelle war noch ein Kind, als sie den Thronfolger Friedrich Wilhelm kennenlernte. Er zeigte sich sogleich von ihrem Wesen eingenommen und sorgte für ihre Ausbildung, indem er sie für einige Zeit nach Paris schickte und darüber hinaus in Geschichte, Geographie und klassischer Literatur auch persönlich unterrichtete. Es entwickelte sich eine Liebesbeziehung, in deren Verlauf der offenbar unglücklich verheiratete Prinz und die damals Siebzehnjährige im Januar 1770 Ringe tauschten und sich durch einen mit ihrem Blut unterschriebenen Vertrag Liebe und Treue schworen. Wie intensiv die Verbindung war, zeigen die aus ihr hervorgegangenen fünf Kinder, von denen allerdings drei bald nach der Geburt und der Sohn Alexander im Alter von acht Jahren starben.

König Friedrich II" dessen Widerstände gegen die als peinlich empfundene Liaison fruchtlos blieben, versuchte, Wilhelmine wenigstens aus der unmittelbaren Nähe des Potsdamer und Berliner Hofes zu verbannen. Zu diesem


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Zweck gab er seinem Neffen 20.000 Taler und den Befehl, für die Geliebte ein Haus in der weiteren Umgebung Berlins als Wohnsitz zu erwerben. So kam Wilhelmine 1777 nach Charlottenburg, wo sie das dem Schloß benachbarte Schmettausche Landhaus bezog.

Die schwärmerischen Neigungen des Thronfolgers wurden nun vor allem von seinen Vertrauten Johann Christoph Wöllner und Johann Rudolf Bischoffwerder immer stärker auf das Gebiet des Mystizismus gelenkt. Nach der Geburt des fünften gemeinsamen Kindes Marianne im Februar 1780 und dem Eintritt Friedrich Wilhelms in den Orden der Rosenkreuzer im August 1781 erkalteten die sexuellen Beziehungen Wilhelmines Selbstzeugnissen zufolge zusehends. Schließlich zwang er Wilhelmine sogar, mit seinem Kämmerer Johann Friedrich Ritz eine Scheinehe einzugehen, doch blieb die damit beabsichtigte Trennung nur Episode. Das Vertrauensverhältnis zur Jugendliebe blieb ungebrochen, der Thronfolger verbrachte nach wie vor viel Zeit mit ihr und ließ sich auch in seinen politischen Plänen und Handlungen von ihr beraten. Auch daß er sich mit Julie von Voß und der Gräfin Sophie Dönhoff neue Favoritinnen zulegte, mit denen er 1787 beziehungsweise 1790 sogar Heiratszeremonien vollzog, trübte diese persönliche Beziehung offensichtlich kaum. Darüber hinaus wurde die jetzige Madame Ritz besonders nach der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms (1786) mit Besitztum großzügig bedacht und durch ihre Nobilitierung in die Kreise des Hofes integriert. Als die Ordensbrüder und Minister in dem Bestreben, ihren Einfluß zu brechen, Gcisrererscheinungen inszenierten, bei denen der König von der Verwerflichkeit seiner Verbindung überzeugt werden sollte, wehrte Wilhelmine den Versuch mit den gleichen Mitteln ab, indem sie dem wundergläubigen Monarchen wissen ließ, ihr sei der Geist des gemeinsamen Sohnes Alexander erschienen.

Über das Leben der Wilhelmine Enke auf ihrem Charlottenburger Besitz sind etliche Einzelheiten überliefert, die ein Zeugnis dafür ablegen, wie selbstbewußt sie in der Gesellschaft auftrat. So nahm die Geliebte des Thronfolgers bald nach dem Einzug ins Schmettausche Haus für sich das Privileg einer umfassenden Befreiung von den steuerlichen Lasten und Auflagen in Anspruch und ließ "jeden Boten, der sich behufs Einforderung dieser Abgabe über ihre Schwelle wage, durch handfeste Bediente einfach auf die Straße setzen". Auch nachdem sich die königliche Kammer eingeschaltet hatte, beklagte sich der Magistrat, die Steuerbeamten würden von ihr "mit so vieler Unanständigkeit abgewiesen, daß keiner mehr dahin gehen"

 

"Aus ihrem brief mache ich zwei schlüsse nehrnlich das sie so grausam als ein geier mich gleichsam des leben und mein hertz aus meinem leib raus kratzen wollen, um mir schon auf erden ein vor[ge]schmak der hölen pein zu geben, da sie doch auf einer barmherrzigere an mit nach den dom schicken konten: da sie es einmahl drauf angelegt haben, so könte es ia durch ein Döschen gift, inte[e] oder mild, prepari[r]t, geschehen I wen(n) ich nach hause bei ihnen kome um mir ein vergnügen zu machen; oder wen[n] ich in ihrem bet[r]e ruhig schlafe, köncen sie mir ia gleich eine[r Jandere[n] makbet(h] ein schermes[s]er an der gurgel aplisieren oder ein kügelchen in dem kopf! Das werden [statt: wären] promptere und zugleich menschlichere mitj tje! zu ihrem zil als das was sie erdacht."

(Aus einem Liebesbrief des Kronprinzen an Wilhelmine Enke, undatiert (um 1777). Zit. nach: B. A. Haase-Faulenorth, Gräfin Lichtenau …, S. 58.)


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Abb. 100 Das Palais Lichtenau zur Zeit Eckardtsteins

 

wollte (zit. nach W. Gundlach, Geschichte der Stadt Charlottenburg …, Bd. 1, S. 196). Obwohl die Bürgerschaft gegen die Ungleichbehandlung murrte, verzichtete die Behörde schließlich auf weitere Versuche, Geld zu kassieren, wohl weil sie sich den Kronprinzen nicht zum Feind machen wollte.

Der Charlottenburger Oberprediger und Chronist Johann Gottfried Dressel gibt eine Beschreibung der Arbeiten, durch die das wachsende Anwesen nach der Inthronisation Friedrich Wilhelms umgestaltet wurde, so daß es "einem fürstlichen Schlosse an Pracht und Schönheit" glich: "Sie läßt Berge auftragen, große, steinerne Brücken in der Luft bauen, um dadurch von einer Straße zuranderen ohne die Erde zu berühren oder, da sie nun auch diese Straße zugezogen und in einen Garten verwandelt hat, um aus einem Garten in den anderen zu kommen." Dressel spielt hier offenbar auf die Zuschüttung des nördlichen Teils der Wilmersdorfer Straße an, die noch heute deswegen an der Otto-Suhr-Allee endet. In dem weitläufigen Park ließ Wilhelmine unter anderem Schaferspiele nach Versailler Vorbild aufführen, zu denen der König in einer Gondel erschien, die er am Belvedere bestiegen hatte. Den alten Treckschutendamm, der das Grundstück von der Spree trennte, eignete sich die Besitzerin durch Errichtung einer Umfriedung einfach an, worauf andere Anwohner sich das gleiche Recht herausnahmen.


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Für das Auftreten Wilhelmines bezeichnend ist ein aktenmäßig überlieferter mehrjähriger Streit, den sie mit den Charlottenburger Bäckern führte. Deren Erzeugnisse erschienen ihr nämlich zu klein beziehungsweise so schlecht gebacken, daß sie sich des öfteren an die Polizei, und, wenn d.iese nicht schnell genug reagierte, direkt an den König wandte. Jener erließ daraufhin strenge Kabinettsordres, in denen den schuldigen Mitgliedern der Zunft mit der Verhaftung gedroht wurde, zumal ihm die Freundin zugetragen hatte, das Brot sei so schlecht, "daß sogar Leute dadurch starben" (Kabinertsordre vom 15. April 1794). Obwohl diese Beschuldigung nicht haltbar war, erließ das Generaldirektorium daraufhin schärfere Strafbestimmungen für zu leichtes oder minderwertiges Brot und schickte den Meister Beerbaum für seine pappige Ware für acht Tage ins Gefängnis.

Ihrem königlichen Freund gegenüber bewies die Gräfin Lichtenau die geschworene Treue, als sie in dessen letzten Lebensmonaten an das Krankenlager in Potsdam eilte und ihn pflegte, bis er am 16. November 1797 starb. Noch am gleichen Tag wurde Wilhelmine verhaftet; am Abend erschienen zwei Beauftragte des neuen Königs Friedrich Wilhelm III. auch in Charlottenburg, um das Palais zu versiegeln und 36 Mann zu seiner Bewachung abzukommandieren. Die Bevölkerung soll, glaubt man der Schilderung des Bischofs Eylert als Biographen Friedrich Wilhelms III" auf die Nachricht von der Verhaftung hin frohlockt haben. Der eingesetzten Untersuchungskommission, der die Gräfin in langwierigen Verhören Rede und Antwort stehen mußte, gelang es allerdings nicht, ihr eine tatsächlich strafbare Handlung nachzuweisen. Dennoch verfügte der König, der davon ausging, sie habe "die wichtigsten Beweisstücke" vernichtet, in willkürlicher Kabinettsjustiz die Verbannung der Gräfin nach Glogau und die Einziehung ihres Besitzes, zu dem außer dem Charlottenburger Palais damals das "Niederländische Palais" Unter den Linden, die beiden Güter Lichtenau und Breitenwerder in der Neumark und ein kurz zuvor vom König gegebenes Geschenk von rund einer halben Million Talern in bar zählten. Ihr Haus in der Mohrenstraße in Berlin durfte die Verurteilte behalten, auch wurde ihr eine jährliche Rente von 4000 Talern gewährt. Im Oktober 1800 wurde die Verbannung aufgehoben.

Schließlich räumte der durch den Tod seiner Frau offensichtlich milder gestimmte König ein, die Angelegenheit seinerzeit "übers Knie gebrochen zu haben", und gab der Gräfin 1811 ihre neumärkischen Besitzungen zurück, nicht jedoch das Palais in Charlottenburg. Jenes hatte er

 

"Es scheint beinahe, daß sie nicht so viel wider sich haben wird, als man anfänglich glaubte, denn daß sie reich ist, das bricht: ihr den Hals nicht. 27 Jahre war sie die Maitresse eines reichen Königs, kein Wunder, daß sie reich ward. […] Das klügste Urteil dünkte mir das zu sein. War die Lichtenau eine Staatsverbrecherin, wozu derselben eine Pension von vier tausend Talern? War sie es nicht, wie man ihr wirklich dies nicht hat zeihen können, sondern ihr Verbrechen soll nur darinnen bestehen, daß sie durch den General Bischoffwerder und den Minister Woellner den König zur Ceisrerseherei hingeleitet und ihn dadurch hat bestimmen lassen, sie mit seinen Schätzen zu bereichern - warum nimmt man ihr ihre Reichrümer, da man den Bischoffwerder sowohl, als den Woellner ungestraft läßt?"

(Aus dem Tagebuch des Charlottenburger Oberpredigers Dressel, zit. nach: W. Gundlach, Geschichte der Stadt Charlottenburg …, Bd. 2, S. 380 f.)


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Abb. 101 Gotisches Lusthaus im Garten der Gräfin Lichtenau

 

nämlich der Charire geschenkt, die es, nachdem ihr das Eigentumsrecht nochmals ausdrücklich garantiert worden war, an den Kaufmann von Eckardtstein weiterveräußert hatte. Eckardtstein kaufte in Charlottenburg weiteren Boden auf und wurde zum größten privaten Grundbesitzer in der Stadt.

Während der Franz ose nzeit nahm 1808 der Marschall Victor Herzog von Belluno im Palais Quartier und übte von dort den Oberbefehl über die im Berliner Raum stationierten französischen Truppen aus. Etwa zur Zeit der Befreiungskriege verstarb Eckardrstein. Der Prediger Dressel verwaltete nun den Besitz für die Erben und nahm auch die dazugehörige Meierei in Pacht. Da diese Nebentätigkeiten des geschäftstüchtigen Seelsorgers auch für damalige Verhältnisse ungewöhnlich waren, wurde er von seinen Mitbürgern heftig kritisiert. Dressel erwarb sich daneben aber auch unbestrittene Verdienste um das Schul- und Armenwesen Charlottenburgs. Er starb 1824 und erlebte somit nicht mehr mit, daß im März 1827 in einem Hintergebäude des Eckardtsteinschen Grundstücks sechs neugeschaffene Klassen der Charlottenburger Schulen untergebracht wurden. Die Stadt zahlte dafür eine Miete, die zwischen 400 und 550 Talern im Jahr betrug. Dagegen belief sich die Steuer, die die mehrfache Millionärin Freiin von Eckardtstein im Jahre 1850 für ihren Besitz an die Stadt zu entrichten hatte, auf 89 Taler und 5 Pfennige. Dies war rund das Vierfache von dem, was ein durchschnittlicher Ackerbürger an Abgaben zu zahlen hatte.


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Abb. 102 Johann Anton Wilhelm Carstenn (1822 bis 1896)

 

 

Abb. 103 Blick von der Flora in den Garten

 

Die Flora

Der aus Hamburg zugewanderte Johann Anton Wilhelm Carsterm, der 1869 zusammen mit seinem Kompagnon Ebers das Eckardtsteinsche Anwesen erwarb, sammelte in Berlin innerhalb weniger Jahre ein riesiges Vermögen an, indem er Äcker aufkaufte und in Bauland umwandelte. Auf diese Weise entstand unter Carstenns Regie zum Beispiel der Villenvorort Groß-Lichterfelde. Seinen Plan, das repräsenta tive Gelände in Charlottenburg ebenfalls für die Errichtung von Wohnbauten in Parzellen aufzuteilen, gab der findige Unternehmer bald zugunsten der kühneren Idee auf, dort den aufwendigen Saalbau der "Flora" entstehen zu lassen. So begann die Geschichte eines der bedeutendsten Spekulations- und Pleiteobjekte der "Gründerzeit".

Zu den Gründern der Aktiengesellschaft, zu deren erster Generalversammlung am 26. September 1871 die gesamte gesellschaftliche Prominenz Berlins geladen war, zählten außer Carsrenn und Ebers der Bankier und Weingroßhändler Kommerzienrat F. W. Krause sowie Fürst Wilhelm Malte von Putbus, ein schwerreicher Besitzer von 120 Gütern auf Rügen, der wegen seiner Beteiligung an den Unternehmungen des bald darauf in Konkurs gebenden "Eisenbahnkönigs" Henry Bethel Strausberg als "Fürst Kaputtbus" verspottet wurde. Im Verwaltungsrat


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Abb. 104 Das Palmenhaus

 

Abb. 105 Pauline Lucca (1841 bis 1908)

 

der Gesellschaft saß außer Putbus und einigen angesehenen Kommerzien- und Legationsräten der Polizeipräsident von Wurmb, der dem Unternehmen den Anschein einer besonderen Solidität gab. Die Aktionäre lockte man nicht nur mit einer "sicheren" Dividende von zwölf Prozent, sondern auch mit dem freien Eintritt zu den projektierten glanzvollen Veranstaltungen der Flora, der schon beim Erwerb einer einzigen Aktie im Nennwert von 100 Talern gewährt wurde.

Noch während der Bauphase geriet die Gesellschaft in Schwierigkeiten, so daß die Regierung ihr gestattete, eine Lotterie im Umfang von 250.000 Talern zu veranstalten. Bald nach der Einweihung wurde außerdem eine neue Gesellschaft mit neuen Aktien ins Lehen gerufen. Als ersten Geschäftsführer des Saalhaus setzte man den Herrn von Rhaden ein. Dessen Vorzug war es, Ehemann der gefeierten Primadonna Berlins, der Sopranistin Pauline Lucca zu sein, die dadurch veranlaßt werden sollte, regelmäßig aufzutreten.

Die Flora lief sogleich allen anderen Ausflugslokalen, Festsälen und Vergnügungsstätten Charlottenburgs den Rang ab. Um ihre imposanten Räumlichkeiten zu füllen, mußte man aber nach ganz besonderen Attraktionen su-


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Abb. 106 Plakatwerbung für einen Ballonflug

 

chen. So veranstaltete beispielsweise 1875 ein französischer Ballonfahrer für einige Wochen vom Garten aus "Gondelflüge", wie sie auch zu Ostern 1895 von einer amerikanischen Luftschifferin und 1900 von der Deutschen Kätchen Paulus angeboten wurden. Fräulein Paulus unternahm allein über 400 Aufstiege und sprang sogar mit einem Fallschirm ab. Weniger Nervenkitzel erregten die regelmäßigen Pflanzenschauen des "Vereins zur Beförderung des Gartenbaues in den preußischen Staaten", die aber dennoch beim Publikum sehr beliebt waren und auf dem Floragelände einen idealen Standort fanden. Kurz nachdem die Berliner in der Hasenheide ihre erste Rollschuhbahn erhalten hatten, wurde 1876 der "Flora-Rink" eröffnet, um den Besuchern auch dieses neue Sportvergnügen bieten zu können. Im Winter konnte auf einer Spritzeisbahn Schlittschuh gelaufen werden.

Im Jahr 1881 gastierte hier William F. Cody ("Buffalo Bill") mit seiner Wildwestshow zum ersten Mal in Char-


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Abb. 107 Das Radrennen

 

lottenburg. Außerdem fand am 28. Mai in den Anlagen "unter der Leitung von bekannten Berliner Pädagogen und unter freundlicher Mitwirkung von namhaften Künstlern" ein Kinderfest statt, bei dem sich die "maifestlieh geschmückte Jugend der beiden Schwesterstädte Berlin und Charlottenburg […] 'spielend' […] vereinigen und unbewußt uns Erwachsenen dadurch ein Vorbild werden" (Neues Charlottenburger Intelligenzblatt vom 26. Mai 1881) sollte.

Eine für die Sportgeschichte bedeutsame Premiere fand am 7. August 1881 im Floragarten statt, als erstmals im Berliner Raum ein Rennen für Hochräder ausgetragen wurde. Vier Jahre zuvor hatte der Engländer T.H.S. Walker in Berlin eine Zweigniederlassung einer englischen Fahrradfirma gegründet und die Käufer seiner Produkte inzwischen im "Berlin-Bicycle-Club" vereinigt. Da die Polizeibehörde das Radfahren in der Innenstadt Berlins verboten hatte, sollte die auf den dafür eigentlich ungeeigneten, weil viel zu engen Parkwegen ausgetragene Veranstaltung vor allem dazu dienen, den Bürgern den neuen Sport vorzuführen und sie eventuell dafür zu gewinnen. Tatsächlich erschienen viele Zuschauer, die lebhaftes Interesse bekundeten. Insgesamt fünf Rennen standen auf dem Programm, darunter eines im Langsamfahren. Im offenen Fahren über eine Meile siegte der noch nicht l6jährige Paul Pieper aus der nahen Schloßstraße. Sieger des als "Großes Deutsches Clubfahren" ausgeschriebenen Hauptrennens wurde Walker selbst, der für die "gewaltige''

 

"Eine sehr interessante Episode bildete das Langsamfahren (Distanz 90 Meter), welches wie das Eröffnungsrennen in drei Läufe eingerheilt war. […] Das sehr langsame Fahren gerade erfordert die allergrößte Aufmerksamkeit, da eine unvorsichtige Bewegung das Velociped schnell vorwärts oder zu Falle bringen kann. […] Heim ersten Laufe gelangte Herr Durnstrey allein an's Ziel: seine Rivalen Heinrich Göhring und Richard Krüger gerierhen aus dem Fahren. Der zweite Lauf sah Herrn Hildebrand aus München als einen sehr eleganten Sieger, der mit einem lauten heirnathlichen Juchhe! das Ziel durchfuhr. Beim 3. Lauf gelangte Herr Koop (Bremen) ebenfalls nur allein an's ZieL Herr Koop errang im Entscheidungslauf den ersten, Herr Hildebrand den zweiten Preis."

(Aus der Beriebterstattung der Vossischen Zeitung zu den Radrennen vom 7. August 1881.)


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Strecke von fünf Meilen (8045 m) Länge eine Fahrzeit von 20 Minuten und 40 Sekunden benötigte. Als Siegespreis erhielt er ein Fahrrad im Werte von 300 Mark.

In den neunziger Jahren gab man im Sommer in der Flora Opernvorstellungen, für die an der Stirnseite des Festsaals eine Bühne errichtet wurde. Daneben wurde weiterhin eine große Anzahl kleinerer Veranstaltungen angeboten. Im Herbst 1896 konnte man zum Beispiel dabei "Fata-Morgana-Vorführungen" und "La belle Vernois, das schönste Weib der Erde", sehen. Der Sonntagseintritt betrug in diesem Jahr inclusive einer Pferdebahnfahrt 25 Pfennige.

Letztes Großereignis vor dem Abriß der Flora war die Deutsche Automobil-Ausstellung des Jahres 1903, die zwischen dem 7. und 22. März unter dem Patronat des mororsportbegeisterten preußischen Prinzen Heinrich stattfand und mit einer "Huldigungsfahrt" der Automobilclubs über die Charlottenburger Chaussee zum Berliner Schloß eröffnet wurde. Kaiser Wilhelm II" der die Schau einige Tage später besuchte, äußerte sich sehr befriedigt über die Fortschritte der deutschen Automobilindustrie, die um so anerkennenswerter seien, als das Mutterland dieser Industrie doch eigentlich Frankreich sei. Obwohl das Ereignis viele Schaulustige anzog, hatten die "Autler" damals noch gegen viele Anfeindungen zu kämpfen. Die Initiatoren der Ausstellung richteten daher besondere Appelle an die Fahrer, sich einem geregelten Straßenverkehr unterzuordnen und ihre unrnororisierten Mitmenschen durch ihren Sport nicht zu gefährden, damit die Verwendung der Kraftwagen als Verkehrsmittel vorangetrieben werden konnte.

Daß trotz gelegentlicher Sensationen und der Tatsache, daß selbst die Mitglieder der kaiserlichen Familie die Vergnügungsstätte des öfteren mit ihrem Besuch beehrten, die Flora nicht florierte, lag außer an ihren nur schwer auslasrbaren Dimensionen ganz offensichtlich an der Mißwirtschaft im Management. Einige Mitglieder des Aufsichtsrats und Vorstands der Aktiengesellschaft traten beispielsweise zugleich als Gläubiger auf und hatten sich als Sicherheiten einen Teil der Einrichtung verpfänden lassen. Für weitere Anschaffungen war kein Geld mehr vorhanden, so daß viele der für den Festsaal nötigsten Utensilien gegen hohe Mieten entliehen werden mußten. Das Restaurant der Flora entsprach nicht den gestellten Ansprüchen und bot den Gästen Anlaß zu vielen Beschwerden, so daß der Pächter schließlich entlassen wurde. Sein Nachfolger ging binnen kurzer Zeit in Konkurs, weil ihm nur der Umsatz aus den Speisen, nicht aber


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Abb. 108 Am Standort der Flora (1986)

 

aus den Getränken überlassen worden war, obwohl er das ganze Heer der Kellner zu entlohnen hatte. Als Generalpächter der Bierhallen der Flora schöpfte der Präsident des Aufsichtsrats der Aktiengesellschaft, Julius Pickartt, selbst den Rahm ab.

So wurde bald die Unrentabilität des Unternehmens offenbar. Der Kurs der Flora-Aktien sank so tief, daß ihre Besitzer über zwei Millionen Taler verloren und die Familienzeitschrift Die Gartenlaube klagte: "Arme, unglückliche 'Flora'! Nie ist ein Weib, und dazu noch eine Göttin, so mißhandelt, so schamlos ausgeplündert und bestohlen worden!" (Zit. nach G. Ogger, Die Gründerjahre …, S. 190.)

Trotz mehrfachen Eigentümer- und Pächterwechsels gelang es auch in der Folgezeit nicht, auf Dauer so viele Gäste anzulocken, daß das Unternehmen in die schwarzen Zahlen gekommen wäre. So fiel der Prachtbau dreißig Jahre nach seiner Errichtung der Spitzhacke zum Opfer. Am 25. März 1904 kam es dabei zu einem schweren Unfall, als die Kuppeldecke des kleinen Saals einstürzte und elf Arbeiter verschüttete, von denen sechs erhebliche Verletzungen erlitten. Bei der Untersuchung des Vorfalls stellte sich heraus, daß der Polier, der über die Besonderheiten der Deckenkonstruktion informiert gewesen war, zuvor gekündigt hatte. Ihm gegenüber hatte sich die Abbruch-


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firma geweigert, Fachkräfte zu einem Stundenlohn von 45 Pfennigen einzustellen, da sie nur 30 bis 40 Pfennige zahlen wollte. Am 6. April wurden der "Kaisersaal" und die vorderen Gebäudeteile schließlich vom 2. Eisenbahnregiment gesprengt. Damit war der Platz endgültig für die Errichtung jenes Wohnviertels frei, das dem Gelände seinen innerstädtischen Charakter verlieh. Die Bombennächte des Zweiten Weltkriegs und der folgende Wiederaufbau haben dazu beigetragen, daß heute hier so gut wie jedes Relikt verschwunden ist, das auf die frühere Nutzung hinweisen könnte.

 

Literaturhinweis

Paul Bailleu, Lichtenau, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 18, Berlin 1883, S. 534-536. Berlin und seine Bauten. Bearb. und hrsg. vom Architekten-Verein zu Berlin und der Vereinigung Berliner Architekten, 2. Ausg" Bd. 2 u. 3: Der Hochbau, Berlin 1896, S. 524-525. Hans Borowik, Sportstadt Charlottenburg, BerlinWilmersdorf 1962. Das Etablissement Flora. Palmen- und Blumengärten in Charlottenburg, Berlin o.J. Wilhelm Gundlach, Geschichte der Stadt Charlottenburg, Bd. 1 u. 2, Berlin 1905. Bertold Adolf Haase-Faulenorth, Gräfin Lichtenau. Ein Schicksal zwischen den Zeiten) Berlin 1934. Bogdan Krieger, Berlin im Wandel der Zeiten. Eine Wanderung vom Schloß nach Charlottenburg durch 3 Jahrhunderte, Berlin-Grunewald 1923, S. 426-428. Annemarie Lange, Berlin zur Zeit Bebels und Bismarcks, Berlin [Ost] 1972, S. 192-195. Günter Ogger, Die Gründerjahre. Als der Kapitalismus jung und verwegen war, München-Zürich 1982, S. 188-191. Hubert Stier, Die Flora zu Charlottenburg bei Berlin, in: Deutsche Bauzeitung, 7. Jg. (1873), S. 121-122, 125, 149-151, 163-166, 171-172, 175, 259- 260, 269-270. H. Stockmann, Vom Parkweg in der "Flora" zur Olympischen Radrennbahn am Funkturm. Ein Streifzug durch die Geschichte des Berliner Radrennsports, in: Von der Hasenheide bis zum Reichssportfeld. Geschichte des Sports in Berlin, Berlin 1936, S. 31-35. Irmgard Wirth, Stadt und Bezirk Charlottenburg (= Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin, Bd. 2), Berlin 1961, S. 356-358, S. 61-62.


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Gabriele Silbereisen: Die Praxis von Magnus Hirschfeld Otto-Suhr-Allee 127

 

 

Abb. 109 Fassadenentwurf Berliner Straße 104

Abb. 110 Lageplan (um 1893)

 

Baugeschichte

1893: Im Dezember beginnen die Bauarbeiten zur Errichtung eines Wohnhauses mit zwei Seitenflügeln und einem Quergebäude auf dem Grundstück Berliner Straße 89, später: Berliner Straße 104.

1894: Am 17. April wird der Rohbau abgenommen. Als Eigentümer wird der Malermeister Carl Handel geführt, der bereits am 18. August das Haus bezieht. Er vermietet den im Haus befindlichen Laden ohne baupolizeiliche Genehmigung an einen Kaufmann. Im Oktober erst erfolgt die notwendige Gebrauchsabnahme.

1917: Am Vormittag des 15. März fallen größere Stuckplatten der Fassade auf die Berliner Straße.

1920 beschweren sich die Mieter über erhebliche bauliche Mängel.

1921: Carl Handel bittet am 6. Oktober um öffentliche Mittel für Instandsetzungsarbeiten an der von Holzschäden zerstörten Kellerdecke im Quergebäude.

1922/23: Am 14. September ergeht ein Schreiben der Mietervertreter an den Hauseigentümer mit den Worten: "Das Haus Berliner Straße 104 befindet sich in einem derartigen Zustande, daß es nach verschiedenen Richtungen hin eine Gefahr für Leben und Gesundheit der Mieter in sich birgt." Man berichtet ferner, daß im Keller die Decke eingestürzt und die Treppe schadhaft und "schwammartige Auswüchse" an den Mauern festzustellen seien. Handel wird seitens der Baupolizei aufgefordert, den Schwamm zu besei eigen. Die A useinandersetzungen um die Kostenübernahme der notwendigen Arbeiten ziehen sich bis zum Jahr 1923 hin. Handel fühlt sich in die Enge getrieben, er wehrt sich in einem Schreiben vom 5. August 1923 an die Baupolizei. "Ich sehe darin eine Vergewaltigung und Erdrosselung des privaten Hausbesitzes. Auf der einen Seite beschneidet man die Einnahme durch Niedrighalrung der Mieten, auf der anderen Seite stellt man Forderungen, die gar nicht in Einklang zu den Einnahmen stehen. Wohnungsbolschewismus ist


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Abb. 111 Vorderansicht (Mai 1927)

 

kein Ausdruck mehr […]." (Bauakten, Landesarchiv Berlin.)

1924: Im Januar sind die Mängel beseitigt. 1925: Im April werden bauliche Veränderungen im Kellergeschoß vorgenommen. 1926: Erneut fordern Mieter Reparaturen an der Fassade, da herabstürzender Putz die Passanten gefährdet.

1927: Es werden Instandsetzungsarbeiten im Bodenraum des Quergebäudes notwendig.

1930 eröffnet Frau M. Gräwert im Hause eine Bäckerei. Sie läßt im darauffolgenden Jahr einen Gasbackofen aufstellen.

1935 werden die 8-Zimmerwohnungen in 3-Zimmerwohnungen aufgeteilt. Ein Jahr später folgt auch die Teilung der 4-Zimmerwohnungen in kleinere Wohneinheiten.

1945 ist das Haus durch Kriegseinwirkungen zerstört.

1954: Abräumarbeiten.

1955 läßt die Eigentümerin Irma Geiss ein fünfgeschossiges Wohnhaus errichten. Auf dem Nachbargrundstück, Berliner Straße 195, entsteht ein typgleiches Gebäude.


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Abb. 112 Magnus Hirschfeld (1868-1935)

 

Ereignisgeschichte

Das Wohnhaus in der Berliner Straße 104 war in der Zeit von 1896 bis 1910 Wirkungsstätte von Magnus Hirschfeld (1868-1935). Er gründete hier am 15. Mai 1897 das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee, die erste Trägerorganisation der Homosexuellenbewegung in Deutschland.

Sein Vater, der jüdische Arzt Hermann Hirschfeld (1825-1885), hatte im Jahre 1848 bei Rudolf Virchow in Berlin mit der Arbeit "De effectu Chloroformi" promoviert und sich in Kolberg (Pommern) durch seine Naturheilverfahren verdient gemacht. Es war vor allem der Ausbau der Stadt zu einem Kurort mit heißen Bädern, der die Bürger veranlaßt hatte, ihm ein Denkmal zu setzen.

Der Sohn Magnus besuchte das Gymnasium der Stadt und nahm im Jahr 1887 das Studium der Philosophie und Neueren Sprachen in Breslau auf. Er wechselte jedoch noch in demselben Jahr zur Medizin über, folgte dem Beispiel seines Vaters und promovierte 1892 ebenfalls bei Rudolf Virchow mit einer Untersuchung über GrippeEpidemien mit dem Titel "Über Erkrankungen des Nervensystems in Gefolge der Influenza". Der Beginn seiner Charlottenburger Tätigkeit im Jahre 1896 fiel zeitlich

 

"Seit Jahrzehnten hat keine Krankheit das Staunen und Interesse der ärztlichen Welt und dieser nicht allein so in Anspruch genommen, wie jene ausgedehnte Influenzapandernie, welche nach dreißigjähriger Ruhepause im Winter 1889-1890 von Osten aus alle Culturlander mit gewaltigen Armen umfaßte und in wenigen Wochen den größten Theil der Menschheit ihrer Macht unterwarf. Kennen wir doch keinen einzigen Krankheitsträger, der in solcher Masseninvasion in so relativ kurzer Zeit jemals so enorme Strecken, den rauhen Norden nicht minder wie die heißen Tropen durchseucht hätte. Mit Recht nannte Leyden diese Epidemie, 'das große medizinische Ereignis', es war kurz bevor nach statistischen Tabellen nahezu die Hälfte der Berliner Bevölkerung von dem spezifischen Infectionsstoff in irgend einer Form ergriffen und in Wien lagen etwa 450.000 Individuen gleichzeitig an der Grippe darnieder."

(Magnus Hirschfeld, Ueber Erkrankungen des Nervensystems im Gefolge der Influenza, Diss. Berlin 1892, S. 5.)


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zusammen mit der Publikation seines Erstlingswerkes. Unter dem Pseudonym Th. Ramien erschien die Arbeit "Sappho und Sokrates - oder: Wie erklärt sich die Liebe der Männer und Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts?", die seinen Kampf um die Emanzipation der Homosexuellen einleitete. Ausgehend von der Überzeugung, Homosexualität sei keine Krankheit, entwickelte er die These, der Mensch habe eine zwitterhafte Uranlage, so daß die Heterosexualität wie auch die Homosexualität als angeboren verstanden werden müßten. Er ordnete sechs Triebarten, der weibliebende-normale Mann, die mannliebende-normale Frau, der männliche Seelenzwitter, der weibliche Seelenzwitter, der mannliebende Mann (Oranier) und die weibliebende Frau (Urninde) den drei Gruppen des normalen Geschlechtstriebes, des Seelenzwittertums und der konträren Sexualempfindung zu. Hirschfeld konnte diese für seine Zeit revolutionäre Schrift bei Max Spohr in Leipzig veröffentlichen.

Stark beeindruckt von dieser Theorie suchte durch Vermittlung Spohrs der namhafte Jurist aus Westfalen, Edmund Oberg, Hirschfeld in seiner Praxis in Charlottenburg auf. Gemeinsam beschlossen sie, für die Abschaffung des § 175 StGB zu kämpfen, der Homosexualität unter Strafe stellte. Dieser Paragraph, wie auch§ 218 ist zwar heute modifiziert worden, ist - bezogen auf Jugendliche unter 18 Jahren - immer noch Bestandteil des Strafgesetzbuches.

Auf seiner Bahnfahrt von Berlin nach Leipzig am 25. Februar 1897 kam Hirschfeld der Gedanke, "eine kurze Zusammenstellung der Gründe auszuarbeiten, aus denen sich meines Erachtens nach sowohl für die öffentliche Meinung als auch für die gesetzgebenden Körperschaften die Unhaltbarkeit des § 175 ergeben müßte" (Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, 8 [1906], S. 891). Max Spohr war sofort "Feuer und Flamme", und sie trafen sich zusammen mit Oberg in der Berliner Straße und gründeten am 15. Mai 1897 das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK), um ihr Vorhaben, eine Petition beim Reichstag einzureichen, auf eine breitere Basis stellen zu können. Zu den ersten Unterzeichnern gehörten unter anderen der Sexualwissenschaftler Richard von Krafft-Ebing, Franz von Liszt, Ernst von Wildenbruch und August Bebel, ferner Richard Dehmel, Max Liebermann, Detlev von Liliericron, Rainer Maria Rilke, Arthur Schnitzler und Ernst von Wolzogen. Hirschfeld berichtete später, daß der erste Kreis der Aktiven noch "bequem um einen runden Tisch in seiner Wohnung Platz fand". (Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, 8 [1906], S. 892). Mühsam

 

"Petition"

An die gesetzgebenden Körperschaften des deutschen Reiches behuf s Abänderung des § 175 des R.Str. G.B. und die sich daran anschließenden Reichstags-Verhandlungen

Die von Dr. med. Hirschfeld-Charlottenburg verfaßte und vom Wissenschaftlich-humanitären Komitee in Umlauf gesetzte Eingabe hatte folgenden Wortlaut (gekürzt):

In Anbetracht, daß bereits im Jahre 1869 sowohl die österreichische, wie die deutsche oberste Sanitätsbehörde, welcher Männer wie Langenbeck und Virchow angehörten, ihr eingefordertes Gutachten dahin abgaben, daß die Strafandrohungen des gleichgeschlechtlichen Verkehrs aufzuheben seien, mit der Begründung, die in Rede stehenden Handlungen unterschieden sich nicht von anderen bisher nirgend mit Strafe bedrohten Handlungen, die am eigenen Körper oder von Frauen untereinander oder zwischen Männern und Frauen vorgenommen würden;

 […]

Unter Betonung, daß es gegenwärtig als nahezu erwiesen ist, daß die Ursachen dieser auf den ersten Blick so rätselhaften Erscheinung in Entwicklungsverhältnissen belegen sind, welche mit der bisexuellen (zwittrigen) Veranlagung des Menschen zusammenhängen, woraus folgt, daß Niemanden eine sittliche Schuld an einer solchen Gefühlslage beigemessen ist; (!!!)

Unter Berücksichtigung, daß diese Bestimmungen einem ausgedehnten Erpressertum (der Chantage) und einer höchst verwerflichen männlichen Prosti rurion größten Vorschub geleistet haben, erklären untenstehende Männer, deren Name für den Ernst und die Lauterkeit ihrer Absichten bürgen, […] die jetzige Fassung des § 175 d. R. Str. G. B. für unvereinbar mit der fortgeschrittenen wissenschaftlichen Erkenntnis […]. "


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Zu denen, die diese Eingabe unterzeichneten, gehören (Auswahl):

Geh. Justizrat Dr. Franz von Liszt, o. Professor der Strafrechtswissenschaft, Halle a. S.

Professor für S trafrec h ts wisse nschafr, Dr. jur. Fel. Fr. Bruck, Breslau Justizrat: Hacke, Rechtsanwalt beim Reichsgericht, Leipzig

Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Max Rübner, Direktor des hygien. Instituts der kgl. Universität Berlin Geh. Medizinalrat Prof. der Nervenkrankheiten, Dr. Albrecht Eulenburg, Berlin

Geh. Medizinalrat Dr. Neisser, Prof. für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Breslau

Geh. Sanitätsrat Dr. A. Baer, Oberarzt am Gefängnis Plötzensee, Berlin

Geh. Medizinalrat Dr. med. W. Sander, Direktor der Berliner Irrenanstalt Dalldorf

Sanitätsrat Dr. Lepprnann, Kgl. Physikus, arz tl. Leiter der Beobachtungsanstalt für geisteskranke Gefangene, Moabit-Berlin

Prof. Dr. Wilhelm Alex. Freund, Direktor der Frauenklinik an der Universität Straßburg i. E.

gestaltete sich anfänglich der Weg, bedeutende Persönlichkeiten aus Politik, Verwaltung, Justiz und Wissenschaft für die Unterzeichnung der Petition zu gewinnen. Im Dezember 1897 konnte sie mit ungefähr 1000 Unterschriften eingereicht werden. In bezug auf die Strafbestimmungen in Frankreich, Italien und Holland und unter Berücksichtigung, daß der§ 175 dem "Erpressertum" und der "höchst verwerflichen männlichen Prostitution größten Vorschub geleistet habe", forderte man den homosexuellen Verkehr nur in den Fällen unter Strafe zu stellen, in denen er unter Anwendung von Gewalt vollzogen werde, wenn Minderjährige beteiligt seien oder er "öffentliches Ärgernis" erregt habe.

Am 13. Januar 1898 kam es zur ersten Beratung im Reichstag. Hirschfeld zitiert in einem Re surne die Worte des Abgeordneten Schall, um zu belegen", wie sehr damals das Gebiet der Homosexualität den meisten eine terra incognita" war: "Ich habe auch die von Herrn Bebel mit angezogene Petition, die ja von Männern mit berühmten Namen aus allen Berufsschichten unterschrieben ist, und von der Herr Bebel sagt, er habe sie selbst mit unterschrieben, bekommen, die eine Aufhebung dieses Paragraphen verlangt, und ich habe wie vor einem Rätsel gestanden, wie es überhaupt möglich ist, daß Männer von öffentlicher Stellung und sittlichem Urteil eine solche Petition einreichen können." (Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, 8 [1906], S. 893.)

Zwar war die Petition ein Mißerfolg, aber sie ermunterte dennoch zahlreiche "in psychischer Bedrängnis lebende Menschen" 1 das WhK um Rat zu ersuchen. So trat beispielsweise Hermann von Teschenberg nach der Verurteilung seines Freundes Oscar Wilde der Organisation bei und wurde eines ihrer aktivsten Mitglieder.

Hirschfeld intensivierte, motiviert durch den starken Zuspruch, seine Forschungen auf dem Gebiet der Sexualwissenschaft, deren Ergebnisse er ab 1899 in dem Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen unter besonderer Berücksichtigung der Homosexualität veröffentlichte. Die Forschungsbeiträge dieser Jahrbücher wurden ergänzt durch Pressemitteilungen über Strafverfolgungen nach § 175 und eine umfangreiche Bibliographie zum Thema Homosexualität. Jeder Band endete mit kurzen Informationen aus der Arbeit des WhK. In dem Vorwort zur ersten Ausgabe werden Betroffene direkt angesprochen, sich mit ihren Problemen an das Komitee in der Berliner Straße zu wenden.

Die Reihe erschien bis zum Jahre 1923; Mitglieder des Komitees selbst wurden in den Jahren 1902 bis 1907 durch


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Abb. 114 Antwortkarte

 

Monatsberichte informiert. Ergänzt wurden diese Publikationen, die sich vornehmlich an eine gebildete Leserschaft wandten, durch allgemeinverständliche Aufklärungsschriften, wie beispielsweise: Was soll das Volk vom Dritten Geschlecht wissen? (1902). Seinem Wahlspruch "Per scientia ad iusritiam" (Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit) folgend, führte Hirschfeld um die Jahreswende 1903/04 an der Technischen Hochschule Charlottenburg statistische Untersuchungen über das Sexualverhalten von Männern durch. Er verschickte an 3000 Studenten Postkarten mit der Frage: "Richtet sich Ihr Liebestrieb (Geschlechtstrieb) auf weibliche (w), männliche (m) oder weibliche und männliche (rn u. w) Personen?" Beigefügt war dieser Karte ein Schreiben, das über die Intention dieser Umfrage informierte und strengste Diskretion zusicherte.

Insgesamt konnten 1696 gültige Antworten ausgewertet werden. Theodor Wi ttstein zitierend, der Mangel an mathematischer Bildung gebe sich durch nichts so auffallend zu erkennen, wie durch maßlose Schärfe im Zahlenrechnen, wies Hirschfeld den Vorwurf zurück, seine Ergebnisse seien ungenau, und konstatierte aus dem Vergleich mit anderen Umfragen, "daß bei allen Rundfragen und Stichproben stets eine Zahl gefunden wird, die innerhalb derselben Größenordnung, sogar immer in der Nähe von 1,5 % gelegen ist". (Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, 6 [1904], S. l 51.) Hirschfeld sah die Ergebnisse von Rundfragen und Stichproben, daß 90-95 % der Menschen normalsexuell, 1,5-2 % homosexuell und 4 % bisexuell veranlagt seien, in einem Naturgesetz begründet.

Die Enquete führte zu heftigen Reaktionen: Die Deutsche Tageszeitung vom 12. Dezember 1903 ermunterte die Studenten, diese "Beleidigung" nicht hinzunehmen, sondern Anklage gegen das WhK zu erheben. Der akademische Verein Ethos mit Sitz in der Schlüterstraße 70 for-

 

Hirschfeld Praxis

Die Umfrage ergab folgendes Ergebnis:

Heterosex. 1593 von 1691 = 94,0 %

Homosex. 26 von 1691 = 1,5 %

Bisexuell 77 von 1691 = 4,5 %

abweichend 103 von 691 = 6,0 % (Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, 6 (1904], S. 139.)


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Abb. 115 "Panik in Weimar. Wolfgang lassen wir die Hände los! der Dr. Magnus Hirschfeld kommt!"

 

derte diese auf, sich bei ihnen namentlich zu melden, um gemeinschaftlich einen Prozeß anzustrengen. Durch die Publikation der Ergebnisse dieser Umfrage in dem Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen sahen einige Studenten die zugesicherte Diskretion nicht gewahrt und verklagten Hirschfeld wegen Beleidigung. Hirschfeld verteidigte seine Arbeit und verwies vor allem auf die zahlreichen Zuschriften der Befragten, die ihn darüber informierten, wie die Aktion intern in den Hörsälen, Studentenheimen und Stammkneipen zustimmend diskutiert werde. Im Februar 1904 folgte eine weitere Untersuchung, die Hirschfeld aber in diesem Fall unter Metallarbeitern durchführte, um zu überprüfen, ob Homosexualität ein schichtenspezifisches Phänomen sei. Wesentlicher Unterschied zur Studentenenquete war, daß hier Männer unterschiedlicher Altersgruppen angeschrieben wurden. Die Adressen von 5721 Arbeitern wurden ihm vom Verband deutscher Metallarbeiter zur Verfügung gestellt.

Den relativ hohen Prozentsatz von "Retouren" mit dem Hinweis "unbekannt verzogen" oder "nicht ermittelt" führte Hirschfeld auf das Schlafburschenwesen zurück.

 


[S. 136]

 

 

Abb. 116 "Dr. Magnus Hirschfeld überall! Da die Verhältnisse und Neigungen in besseren Kreisen aus sexualpathologischen Gründen immer problematischer und verwickelter werden, ist bei größeren Festtafelarrangements der Versuch gemacht worden, Dr. Magnus Hirschfeld das Plazieren der Gäste zu übertragen, weil ein gewisser Prozentsatz der eingeladenen Herren erfahrungsgemäß stets eine direkte Abneigung gegen Tisch-Damen empfindet. Natürlich erfordert diese Aufgabe, wenn unliebsame Mißgriffe vermieden werden sollen, ein eminentes gesellschaftliches Orientierungsvermögen und gründliche wissenschaftliche Durchbildung."

 

Auf der Basis von 1912 gültigen Stimmen errechnete Hirschfeld ein Plus von 0,4 % der Homosexuellen und 1,1 % der Bisexuellen, welches die Studenten gegenüber den Metallarbeitern aufwiesen. Er räumte zwar ein, daß diese Divergenzen darauf basieren, "daß die Homosexualität in den höheren Schichten der Bevölkerung etwas stärker verbreitet ist als in der unteren Volksklasse" (Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, 6 [1904], S. 161), sah sie aber als zu gering an, um Homosexualität als schichrenspezifisches Phänomen zu verstehen. Vielmehr nannte er den hohen Prozentsatz von Heterosexuellen "ein imposantes Bekenntnis der Liebe des Mannes zum Weibe […], eine kraftvolle Kundgebung der Art für die Erhaltung der Art […]".


[S. 137]

 

Abb. 117 [enthält nichts im Original]

 

 

Abb. 118 Friedrich Alfred Krupp (1854-1902)

 

Er wies so die Befürchtungen zurück, "daß je das urnisehe Element eines Volkes Wesen und Wert der großen Mehrheit beeinträchtigen könne" (ebda" S. 163).

Im Mai 1904 kam es zum Prozeß wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften und Beleidigung. Zwar wies das Gericht den ersten Anklagepunkt, die Enquete habe keinen wissenschaftlichen Charakter, zurück, verurteilte Hirschfeld aber wegen Verstoßes gegen § 185 RStGB zu 200 Mark Geldstrafe. Das Reichsgericht lehnte am 4. November 1904 die Revision ab.

Diese wissenschaftlichen Studien über das Sexualverhalten beeinflußten in der Folgezeit zunehmend die ärztliche Praxis Hirschfelds. Besonders stark widmete er sich der Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten. Da seine Beobachtungen in Charlottenburg ergaben, daß "durchschnittlich jede zweite Kellnerin" infiziert sei, richtete er sein Augenmerk auf die "Animierkneipe'', die er für den hoben Verbreitungsgrad vor allem der Syphilis verantwortlich machte. "Der starke Alkoholgenuß, der mit dem Besuche solcher Lokale gewöhnlich verbunden zu sein pflegt", so argumentierte er, "erhöht diese Gefahr ganz außerordentlich durch die ihm folgende Sorglosigkeit, ganz abgesehen von den sexuellen Reizwirkungen des Alkohols". (Alkohol und Geschlechtsleben …, S. 14.) Um die Jahreswende 1904/05 wandte er sich anläßlich einer Ausstellung für Arbeiterwohlfahrt in Charlottenburg mit dem Vortrag "Alkohol und Geschlechtsleben" an die Öffentlichkeit. Er verlieh seinen Ausführungen eine durchaus politische Komponente, in dem er mit den Worten schloß: "Mehr und mehr ist man aber im Laufe des letzten Jahrzehnts dahinter gekommen, […] daß wenige innere Ursachen der Kampfeskraft und dem Kampfesmut der Arbeiter in ihrem Befreiungswerk so starken Abbruch tun wie der Alkohol" (Alkohol und Geschlechtsleben …, S. 11).

Sogenannte Skandale forderten die Öffentlichkeitsarbeit des Komitees heraus. Es nutzte die hohe Publizität der Betroffenen, um die "homosexuelle Frage" immer offener diskutieren zu können. Gegen Ende des Jahres 1902 waren beispielsweise Gerüchte aufgekommen, der deutsche "Kanonenkönig", Friedrich Alfred Krupp, sei homosexuell und führe in seiner Villa auf der Insel Capri ein ausschweifendes Leben. Mit dem Artikel Krupp auf Capri, den der Vorw,i'rts am 15. November 1902 veröffentlichte, brach der Skandal offen aus.

Homosexualität diente hier als Beweis für die Dekadenz und den zunehmenden moralischen Verfall der herrschenden Klasse. Obwohl sich die SPD, insbesondere


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durch den Abgeordneten Bebel, offen für die Interessen der Homosexuellen eingesetzt hatte, leistete sie hier der allgemeinen antihomosexuellen Propaganda Vorschub.

Noch am Tage des Erscheinens des Vorwärts stellte Krupp bei der Staatsanwaltschaft des Berliner Landgerichts I Strafantrag wegen Beleidigung. Die Nummer wurde umgehend beschlagnahmt. Jedoch am 22. November überraschte die Nachricht vom Tod Alfred Krupps. Es wurde gemutmaßt, er habe sich selbst getötet. Anläßlich der Trauerfeier in Essen sprach der Kaiser vor Mitgliedern des Direktoriums und Vertretern der Arbeiterschaft. Heftige Attacken gegen die Sozialdemokratie begleiteten seine Lobeshymnen auf den Großindustriellen.

Um die Affäre möglichst rasch beizulegen, ließ die Witwe das Verfahren gegen den Vorwärts einstellen. Die bürgerliche Presse reagierte, wie in den Mitteilungen des Wissenschaftlich-humanitären Komitees zu lesen war, mit Enttäuschung.

Hirschfeld selbst wertete die Ereignisse um den Industriellen als durchaus positiv für die Bewegung der Homosexuellen. Am 1. Dezember 1902 veröffentlichte das Komitee in der Welt am Sonntag eine Erklärung: "Anläßlieh des Falles Krupp ist in der Presse vielfach die Anschauung hervorgetreten, daß die Behauptung, jemand sei homosexuell, an sich eine schwere Beleidigung und Ehrenkränkung bedeute. Ohne die Frage hier zu erörtern, ob Alfred Krupp homosexuell gewesen sei oder nicht, erhebt das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee zu Berlin und Leipzig im Namen von 1500 ihm bekannten Homosexuellen, die in ihrem Charakter und sittlichem Verhalten genauso ehrenhaft sind, wie die normalsexuell Geborenen, gegen diese Auffassung energischen Widerspruch. Das fordert, daß aus wissenschaftlichen Forschungsgebieten die Konsequenzen der Humanität gezogen werden, damit die folgenschweren Verkennungen, denen schon so viele homosexuell Geborene zum Opfer gefallen sind, endlich ein Ende nehmen."

Deutlich ist diesen Worten der Ansatz Hirschfelds zu entnehmen, den langsamen Weg der wissenschaftlichen Forschung und Aufklärung zu gehen. Da aber die Reichstagssitzung vom 31. März 1905 hinsichtlich der Abschaffung des § 175 wiederum keinen Erfolg brachte, einige Redner sich sogar heftig dagegen aussprachen, mit der "Propaganda" des WhK belästigt zu werden, wurden Zweifel unter den Mitgliedern über die Vorgehensweise Hirschfelds laut. Die Mehrheit forderte, den eingeschlagenen Weg zu verlassen und sich selbst öffentlich homosexueller Handlungen zu bezichtigen. Hirschfeld lehnte ab.

 

"Schon seit Jahren zirkulieren in Italien Gerüchte, daß Capri, die schöne Insel im Golf von Neapel, ein wahres Sodom für gewisse Laster geworden sei […]. Leider ist in die Angelegenheit der Name eines deutschen Großindustriellen von bestem Klang, dessen enge Beziehungen zum Kaiserhof bekannt sind, aufs engste verwickelt."

(Augsburger Postzeitung vom 8. November 1902.)


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Abb. 119 Die Kontrahenten Hardens, Moltke und Gordon. Zeichnung 1907. Simplicissimus

Abb. 120 Maximilian Harden (1861 bis 1927; um 1903). Publizist

 

Heftigen Angriffen war Hirschfeld aufgrund seiner gutachterlichen Tätigkeit im Moltke-Harden-Prozeß ausgesetzt.

Maximilian Harden, Herausgeber der Zeitschrift Die Zukunft1 hatte engste Ratgeber des Kaisers abweichenden Sexualverhaltens bezichtigt. In seinem Sachverständigengutachten im Beleidigungsprozeß des Berliner Stadtkommandanten Kuno von Moltke gege.n Harden im Jahre 1907 vertrat Hirschfeld die These, die Homosexualität Moltkes sei eine unbewußte Veranlagung. Intention war, Moltke vor den Folgen des § 175 zu schützen, denn nur eine bewußt begangene Tat konnte unter Strafe gestellt werden. Der Protest entzündete sich vor allem an der Behauptung, "Homosexualität [sei] weder unehrenhaft noch krankhaft". (M. Hirschfeld, Leben …, S. 49.)

Satirische Zeitschriften veröffentlichten kurz danach Karikaturen, und selbst Otto Reutrer nahm den Vorfall zum Anlaß, Hirschfeld zum Gespött der Leute zu machen. Diese antihomosexuelle Stimmung fand gewissermaßen ihren Höhepunkt, als sich in der Reichstagssitzung vom 23. Januar 1908 die Peticionskommission für eine Verschärfung des § 175 einsetzte.


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Abb. 121 Karikatur zum Prozeß Moltke/Harden von E. Thoeny, 1907

 

Die Opposition im Komitee verstärkte sich, und es kam zur Abspaltung der "Seeession" Sie schloß sich der Gruppe um Benedict Friedländer an, die zusammen mit einem Leserkreis der Zeitschrift Der Eigene die "Gemeinschaft der Eigenen" gegründet hatte. Nicht der Weg durch die Instanzen und letztlich die Streichung des§. 175 waren ihr Ziel, sondern in Anlehnung an die Ideen Elisar von Kupfers die),Errichtung einer männlichen Kultur".

Das WhK war in der Zeit des Ersten Weltkriegs stark geschwächt. Die Mitgliedsbeiträge sanken, Sympathisierende hielten sich im Verborgenen. Hirschfeld selbst engagierte sich in der "Sozialistischen Ärztevereinigung'' und im "Bund Neues Vaterland",

Im Jahre 1910 verließ er Charlottenburg und eröffnete In den Zelten seine Praxis … In diese Zeit fällt auch der Beginn der Zusammenarbeit des WhK mit der Frauenbewegung. Im Jahr 1912 trat es der "Internationalen Vereinigung für Mutterschutz und Sexualreform" bei. Die Novemberrevolution brachte seiner Bewegung neuen Aufschwung, und Magnus Hirschfeld nahm mit seinem 1919 gegründeten ulnstitut für Sexualwissenschaft" den Kampf um Emanzipation der Homosexuellen wieder auf.


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Abb. 122 "Die Gemeinschaft der Eigenen. Eine Frau kann schon deshalb keine bedeutende Künstlerin werden) weil sie nicht gegen den § 175 des Strafgesetzbuches verstoßen kann!"

 

Literaturhinweis

Eldorado, Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1850-1950. Geschichte, Alltag und Kultur, Berlin 1984. Kurt Hiller, Leben gegen die Zeit (Eros), Hamburg 1973. Wolfgang R. Krabbe, Ge sellschajtsue rdn derung durch Lebensreform. Strukturmerkmale einer sozialreformerischen Bewegung im Deutschland der 1 ndustrialisierungspertode, Göttingen 1974. Kurt Hiller, Koepfe und Troepfe. Profile aus einem Vierteljahrhundert, Hamburg-Stuttgart 1950. Magnus Hirschfeld, Die Homosexualitat des Mannes und des Weibes, Berlin 198 4 (Nachdruck). Magnus Hirschfeld. Leben und Werk. Ausstellungskatalog, Berlin 1985. Ralf Seidel, Sexologie als positive Wissenschaft und sozialer Anspruch. Zur Sexualmorphologie von Magnus Hirschfeld, Diss, München 1969. Hermann Sievert, Das anormale Bestrafen. Homosexualität, Strafrecht und Schwulenbeuegung im Kaiserreich und in der Weimarer Republik) in: Ergebnisse. Zeitschrift für demokratische Geschichtswissenschaft) Nr. 24 (1984). Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, Jg. 1899 ff.


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Andreas Hoffmann: Die Luisenkirche / Gierkeplatz

 

 

Abb. 123 Schinkels Entwurf für die neue Luisenkirche, 1823

 

Baugeschichte

 

1708: Der Baumeister Philipp Gerlach erhält von König Friedrich I. den Auftrag zum Bau einer "Neuen Kirche aufm Berg", so die Bezeichnung in Eosanders Stadtplan für Charlottenburg. Der Berg wird teilweise abgetragen und zum Verfüllen der Karpfenteiche (heute: "Nasses Dreieck", Schloß-/Hebbelstraße) verwendet.

1712: Am 13. Juli erfolgt im Beisein des königlichen Hofes die Grundsteinlegung.

1713: Der neue König Friedrich Wilhelm I. kürzt die Bausumme und läßt den Architekten Martin Heinrich Böhme einen vereinfachten Entwurf ausarbeiten. Nach dem Vorbild des Baumeisters Martin Grünberg, der für seine geräumigen und schlichten Kirchen bekannt ist, entsteht der Bau über kreuzförmigem Grundriß, bestehend aus dreiachsigen Armen und einer durch einen Risalit betonten Mittelachse.

1716: Am 12. Juli findet die Einweihung der Kirche statt.

1733: Erneuerung des Kirchengestühls und Aufstellung einer Bank eigens für die Mitglieder des Charlottenburger Magistrats.

1738: Reparatur des Kirchturms, dessen Schwellen verfault und dessen äußere Verkleidung brüchig geworden waren. Die Kosten trägt zu einem Fünftel die Gemeinde und zu vier Fünfteln die königliche Kammer.

1780: Die Kirche erhält am 30. Juli eine Orgel aus der Werkstatt Grüneberg in Brandenburg.

1784: Der Turm, der sich nach Osten neigt, muß erneut repariert werden.

1814: Um beim Läuten ein Schwanken des Turmes zu verhindern, wird seine Spitze abgetragen.

1823: Nachdem König Friedrich Wilhelm III. die Finanzierung eines neuen Turmes, Daches, neuer Fenster und einer schöneren Kanzel übernommen hat, beginnt nach Plänen Karl Friedrich Schinkels der Umbau. Trotz mehrerer Petitionen der Charlottenburger Handwerksmeister erhalten Potsdamer Meister die Aufträge.

1826: Am 11. Juni wird die fertiggestellte Kirche unter dem Namen "LouisenKirche" eingeweiht. Der Turm ist aus Kostengründen niedriger ausgefallen, als von Schinkel in seinem ersten Entwurf (1821) geplant. Der östliche Kreuzarm ist durch Einziehung einer Wand vom Kirchenschiff abgetrennt. Der dadurch gewonnene Raum, durch eine


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Abb. 124 Blick über Charlottenburgs Wiesen auf die Kirche, 1884

 

Längswand in zwei Zimmer geteilt, nimmt die Sakristei auf.

1834: Die Gemeinde erhält zu Ostern ein vom Prinzen Heinrich von Preußen gestiftetes, von Franz Catel gemaltes Altarbild (194 3 verbrannt).

1878: Unter der Leitung von August Orth wird die Kirche innen und außen umfassend renoviert. Eine neue Orgel der Firma Sauer (Frankfurt/Oder) wird eingebaut.

1903 bis 1904: Die Kirche erhält einen neuen Innen- und Außenanstrich. An den Osteingang, durch den die Kaiserin eintritt, wird ein halbrunder Säulenvorbau angefügt. Zwei Anbauten am Turm dienen als Warteraum und Konfirmandensaal. Das Dach wird repariert, Innenbeleuchtung und Orgelantrieb werden auf Elektrizität umgestellt.

1939 bis 1940: Erneuerung des Daches und Wiederherstellung der Attika.

1943: Nach einem Luftangriff am 3./4. September brennt die Kirche aus. Am 26. November wird sie von einer Luftmine getroffen.

1950: Entgegen Abrißplänen des Magistrats läßt die Gemeinde ihre Kirche wieder aufbauen. Die Kosten in Höhe von 150.000 DM trägt sie, bis auf einen Senatszuschuß von 20.000 DM, allein. Die Bauleitung liegt bei Alfred Lagotz und Bodo Lehmann-Köhn. Die Innenraumgestaltung entwirft Hinnerk Scheper, die Fenster Peter Ludwig Kowalski und das Altarkreuz Gerhard Sehreiter. Hintereingang und Attika werden beseitigt, der Turm erhält ein Zeltdach.

1953: Am 20. Dezember wird die Kirche wieder eingeweiht.

1976 bis 1977: Die Kirche wird instandgesetzt, der Putz wird ausgebessert und die Fassade frisch gestrichen.


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Abb. 125 Ostchor der Linsenkirche im Jahre 1941 …

 

 

Abb. 126 … und im heutigen Zustand (Aufnahme 1985)


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Ereignisgeschichte

Den Lietzower Bauern genügte ihre alte Dorfkirche (heute: zeltförmiger Neubau auf dem Platz Alt-Lietzow). Ihr Pfarrer kam von Wilmersdorf her. Erst als sich neben dem Dorf die Stadt Charlottenburg auszudehnen begann, wurden eine größere Kirche und eigene Pfarrer nötig. Die beiden ersten Pfarrer predigten im Wohnhaus des Tischlers Bartsch und in der Remise des Rathauses.

 

Die erste Kirche in Charlottenburg

Der Bau der Pfarrkirche (heute: Luisenkirche) wurde aus Gebühren und Strafgeldern finanziert. Den ersten Betrag für den Bau des christlichen Gotteshauses mußte am 18. April 1708 ein Jude beisteuern, der hundert Taler für einen Hauskauf an den Fiskus zu entrichten hatte. Die nächsten Einzahlungen von zusammen 1400 Talern tätigten zu Gottes Lob ein Duellant und zwei weitere Sünder, die ihn am Duell nicht gehindert hatten. Während noch Geld gesammelt wurde, begann bereits der Bau. Die Finanzierung war im Oktober 1711 noch immer nicht gesichert.

Auch eine landesweite Kollekte, die Friedrich I. am 11. Oktober anordnete, erbrachte nicht den nötigen Betrag.

Erst der Rotstift seines sparsamen Sohnes und Nachfolgers Friedrich Wilhelm I. sicherte die Finanzierung. Er, der am 13. Juli 1712 die erste Kelle Kalk auf den Grundstein geworfen hatte, strich nach dem Tode seines Vaters die Baukosten um 4000 Taler auf 6073 Taler zusammen. Dadurch erhielt die Kirche statt eines hohen Turmes einen hölzernen Dachreiter zur Unterbringung der Glocke. Am 12. Juli 1716, einen Tag nach dem 59. Geburtstag des verstorbenen Königs, weihte der Propst der Friedrichwerderschen Kirche, Michael Roloffs, im Beisein des Hofes die Kirche ein. Er erreichte die Kanzel über eine "schlechte Leiter", wie der Verfasser der Teltographia, Johann Christoph Jeckel, berichtet, da der Innenraum der Kirche noch nicht fertig ausgestaltet war.

 

Lietzower und Charlottenburger, Lutheraner und Reformierte

Der Amtsbereich des Charlottenburger Pfarrers erstreckte sich auch über das Dorf Lietzow. Viermal jährlich predigte er in der Lietzower Dorfkirche, hielt die Fastenpredigten, nahm Trauungen und Taufen vor. Ansonsten mußten sich die Bauern - wenn auch widerwillig - am Sonntag in die Stadtkirche bemühen.

 

"Nachdem Wir zu Charlottenburg eine Stadt-Kirche zu bauen nicht nur perrnittirer, sondern auch zu solchem Behuf bereits etliche tausend Taler angewendet und über dem noch gewisse gefalle darzu destiniret und angewiesen, dessen ohngeachtet aber der Bau dennoch langsam von statten gehet; So haben Wir allgdst resol viret" daß für erwehnte Stadt-Kirche durch setzung der Becken für denen Kirchthüren in allen Unseren Landen eine Collecte forsamst gesammlet, und das colligirre Geld an Unseren Hof-Rach, Schmeil, eingesandt werden solle." (Befehl Friedrichs I. vom 24. Oktober 1711; zit. nach: W. Kraatz, Geschichte der Luisengemeinde …, S. 33.)


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Abb. 127 Johann Gonlieb Glume: Prospekt der Stade Charlottenburg, 1762; im Hintergrund die Kirche

 

Am 27. September 1718 regelte der König das Verhältnis von Lutheranern und Reformierten, abweichend von der schriftlichen Niederlegung im Grundstein, daß die Kirche "für immer abwechselnd dem Kultus beider protestantischer Bekenntnisse geweiht" sein solle (zit. nach: W. Kraatz, Geschichte der Luisengemeinde …, S. 35). Jedesmal, wenn der Pfarrer in der Lietzower Dorfkirche predigte, hielt der Lehrer den Gottesdienst für die Reformierten in der Stadtkirche. Der Lehrer weigerte sich jedoch 1777, weiterhin die Liturgie zu singen, das sei Sache des Pfarrers. Dieser erwiderte, er könne nicht gleichzeitig an zwei Orten singen. Fortan fand der Gottesdienst der Lutheraner an den vier Sonntagen, an denen die Reformierten morgens die Stadtkirche benutzten, abends statt.

Schließlich regelte Friedrich Wilhelm I. auch sein Verhältnis zur Gemeinde neu. Der Unkosten bei der Bestellung> Prüfung und Einsetzung der Pfarrer überdrüssig, verzichtete er am 23. Februar 1724 zugunsten des Charlottenburger Magistrats auf das Patronatsrecht. Trotzdem setzte er auch weiterhin die Pfarrer ein. Danach stritt er sich jedesmal mit dem Magistrat um die Kostenübernahme.


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Abb. 128 Johann August Eberhard (1739-1809), Kupferstich von Daniel Chodowiecki, 1778

 

Aberglaube und Aufklärung in Charlottenburg

 

Klarheit brachte erst ein Schreiben Friedrichs II. am 28. August 1750. Im selben Jahr führte der Charlottenburger Magistrat mit Johann Christoph Erdmann erstmals selbst einen Pfarrer ein. Er erwies sich gleich als Fehlgriff. Erdmanns Freund war der Berliner Wollfabrikant Johann Andreas Daniel Wegely. Seine Versuche, mit Hilfe einer noch zu entwickelnden Tinktur aus Kupfer Gold zu gewinnen, schlugen fehl. Erdmann, der mit dem geborgten Geld Charlottenburger Bürger finanziell an der Alchemie beteiligt war, blieb bis an sein Lebensende verschuldet. Unrühmlich verhielt er sich auch, als er am 10. Oktober 1760 seine Gemeinde im Stich ließ. Die im Verlauf des Siebenjährigen Krieges heranrückenden russischen und österreichischen Soldaten plünderten die Stadt und die Kirche und ließen sich vom Küster das Kirchensilber aushändigen. Jahre später konnten die Kirchengefäße nach einer Geldsammlung wieder angeschafft werden.

Die Wahl von Erdmanns Nachfolger nahm schismatische Züge an. Als aussichtsreichste Kandidaten bewarben sich der Prediger am Berliner Arbeitshaus Johann August Eberhard und der Pfarrer des Invalidenhauses Pleen. Eberhard war bei der Probepredigt am 25. April 1773, die nicht alle Anwesenden verstanden, schlecht bei Stimme. Es kam also auf die Wahl der Magistratsmitglieder an. Zwei von ihnen votierten am 12. Juni für Pleen, Bürgermeister Schommer und Proconsul Schumacher für Eberhard. Schommer erklärte, seine Stimme zähle doppelt, mithin sei Eberhard gewählt. Eberhard nahm die Wahl an. Die Parteigänger Pleens, eine Reihe Charlottenburger Bürger und Lützower Bauern, wandten sich dagegen an den König. Eberhard sei bei der Predigt schlechter zu verstehen gewesen und habe in seiner umstrittenen Schrift Die neue Apologie des Sokrates dem heidnischen Philosophen die Seligkeit nicht abgesprochen. Friedrich II. ließ die Angelegenheit durch einen Kommissar prüfen. Dieser empfahl die Bestätigung Eberhards. Der König riet dagegen der Gemeinde salomonisch, denjenigen zu wählen, "zu welchem sie das mehreste Vertrauen haben". Wiederum begann nun das Gezänk der Parteien. Pleens Anhänger äußerten sich vehementer. Des Streits müde, votierte Friedrich II. nun für Pleen, und Eberhard trat zurück. Am 12. August änderte der König jedoch seine Meinung, bestätigte Eberhard und introduzierte ihn - den Protesten der anderen Partei zum Trotz - am 26. Dezember.

Mit Eberhard erhielt die Gemeinde einen Philosophen als Pfarrer. Sein Pfarrhaus wurde zu einem Ort aufkläreri-

 

"Um einer Papstwahl kann solch Spektakel nicht sein als bei der Wahl eines Pfarrers in Charlottenburg." (Kommentar Friedrichs II.; zit. nach: W. Kraatz, Geschichte der Luisengemeinde …., S. 73.)


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Abb. 129 Johann Christian Gottfried Dressel (1751 bis 1824)

schen Denkens und Wirkens. Er verfaßte dort 1776 die Allgemeine Theorie des Denkens und Empfindens, für die er den Preis der. Berliner Akademie der Wissenschaften erhielt, und den zweiten Teil der Apologie des Sokrates. Darin trat er den Theologen entgegen, die meinten, selbst tugendhafte Heiden könnten nicht selig werden. Die Lehre von der Verdammnis und Seligsprechung der Menschen durch Gott, von Augustin aufgestellt, sei aus der Bibel nicht ableitbar und daher ein menschenfeindliches Vorurteil, das nicht auf Heiden angewendet werden könne.

Solche Gedanken brachten ihn in die Nähe der Berliner Aufklärer. Friedrich Nicolai, dessen Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Notbanker (erschienen in drei Bänden 1773-1776) zum großen Teil in Eberhards Pfarrhaus geschrieben worden sein soll, und Moses Mendelssohn gehörten zu den Freunden des Pfarrers. Sonntags unternahmen sie gelegen dich Spaziergänge zum Pfarrhaus.

 

Die Gemeindearbeit war für Eberhard dagegen zweitrangig. Auch seine Gattin Françoise, die "keinen Menschen eine Tasse Coffee reichte noch weniger Jemanden zu essen gab" (J. C. Dressel, Auf gezeichnete Nach richten …., S. 101), stellte nicht eben den Typ einer guten Pfarrfrau dar. 1778 folgte Eberhard einem Ruf als Professor der Philosophie nach Halle.

Zwischen Gott und Geld

In seltener Einmütigkeit nahmen die Charlottenburger ihren neuen Pfarrer auf, Johann Christian Gottfried Dressel aus Biesenthal. Eher den Realien als den Spiritualien zugetan, war er ein Kind seiner Zeit des aufkommenden Liberalismus und der Gewerbefreiheit. Dressel wurde zu seinem und seiner Gemeinde Nutz und Frommen geschäftlich aktiv. Aus den Mitteln der Gemeindekasse finanzierte er 1786 das erste Schulgebäude Charlottenburgs (heute: Landesstelle Berlin für die Suchtgefahren, Gierkezeile 39) und durch einen günstigen Grundstückstransfer seine Erweiterung. Den Bau des ersten Charlottenburger Krankenhauses in der Rosinenstraße (heute: Loschmidtstraße), aus Spenden finanziert, setzte er gegen die staatlichen Stellen durch. Am 26. März 1802 wurde es eingeweiht.

Dressel selbst lebte nicht vom Brot allein, sondern stimmte sich nach besonderen Einnahmen "bei Ausleerung von fünf Bouteillen Champagner, der an die Decke spritzte, sehrfroh" (aus Dressels Tagebuch; zit. nach: W.

 

"Ich schäme mich fast, es zu sagen, und es ist nichtsdestoweniger wahr, daß auch eine von den Ursachen, warum vermeint ward, Eberhard schicke sich nicht recht zu einem Prediger, in seinem beynahe täglichen Umgang mit Moses Mendelssohn gesucht ward, und besonders ward es anstößig gefunden, daß er oft mit dem jüdischen Philosophen über die Suaße ging."

(F. Nicolai, Gedächtnißschrift …, S. 23.)

"Und ich würde 17.000 Taler zugesetzt haben, wenn ich nicht 25 Jahre lang ohne Zucker Cichorien anstatt Caffee, meine Frau und Kinder Wasser getrunken und außer der Mahlzeit trocken Brot gegessen hätte […]"

(Brief Dressels an den Magistrat, 1822; zit. nach: W. Kraatz, Geschichte der Luisengemeinde …, S. 90.)


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Abb. 130 Ehemaliges Schulhaus am Gierkeplatz 1985

 

Gundlach, Geschichte der Stadt Charlottenburg …, Bd. 1, S. 237). Er konnte sich dies leisten, da er seine Einkünfte aus der Pfründe (1779: 591 Taler) durch gewerbliche Unternehmungen vermehrte. Er erbaute auf seinem Pfarrgrundstück ein Ferienhaus, das er zunächst an Sommergäste vermietete, dann veräußerte und in den Kriegszeiten billig mit Gewinn zurückkaufte.

Schwankend verhielt sich Dressel während der Franzosenzeir. Einerseits feierte er, ob gezwungen oder aus Sympathie, am 15. August 1807 mit einem Festgottesdienst den Geburtstag Napoleons und stimmte selbst das Tedeum an. Andererseits ließ er seinen Küster am 3. August 1808, dem Geburtstag Friedrich Wilhelms III" nachts in der Kirche alle Register ziehen: Der Choral "Sei Lob und Ehr" zog die Charlottenburger an und ließ sie spontan mitsingen. Nach der zweiten Strophe von "Nun danket alle Gott" brach Dressel die patriotische Kundgebung aus Angst vor französischem Einschreiten ab.

Am 3. August 1809 wurden in der festlich geschmückten Stadtkirche die erstmals nach der Steinsehen Städteordnung gewählten 36 Stadtverordneten feierlich vereidigt. Weiß gekleidete Jungfrauen mit Eichenlaubgebinden auf dem Kopf streuten den Gewählten Blumen. Choräle umrahmten die Eideshandlung. Abends schlossen ein


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Abb. 131 Königin Luise (1776 bis 1810), Gemälde von Gerhard von Kugelgen, 1816

Abb. 132 König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840), Gemälde von Franz Krüger, 1836

 

Ball und eine Stadtillumination die Feierlichkeiten ab. So kamen neben den 119 Wahlberechtigten auch die übrigen 3800 Bewohner Charlottenburgs wenigstens kurz in den Genuß der neuen Städteordnung.

Vier Jahre später wurde Dressel zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt. Er nahm die Wahl an trotz der Schwierigkeiten, sich vor dem Konsistorium zu rechtfertigen. Verlegen schrieb er, was "mich amüsierte nach meiner Wahl zum Vorsteher: was doch der Himmel alles aus einem Menschen machen kann". (Brief Dressels an das Konsistorium, 30. September 1813.) Dressel starb 1824.

Am 11. Juni 1826 nahm der König an der Einweihungsfeier der neuen "Louisen-Kirche" teil. Sie sollte mit ihrem Namen an die 1810 verstorbene Königin erinnern. Die Honoratioren versammelten sich im Anschluß an den Gottesdienst zu einem Festmahl; die Armen erhielten ein königliches Gnadengeschenk von 300 Talern.

 

Verständigung unter den Konfessionen

Reformierte und Lutheraner fanden am 18. Juni 1830, eine Woche vor der Feier des 300. Jahrestags der Augsburger Konfession, zusammen. Schon 1817, bei der Einführung der Union in Preußen, hatten sie den 300. Jahrestag der Reformation mit einem gemeinsamen Abendmahl in der Stadtkirche gefeiert. Die jetzige Einigung ging weiter. Sie regelte die Unterhaltsleistungen für die Armen und Legatsempfänger unter den Reformierten und ließ es zu, daß deren Prediger in seiner Gemeinde weiterhin Amtshandlungen vornahm. Der lutherische Pfarrer vertrat die Gemeinde von jetzt ab jedoch nach außen, und die Gottesdienste fanden gemeinsam statt.

In diesem Zeichen stand auch die Feier der Augsburger Konfession am 45. Juni" In feierlichem Zug begaben sich der Magistrat, die Stadtverordneten und Militärangehörige vom Rathaus zur Luisenkirche. Vom Turm erschallten Choräle. Einer Predigt für die Kinder am folgenden Sonntag, dem 27. Juni, wohnte der König bei.

Im gleichen Stil feierten die Charlottenburger am 1. November 1839 den 300. Jahrestag der Einführung der Reformation in der Mark Brandenburg. Vom Rathaus her näherten sich der Zug der Honoratioren und von der Tonwarenfabrik March (heute: TU-Nordgelände) ein Zug von Arbeitern, angeführt von ihrem Prinzipal. Nach dem Gottesdienst spendierte er seiner Belegschaft ein Festmahl.

Im Jahre 1848 erhielt auch die katholische Gemeinde Charlottenburgs Zurri tt zur Luisenkirche. Sie hatte seit

 

"Wenn man es erlaubt hat, daß Prediger Rittmeisters, Hauptleute u. Lieutenants haben beym Landsturm werden konnten, welche Postens doch zum Prediger Stande wie die Faust aufs Auge passen, so denke ich wird auch die Geistl, u. Schul Deputation es nicht für unschicklich halten, wenn ein Prediger auch in weid. und dabey anständiger Sache seiner Gemeine nützlich werden will." (Brief Dressels an den Oberkonsisrorialrat Haustein, 30. 9. 1813.)


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Abb. 133 Die Luisenkirche von Südwesten. Kupferseid, von F. A. Calau) 1842

 

Weihnachten 1846 die Lietzower Kirche benutzt, die jedoch zwei Jahre später umgebaut wurde. Die Katholiken wechselten in die Sakristei der Luisenkirche über, wo sie bis Mitte 1851 ihre Messen feierten. Sie zogen dann in ein Privatquartier um und weihten 1855 eine Kapelle in Lietzow Nr. 10 (heute: Herz-Jesu-Kirche).

 

Entwicklung zur modernen Gemeinde

Mit dem Wachstum Charlottenburgs mehrten sich die Aufgaben für die Pfarrer der Luisengemeinde. Im Jahre 1892 kümmerten sich vier Pfarrer um 70.000 Gemeindemitglieder. Sie unterrichteten zusammen 1.120 Konfirmanden in zwanzig Klassen. Durchschnittlich wurden pro Jahr etwa 2.000 Taufen vorgenommen, etwa 25 davon bei unehelichen Kindern, die wie die ehelich Geborenen behandelt wurden. Anders dagegen das Verfahren bei Eheschließungen: "… bei gefallenen Bräuten fällt beim Aufgebot das Prädikat 'Jungfrau' weg." (Statistische Notizen zur Kirchenvisitation, 6.11.1889.) 750 Gottesdienstbesucher drängten sich sonntags in der Kirche.

"Speziell auf die hiesigen kirchlichen Verhältnisse eingehend bemerkte nun der Herr Superintendent, daß das schöne Gotteshaus, die Luisenkirche, mit der herrlichen Orgel selbst schon eine Predigt sei!' (Visitationsprorokoll vom 18.11.1889.)


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Abb. 134 Anzeige in "Neues Intelligenzblatt", 10. Dezember 1886

 

 

Abb. 135 Walter Richter-Reichhelm (1873-1958)

 

Mehrfach wurden neue Pfarrstellen geschaffen. Schließlich mußte das Konsistorium Tochtergemeinden einrichten. Im Westen Charlottenburgs entstand im April 1896 die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnisgemeinde, im Süden Ende 1898 die Trinitatisgemeinde, im Osten 1906 die Epiphaniengemeinde und im Norden 1915 die heutige Gustav-Adolf-Gemeinde. Ihnen kam zugute, daß die Luisengemeinde "materiell so gestellt [war], ihre Bedürfnisse und Wünsche zur Ausführung bringen zu können". (Visitationsprorokoll, 8.9.1884.) Nacheinander veräußerte die Gemeinde bis 1912 ihre Ländereien. Die Stadt Charlottenburg löste Leistungen, die zur Pfründe der Pfarrer gehört hatten, wie das Fischgeld und das Holzrecht, durch einmalige Geldzahlungen ab.

 

Positiv oder liberal?

Kennzeichnend für viele Gemeinden der preußischen Landeskirche um die Jahrhundertwende war die Spaltung in einen unbeirrt Bibel und Bekenntnis bejahenden "positiven" Flügel und die "liberale" Fraktion, deren Mitglieder auf der Grundlage einer freien, religionsgeschichtlich ausgerichteten Theologie Zweifel an den Bekenntnisgrundlagen äußerten. Seit 1886 gab es an der Luisengemeinde fast keine Pfarrerwahl, die nicht von einer der beiden Richtungen angefochten wurde.

Besonderes Aufsehen erregte der Streit um die Oberpfarrstelle von 1918/19. Als neuen Oberpfarrer wählte der mehrheitlich liberale Gemeindekirchenrat (GKR) 1918 zweimal Rudolf Rhede, der seit 1907 als Pfarrer an der Luisengemeinde tätig war. Das Konsistorium lehnte den liberalen Mann mit der Begründung ab, er habe für seine Wahl geworben, und setzte den ehemaligen Potsdamer Hof- und Garnisonprediger Walter Richter ein. Die liberalen GKR-Mitglieder blieben Richters Amtseinführung in der Luisenkirche am 12. Oktober 1919 fern und ver-


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Abb. 136 Pfarrhaus, August 1931. Heute steht an dieser Stelle das Gemeindehaus

 

sammelten sich demonstrativ zu einem gleichzeitigen Gegen-Gottesdienst Rhodes in der Lietzower Kirche. Vier Tage später kam es auf einem Diskussionsabend in der Aula des Kaiserin-Augusta-Gymnasiums (heute: Ludwig-Cauer-Grundschule) zu erregten Auseinandersetzungen der religiösen Gruppen. "Die [liberalen] Herrschaften benahmen sich schlimmer als man es Spartakisten und Bolschewisten zumuten könnte", verglich die rechtsorientierte Charlottenburger Abendpost am 18. Oktober das Treffen mit den Tagesereignissen in Berlin. Kommentar der liberalen Neuen Zeit vom selben Tag: "Etwas lärmend ging es zu. Verständlich." Richter setzte sich in der Gemeinde nur langsam durch.

 

Bekennende Kirche und Deutsche Christen

Unter "positiv" verstanden die Nationalsozialisten im kirchlichen Leben das Eintreten gegen "den jüdisch-materialistischen Geist in und außer uns" und die "dauernde Genesung unseres Volkes […] von innen heraus auf der Grundlage: Gemeinnutz vor Eigennutz" (Parteiprogramm der NSDAP, 24.2.1920). Diese Fraktion, die "Deutschen Christen", erhielt bei den Wahlen am 16. Juli 1933 vierzehn Sitze, die aus den ehemaligen Positiven hervorgegangene Liste "Evangelium und Kirche" vier Sitze im Gemeindekirchenrat. Ähnlich wie bei den politischen Wahlkämpfen spielte auch bei den GKR-Wahlen Terror eine Rolle. Einer von denen, die ihn zu spüren bekamen, war der altpositive Pfarrer Paul Luckan, für den "das Schlimmste zu befürchten steht, wenn er den Wochenendgottesdienst [vor dem Wahltag Jabhält. Wir können unsere SA-Leute nicht mehr zurückhalten und können nur warnen." (GKR-Mitglied Fritz Scherif an das Konsistorium, 13.7.1933.) Luckan predigte nicht.

Auch Oberpfarrer Richter-Reichhelm (früher: Richter) geriet wiederholt ins Schußfeld der Deutschen Christen. Ihr Parteigänger Pfarrer Walter Hoff beleidigte ihn öffentlich in einer Wahlrede auf dem Wilhelmplatz (heute: Richard-Wagner-Platz). Gestützt von den alten Kameraden des Regiments Königin-Elisabeth, dessen Garnisonskirche die Luisenkirche gewesen war, zog der ehemalige Potsdamer Garnisonprediger sein Gesuch um vorzeitige Pensionierung zurück. Zwei Jahre später mußte er sich dafür rechtfertigen, daß er einen in HJ-Uniform angetretenen Konfirmanden mit dem Spruch: "Der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz"


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Gott nur "u.a.", vor allem aber dem "Führer" dienen, dies war die neue Qualität im politisch-theologischen Parteienhader. Die offene Auseinandersetzung wich Bespitzelungen, Denunziationen und Verleumdungen. Ihr Opfer war Paul-Friedrich Klingenberg. Im November 1933 wurde er als Mitglied der Deutschen Christen, der SA und des Reichsbunds der Kinderreichen ins Pfarramt der Luisengemeinde gewählt. Als ein halbes Jahr später die Barmer Bekenntnissynode die falschen Lehren der Deutschen Christen verwarf, schloß sich auch Klingenberg der Bekennenden Kirche an. Mutig nannte er die Inhaftierung seiner Glaubens- und Amtsbrüder in den Konzentrationslagern beim Namen und wies den Küster an, beim Vaterunser des Ostermontags-Gottesdienstes 1935 nur eine Glocke zu läuten. Statt wie üblich unter dem Glockengeläut die Luisenkirche zu verlassen, ähnelte die Schar der Gottesdienstbesucher beim Anschlagen der einsamen Glocke eher einer Trauergesellschaft. Seine Gottesdienste waren überfüllt; Klingenberg gab die Zahl der Besucher selbst mit durchschnittlich neunhundert an. Die Kollekte, die er persönlich am Ausgang und später versteckt in der Sakristei einsammelte, ging an die Bekennende Kirche. Klingenberg, der sich nicht an die Weisungen des Konsistoriums, sondern nur an die des Bruderrats der Bekennenden Kirche gebunden fühlte, wurde dennoch vom Superintendenten Raack gestützt. Das Konsistorium trat ebenfalls dem GKR entgegen, der Klingenbergs Versetzung forderte: "Wir haben den Eindruck, daß zuweilen nach neuen Beschwerdegründen gesucht worden ist. (Anweisung an den Hilfskirchendiener Wilke, Klingenbergs Abkündigungen zu überwachen und zu melden)." (Brief vom 28. 3. 1939.) Die Stellung des Pfarrers, gegen den auch die Gestapo ermittelte, wurde erst unhaltbar, als ein neuer Superintendent für die Luisengemeinde eingesetzt und Hermann Stahn geschäftsführender Pfarrer wurde. Klingenberg entging der Verhaftung durch seinen Fronteinsatz als Feldprediger seit 1940. Er kam nach dem Krieg nicht mehr nach Charlottenburg zurück. Stahn schied 1947 aus dem Dienst, nachdem ein Ermittlungsverfahren wegen seiner Haltung im Kirchenkampf anhängig gemacht worden war.

 

"Nimm auch unter Deinen besonderen Schurz die, die Dein Wort heut nicht verkünden können und die verwaisten Gemeinden, denen heute Dein Wort nicht verkündet: werden kann. Du kannst frei machen." (Fürbitte Pfarrer Klingenbergs am Palmsonntag, 14. 4. 1935; zit. nach: Brief des GKR-Mitglieds Eugen Fabricius an die Gestapo, 6.5.1935.)

"Vor Beginn des eigentlichen Gottesdienstes nach den Abkündigungen kam ein Gebet für die im Konzentrationslager. […] In der Predigt selbst: Wenn man mich [Klingenberg] fragt, warum wir eigentlich Krieg führen, muß ich antworten:

Nach dem Weltkrieg sind wir verändert wiedergekommen; wir werden auch nach diesem Krieg verändert wiederkommen. […] Was er dann vom Heldentod der Soldaten sagte, zeigte die ganz persönliche, gemeine, niedrige Gesinnung dieses Menschen: Ich weiß nicht, ob der Tod des Soldaten so viel wert ist, daß er an der Wahrheit Gottes vorbeikommt. Er wird doch in das Gericht Gottes kommen."

(Brief der Gottesdienstbesucherin Lotte Bochar an ihren Sohn am Heldengedenktag, 10. 3. 1940.)

(Psalm 46,8) eingesegnet hatte. Der Name des Juden Jakob hatte die Eltern und Freunde des Konfirmanden, die "für die Durchführung des Arierprinzips kämpfen und gewillt sind, das Letzte herzugeben, um so u. a. unserem Führer dienen zu können", in Erregung versetzt. (Brief Robert Teskes an den Gemeindegruppenleiter Paul Lüdecke, 3.4.1935.)


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Abb. 137 Die zerstörte Kirche vor dem Wiederaufbau

 

Die Nachkriegszeit

Die Kirche zerstört, Gemeindemitglieder gefallen, gefangen, gestorben oder ausgebombt. Erst langsam ging vom Gemeindehaus neues Leben aus. Dort befand sich eine Wohlfahrtsküche, bezog der Stadtsynodalverband Räume, und die Gustav-Adolf-Gemeinde konnte dort Gottesdienste abhalten.

Am 4. Advent 1950 fand sich auf einem Hamburger Schrottplatz eine der alten Glocken an, die nicht mehr als kriegswichtiger Rohstoff eingeschmolzen worden war. Sie läutete am Heiligen Abend 1950 vom notdürftig reparierten Turm einen neuen, ruhigeren Zeitabschnitt im Gemeindeleben von Luisen ein. Drei Jahre später, am 4. Advent 1953, wurde die neue Kirche eingeweiht. Die Gemeinde hatte ihre Kirche unter großem finanziellen Einsatz vor dem Abriß bewahrt. Als eine der wenigen selbständigen Gemeinden Berlins ha tte sie den größeren Teil der Instandsetzungskosten selbst aufgebracht. Bis heute


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Abb. 138 Fast verschrottet - die alte Bronzeglocke, 1953

 

 

Abb. 139 Gottesdienst modern: Rockmesse Anfang März 1986

 

ist die Luisengemeinde nicht Mitglied des Stadtsynodalverbands, sondern kann alle anfallenden Kosten der Gemeindearbeit durch die Einnahmen aus ihren weitläufigen Friedhof sanlagen decken. Die Arbeit der etwa 15.000 Seelen zählenden Gemeinde mit ihren vier Pfarrern widmet sich überwiegend der Altenbetreuung und den verschiedenen Arbeitskreisen. Die Gemeinde ist überaltert. Jüngere Mitglieder engagieren sich im Kreis junger Mütter oder bei der Veranstaltung von Jugendgottesdiensten ("Rockmessen"), an denen bis zu 500 Besucher teilnehmen. Jugendliche aus den drei Kreisen der Jungen Gemeinde nehmen teil an Basaren und Bibelabenden. Ob die Jugendarbeit dauernden Erfolg zeitigen wird, wird sich herausstellen. Die Luisengemeinde teilt insoweit die sorgenvolle Zukunft der evangelischen Kirche in Deutschland.


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Abb. 140 Glänzender Mittelpunkt, umringt von Teilruinen. Die Luisenkirche im Jahre 1953

 

Literaturhinweis

Johann Christian Dressel, Aufgezeichnete Nachrichten vom Urprunge, Anbau und Vergrößerung des Königlichen Schlosses und der Stadt Charlottenburg, Charlottenburg 1816. Klaus Eckelt, Aus der Geschichte der Charlottenburger Luisenkirche und ihrer Gemeinde, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, 73 (1977), S. 281-290. Lüder Gäbe, Johann August Eberhard, in: Neue Deutsche Biographie (NDB), 5 (1959), S. 240-241. Wilhelm Gundlach, Geschichte der Stadt Charlottenburg, 2 Bde, Berlin 1905. Wilhelm Kraatz, Geschichte der Luisengemeinde zu Charlottenburg, Charlottenburg 1916. Luisenkirche 1716-1966, hrsg. vom Gemeindekirchenrat, Berlin 1966. Horst Möller, Aufklärung in Preußen. Der Verleger) Publizist und Geschichtsschreiber Friedrich Nicolai (= Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 15), Berlin 1974, S. 178-183. Friedrich Nicolai, Gedächtnißschrift auf Johann August Eberhard, Berlin 1810. A. Richter, Johann August Eberhard, in: Allgemeine Deutsche Biographie (ADE), 5 (1877), S. 569-571 Henrik Hülsbergen, Die Tagebücher und Chroniken des Pfarrers Johann Christian Gottfried Dressel, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, 81 (1985), S. 298-303.


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Marie-Luise Kreuter: Der rote Kiez. "Kleiner Wedding" und Zillestraße

 

Entstehungsgeschichte, äußeres Stadtbild, Wohnsituation

 

 

Abb. 141 Die Bebauung Charlottenburgs nach dem Plan Eosander von Göthes und das Dorf Lützow

 

Die heutige Zillestraße entstand im Zuge der Ausdehnung der Stadt Charlottenburg durch die Eingliederung des Dorfes Lützow (1719) unter Friedrich Wilhelm I. Nach einem Plan Johann Friedrich Eosanders von Göthe wurde das Gebiet östlich der Schloßstraße als Bau- und Ackerland erschlossen. Die Wallstraße (auch Circumwallationslinie, heute: Zillestraße) markierte die südliche Grenze des erweiterten Stadtgebietes. Zur Verhinderung von "Defraudationes" (Unterschlagungen) bei der Erhebung der Akzise, einer Verbrauchssteuer auf alle in die Stadt eingeführten Waren, ersetzte sie zusammen mit der Rosinenstraße (heute: Loschmidtstraße) die fehlende Stadtmauer.

Nach einem genauen Bebauungsplan unter der Federführung eines Major Gerlach vergab der König Haus-, Acker- und Wiesenstellen. Die königlichen Beamten achteten bei der Zuteilung der Siedlungsplätze darauf, daß vor allem Handwerker und nicht Tagelöhner mit Grundstücken bedacht wurden beziehungsweise, daß bereits im Gebiet Ansässige, von denen bekannt war, daß sie die "Wohlhabendsten" und "Strebsamsten" waren, zu ihren alten Stellen Land hinzubekamen. Neue Siedler erhielten zunächst nur Haus-, keine Ackerstellen, was zu "heftigen Mißstimmungen" führte, wie der Chronist Ferdinand Schultz zu berichten weiß. Der "grobkörnige Menschenschlag" machte seinem Unmut in

 

 […] Alß ist von vorgedachten Martin Miller eine Bau-Stelle in der außwendigen Linie, im Hereinfahren in die Stadt von Berlin zwischen Johan Conrad Napell undt Menin Nete, Einem Bauer auß Teltow so wie Ihm solche durchs Looß zugefallen, abgemeßen und angewiesen worden, […] wobey Ihm zugleich bekandt gemacht, daß Er sich wegen Aecker und Wiesen zu dieser Stelle keine Hoffnung zu machen hätte, es sey dan, daß Se. Königliche Majestät Ihm hinkünftig darzu etwas walten allergnädigst anweisen lassen, auf welchen Conditionen Er auch diese Baustelle angewiesen und angenommen und dabey bedeutet worden, daß so fern Er diesen Vorstehenden Conditionen in allen nicht nach kähme, Er so woll die Stelle, alß alle darauf verwandten Kosten verlustig gehen solte.

Berlin den 11 ten Oct. Anni 1719. … (Aus einem Patent zum Hausbau in der Wallstraße, zit. nach: F. Schultz, Chronik der Residenzstadt …., S. 308 f.)


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Abb. 142 Wallstraße um 1805

 

Zornesausbrüchen gegenüber den königlichen Räten Luft.

Die neu erbauten Wohnhäuser waren klein, meist mit Stroh bedeckt und hatten hölzerne Schornsteine. Wegen der Brandgefahr mußten in jedem Haus ein lederner Feuereimer und eine Handspritze vorhanden sein. Die Straße selbst war ungepflastert und verfügte nicht über Abflußrinnen. Niederschläge und die aus den Häusern geschütteten Abwässer standen bis zur Austrocknung in den Vertiefungen der Straße. 1827 ließ der Magistrat Abflußrinnen anlegen, 1842 erhielt die Wallstraße als erste Straße im Bebauungskomplex eine Pflasterung, sechs Fuß breit an jeder Straßenseite, in der Mitte wurde lediglich chaussiert.

Durch die Ansiedlung von zahlreichen mittleren und einigen großen Betrieben der Textil-, chemischen und Elektroindustrie, der Metallverarbeitung und des Maschinenbaus im Verlauf der Industrialisierung entwickelten sich die Wall- und die anliegenden Straßen sowie das Gebiet westlich der Schloßstraße vor allem zwischen Berliner Straße (heute: Otto-Suhr-Allee) und Bismarckstraße zu einem vorwiegend von Arbeitern bewohnten Stadtteil, durchsetzt von kleinen Gewerbetreibenden und wenigen Straßenzügen (zum Beispiel Schloßstraße, Friedrich-Karl-Platz, heute: Klausenerplatz), in denen Geschäftsleute und Beamte in herrschaftlichen Häusern wohnten. Die zwischen 1871 und 1910 weit über dem Durchschnitt anderer Großstädte liegende Bevölkerungsexplosion in Charlottenburg (von 20.000 auf 306.000) führte in der "Inneren Stadt" und vor allem im "Schloßviertel" zu einer extrem hohen Wohndichte. Auf der Grundlage eines Bebauungsplanes, der im Auftrage des Polizeipräsidiums von dem Stadtplaner James Hobrecht um 1860 für Berlin und Umgebung entwickelt worden war, wurden Mietskasernen errichtet. Ein großer Teil der Bevölkerung lebte auf engstem Raum, viele in Einzimmerwohnungen. Um die Miete aufbringen zu können, vermieteten Familien Betten an sogenannte Schlafbur-


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Abb. 143 Wilhelmplatz um 1800

 

 

Abb. 144 Wilhelmplatz 1904


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Abb. 145 Blick auf das Haus Wallstraße 5 zwischen Berliner Straße und Straßenknick 1928

 

schen, die keine eigene Wohnung hatten. Die Zahl der Erkrankungen, die Kindersterblichkeit sowie die allgemeine Sterblichkeit waren besonders groß. Die Sterbeziffern lagen in den oben genannten Stadtteilen 1905 mehr als doppelt so hoch als am Kurfürstendamm. Ende der zwanziger Jahre hatte sich die soziale Struktur des Wohngebietes verfestigt.

Jan Petersen beschreibt in seinem Buch Unsere Straße die Wallstraße 1933 als eine lange, graue Schlucht von engen Häuserreihen. Vereinzelt standen ein- und zweistöckige Häuser mit verwitterten und bemoosten Dächern aus der Gründungszeit Charlottenburgs zwischen den Mietskasernen. Ein Teil der Bewohner hauste in niedrigen Holzhäusern, in Notstandsbaracken, die zu einer 'Dauerlösung' geworden waren. Am Knick der Straße waren ein großer Gerümpelplatz, dicht daneben das Charlottenburger Elektrizitätsumspannwerk, ein Gebäude aus rotem Backstein, das heute noch steht. An einem frei stehenden Giebel stand in großen Buchstaben: "Antifaschisten! Wählt Liste drei. KPD. Rot Front!"


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Ereignisgeschichte

 

Die sozialen Verhältnisse waren nicht ohne Wirkung auf die politische Orientierung der Bevölkerung geblieben. Westlich der Schloßstraße lag der "Kleine Wedding" mit dem von Sozialdemokraten, vor allem aber von kommunistischen Arbeitern und ihren Familien bewohnten Straßen: Potsdamer (heute: Seelingstraße), Danckelmann- und Nehringstraße. Revierbeamte trugen hier laut Dienstanweisung die Pistole in der Manteltasche, um im Notfall unauffälliger nach der Waffe greifen zu können. Die Wallstraße galt als besondere Hochburg der KPD, vorwiegend im Bereich zwischen der Spreestraße (heute: Richard-Wagner-Straße) und der Berliner Straße. Das Verhältnis von Polizei und Kommunisten - das Gebiet war häufig Schauplatz von Demonstrationen - war sehr gespannt. Tote und Verletzte hatte es in Berlin auf beiden Seiten gegeben. Die Probleme verschärften sich, als es 1925/26 zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der Nationalsozialisten, des Stahlhelms und des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold sowie der KPD kam. Die hierbei sicherlich persönlich oft überforderten Polizisten trugen durch unüberlegtes und hartes beziehungsweise unterschiedliches Vorgehen gegen 'Links' und 'Rechts' zur Verschärfung der Auseinandersetzungen bei. Auf einer kommunistischen Protestkundgebung auf dem Wilhelmplatz (heute: Richard-Wagner-Platz) am 22. März 1927 wegen eines tags zuvor verübten Überfalls von 600 bis 700 SA-Männern auf 23 Kommunisten in Lichterfelde-Ost erschoß ein Polizist bei einem Handgemenge einen Demonstranten. Während die Demonstranten zwischen Straßenbahnen und Autos Deckung suchten, vergrößerte die Polizei die Panik durch weitere Schüsse.

Am 26. Mai 1928 versuchte die Polizei einen Demonstrationszug anläßlich des Pfingsttreffens des Rotfrontkämpferbundes (RFB) in der Bismarckstraße aufzuhalten, um die Kreuzung Krumme Straße für den Verkehr freizumachen. Als die hierdurch vom Zug getrennte Marschkapelle den Anschluß an die übrigen Demonstrationsteilnehmer wiedergewinnen wollte, griff die Polizei ein. Der Sturz eines Polizisten gab wahrscheinlich den Anlaß für den Schießbefehl. Der Charlottenburger Rotfrontkämpfer Oskar Owege wurde durch einen Schuß tödlich getroffen. Laut Polizeibericht erlitten ferner drei Beamte und fünf weitere Personen Verletzungen, darunter auch ein Kind. In den Augen der Polizeiführung handelten die Beamten in Notwehr, da Demonstranten mit "Musikin-

 

"Bei Unruhen und Demonstrationen wurden in den meisten Fällen Polizisten aus anderen Bezirken eingesetzt, da die aus dem Kiez kommenden Polizisten die Bewohner zu gut kannten und nicht auf die überwiegend in SPD und KPD organisierten Arbeiter eingeschlagen hatten."

(Spurensicherung des Widerstands …, S. 22.)

"Die in dem Polizeibericht angekündigte Untersuchung wird hoffentlich auch über eine Reihe von Punkten Klarheit schaffen, die nach den bisher vorliegenden, teilweise einander stark widersprechenden Augenzeugen-Berichten noch keineswegs als geklärt gelten können.

 […]

Das endgültige Urteil wird man von den Ergebnissen der weiteren Nachprüfung abhängig machen müssen. Man darf zu der Leitung der Polizei das Vertrauen haben, daß sie etwaige Fehlgriffe nicht entschuldigen wird, gerade wenn sie unberechtigten Angriffen mit Autorität entgegen treten will."

(Vossische Zeitung vom 29. Mai 1928.)


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Abb. 146

 

strumenten und anderen gefährlichen Gegenständen" (Vossische Zeitung vom 29.5.1928) auf die Beamten eingeschlagen hatten. Die KPD sprach von einer "Blutigen Provokation der Zörgiebel-Polizei" und machte grundlos prügelnde und "blindlings darauflos"-schießende Polizisten für die Vorgänge verantwortlich (Rote Fahne vom 27.5.1928). Nach den Vorfällen setzten sich KPDFunktionäre mit der Polizei in Verbindung, um Lösungen für Verkehrsprobleme bei Demonstrationen zu finden. Die Partei bemühte sich, keinen Vorwand für das angestrebte Verbot des RFB zu liefern.

Die Auseinandersetzungen im Charlottenburger Kiez eskalierten in dem Maße, wie die SA Zulauf bekam und versuchte, der von ihr so titulierten "Kommune" zu zeigen, wer das Sagen auf und in den Straßen hatte. Martialische Lieder skandierend, mit dem Schlachtruf: "Die rote Front, schlagt sie zu Brei! SA marschiert, Achtung - die Straße frei!" zog die SA vornehmlich in den Abendstun-

 

"Einmal versuchten die Nazis - der "Sturm 33' war wieder beteiligt - das Lokal Werner in der Wallstraße zu stürmen und kaputtzuschlagen, so wie sie das wiederholt in anderen Bezirken getan hatten. Das Lokal war an diesem Abend gut besucht, der RFB hielt gerade seine Versammlung ab. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt bereits aus der Partei ausgeschlossen war, befand ich mich im Lokal. Ich hielt mich öfter dort auf um zu diskutieren. Gerade dort hatten wir sehr viele Genossen, die mit uns sympathisierten. Die Nazis griffen von zwei Seiten an, von der Berliner Straße und der Weimarer Straße. Es entwickelte sich eine regelrechte Schlacht. Die Wallstraße war eine reine Arbeiterstraße. Immer mehr Arbeiter erschienen aus ihren Wohnungen, um uns zur Hilfe zu kommen. Der Schrottplatz in der Nähe des Lokals diente den Arbeitern als Waffenarsenal. Gemeinsam schlugen wir die Faschisten in die Flucht. Bald erschienen auch Mitglieder des Arbeiter-Samariterbundes, die unsere Verletzten behandelten.

(O. Hippe, … und unsere Fahn' ist rot …, S. 117f.)


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den durch die Arbeiterstraßen, wo die Antwort der in Häuserschutzstaffeln organisierten Kommunisten oft nicht lange auf sich warten ließ. Die Charlottenburger Häuserschutzstaffel wurde von Richard Hüttig aus der Potsdamer Straße geführt. Über die Organisation der Häuserschutzstaffeln bestand ein enger Kontakt zwischen den Bewohnern im "Kleinen Wedding" und denen der Wallstraße. Im Falle von Konfrontationen mit der SA kamen die Staffeln einander zu Hilfe. Auch Frauen waren in den Häuserschutzstaffeln organisiert. In der Nehringstraße trafen sich Frauen der Umgebung regelmäßig in einem Lokal. Sie strickten für besonders bedürftige Familien, unterstützten Frauen, deren Männer im Gefängnis waren, verteilten Flugblätter und verkauften Zeitungen.

Ausgangspunkt vieler Auseinandersetzungen waren bekannte Treffpunkte der Kommunisten, so der Tanzpalast Eden in der Kaiser-Friedrich-Straße 24 und die Ahlert-Festsäle in der Berliner Straße 88, vor allem aber die sogenannten Verkehrslokale in den Wohnstraßen, wie in der Wallstraße die Lokale "Werner" und "Zum Hirsch" (Nr. 90), das KPD-Lokal in der Nehringstraße 5 und die Kneipe "Tante Martha" in der Danckelmannstraße … Die Kneipen waren gleichzeitig Stützpunkte der Häuserschutzstaffeln, Informationsquelle für die Bewohner der Umgebung und Versammlungsort für Parteiveranstaltungen. Oskar Hippe, der wegen seiner antistalinistischen Haltung aus der KPD ausgeschlossen wurde, berichtet von seinen Besuchen und Gesprächen im Lokal "Werner", in dem nicht nur KPD-treue Anhänger verkehrten. Auch Ernst Thälmann, der Vorsitzende der KPD, der zeitweilig bei der Familie Kluczynski im Charlottenburger Kiez wohnte, war gelegentlich dort anzutreffen. Die Wallstraße und ihre Verkehrslokale stellten in den Augen der SA eine besondere Herausforderung dar. Mehrfach marschierte sie durch die Wall- und ihre Nebenstraßen beziehungsweise versuchte sie das Lokal "Werner" zu stürmen. Ihre 'Geschichtsschreibung' weiß wahre Heldentaten von den Kämpfen mit den "fiesen Kaschemmengestalten" und "berufsmäßigen Schlägernaturen" der Wallstraße zu erzählen.

Wie sehr die Auseinandersetzungen den Alltag bestimmten, zeigte sich in den Spielen der Kinder. Ein Kiezbewohner erinnert sich, daß er mit den Kindern der Wallstraße "Nazis ärgern" spielte: Sie fuhren mit roten Wimpeln am Roller vor das von Nationalsozialisten besuchte Lokal in der Weimarer Straße und lockten diese in die Wallstraße. Den Leuten im KPD-Lokal riefen sie zu: "Die wollen uns was tun!" (Zit. nach; E. Schindele, Mieter stören …, S. 17.)

 

"… Ecke Krumme Suaße/Wallstraße stand 1932 ein Eiswagen. Zwei, drei SA-Leute sind in unsere Straße gekommen und, das seh ich noch heute, da hat der eine von dem Eiswagen so einen vernickelten Deckel auf den Kopf gekriegt, da ist der Deckel geplatzt) den konnte man wegschmeißen. Also, ich will damit sagen, es durfte sich kein Brauner in die Wallstraße trauen, aber es durfte sich auch kein Roter in die Hebbelstraße trauen, das gabs nicht."

(Ein Kiezbewohner, zit. nach: E. Schindele, Mieter stören …, S. 17.)


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Abb. 147 SA-Sturmlokal in der Hebbelstraße 20

 

 

Abb. 148 Hans Maikowsky

 

Die Nationalsozialisten versuchten ihrerseits, sich Lokale im Kiez zu erobern. Im September 1930 hatte der Sturm 33 Einzug im Lokal "Zur Altstadt" in der Hebbelstraße 20 gehalten. Im März 1928 erst 20 Mann stark, zählte er Anfang 1931 bereits 300 und wurde in drei Stürme geteilt. Der unter der Nummer 33 verbleibende Teil wurde seit Februar 1931 von Hans Maikowsky geführt. Er löste seinen Vorgänger Fritz Hahn ab, der in mehrere Mordfälle verwickelt, das Weite gesucht hatte. Mit besonderem Stolz trug man die von Goebbels "geweihte" Fahne und ein von ihm "gestiftetes" Band mit der Inschrift: "Treu lebend, Tod - trotzend kämpfen, lachend sterben!" Der Sturm 33 galt bald nicht nur in den Augen seiner kommunistischen Widersacher als besonders brutal. Auf sein Konto gingen zahlreiche Morde an Charlottenburger Antifaschisten. In der "Köpenicker Blutwoche" im Juni 1933 rief die dortige SA Teile dieses Sturms zu Hilfe, als sie zu einem umfassenden Schlag gegen Kommunisten ausholte.

Am 23. November 1930 verübten 15 Mitglieder des Sturms 33 einen bewaffneten Überfall auf Mitglieder eines Arbeiterklubs, der im Eden-Palast einen Tanzabend veranstaltete. Vier Menschen wurden schwer verletzt. Am 28. Januar 1931 wurde der Kommunist Max Schirmer vor


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Abb. 149

 

dem Lokal "Zur Altstadt" erstochen. In der Nacht zum 1. Februar 1931 erlag Otto Grüneberg, der Führer der Charlottenburger Roten Jungfront, an der Ecke Hebbel-/Schloßstraße einer Schußverletzung. Nach Angaben von Petersen gaben ihm 60.000 Berliner Arbeiter das Grabgeleit. In derselben Nacht waren in der Hebbelstraße der Arbeiter Fritz Liere aus der Knobelsdorffstraße durch eine Kugel und Erich Riemenschneider aus der Danckelmannstraße durch Messerstiche verletzt worden. Von seiten der Kommunisten wurde der Sturm nun Mördersturm genannt.

Am 9. Dezember 1931 marschierten SA-Männer vom Sturm 33 wieder einmal mit "zackigen Liedern" durch die Potsdamer- und N ehrings traße. Die Demonstration nazistischer Macht endete vor den "Ahlerts-Festsälen" mit

 

November 1929: "Maiko geht von da mit seinen Lützowern die Berliner Straße hoch. Alle sind froh, daß es nun bald in die Klappe gehen soll. Unterwegs erzählt man sich die letzten Erlebnisse. Da ertönt plötzlich von der Wallstraße her ein langgezogener Pfiff. 'Verflucht noch mal! Kommune!' Noch ein Pfiff durchschneidet die Stille der mitternächtlichen Großstadtstraße, und schon prellen fiese Kaschemmengestalten und berufsmäßige Schlagernaturen im Sturmschritt auf die Berliner Straße. Mehr noch und mehr brechen hervor. Es mögen schon an die Hundert sein, die mit Stöcken und allen möglichen anderen harten Gegenständen bewaffnet sind. Auf der SA-Seite sind nur 10 Mann um einen Fahnenschaft geschart. In diesem gefährlichen Augenblick, als die Kommune näher und näher kommt, als ein Zusammensroß mit blutigsten Folgen unvermeidlich scheint, zeigt Maiko, was er ist und kann: 'Dicht aufschließen!' ruft er. Die 10 Mann rücken zusammen..Tritt fassen! Links, zwei, drei, vier, links …, Zehn Paar Stiefel stampfen im Gleichschritt über den Asphalt. 'Singen!' Und schon hallt ein Lied, erst leise, dann laut, kräftig und taktfest über die Straße. Und siehe da, die Kommune bleibt stehen, ja, sie gebt zurück! Hunden ungebändigce menschliche Raubtiere weichen vor einem gut disziplinierten Trupp von 10 Mann zurück." (Sturm 33 …, S. 26.)


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Abb. 150 Gedenktafel in der Schloßstraße 22

 

 

Abb. 151 Sturm 33 im August 1932

 

dem Tod eines kommunistischen Arbeiters. Die "Kommune", so der Sturm 33, sei in "blutiger Mordgier" über die SA-Männer hergefallen. Maikowsky habe in "höchster Notwehr" Schüsse abgefeuert. Als SA-Männer daraufhin verhaftet wurden, gab Maikowsky über einen Rechtsanwalt eine eidesstattliche Erklärung ab, daß er der Täter sei, und floh. Vier Mitglieder des Sturms wurden im Mai 1932 zu je einem Monat Gefängnis wegen Teilnahme an einem unangemeldeten politischen Umzug, ein weiteres zu fünf Monaten Gefängnis wegen unerlaubten Waffenbesitzes verurteilt. Im Oktober nahm die Polizei Maikowsky in Charlottenburg fest. Er wurde jedoch bereits im Dezember im Rahmen der Weihnachtsamnestie der Regierung Kurt von Schleicher freigelassen.


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Abb. 152 KPD-Demonstration/Wallstraße gegen Klassenjustiz. 1932

 

Nach nationalsozialistischer Darstellung wurde der SA-Sanitätsmann Herbert Gatschke vom Sturm 33 am 29. August 1932 nach einem Sturmappell in den Hohenzollern-Festsälen in der Berliner Straße 105, einer oft von der SA besuchten Lokalität, von Kommunisten in der Röntgenstraße durch einen Lungenschuß tödlich verletzt. Man stellte an der Mordstelle eine Gedenktafel auf. Maikowsky verfaßte einen Aufruf, der einer Aufforderung zum Mord an politischen Gegnern gleichkam. Im Prozeß gegen die Mitglieder der Häuserschutzstaffel der Röntgenstraße stellte sich heraus, daß der Sturm 33 mit der Schießerei begonnen hatte. Die Angeklagten wurden freigesprochen, dem Verdacht, daß Gatschke versehentlich von den eigenen Leuten erschossen worden sei, wurde nicht nachgegangen. Die Rosinenstraße erhielt später den Namen Gatschkestraße.

Am 30. Januar 1933 fand jenes Ereignis statt, das die Wallstraße und den Widerstand ihrer Bewohner weit über die Grenzen Deutschlands bekannt machte. Der Schriftsteller Jan Petersen, der neun Jahre in der Wallstraße gelebt hatte, faßte die Vorgänge jener Tage und der folgenden Monate in einem Tatsachenroman zusammen. 1934 schmuggelte er das Manuskript, eingebacken in zwei


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Abb. 153

 

Kuchen, durch seinen Freund Walter Stolle in die Tschechoslowakei. Das Buch wurde dort gedruckt und erschien 1935. Es fand im Ausland und nach 1945 auch in Deutschland ein breites und positives Echo.

Am Abend des 30. Januar 1933 hatte die SA anläßlich der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler einen stundenlangen Fackelzug veranstaltet. Auf dem Rückmarsch zu seinem Sturmlokal. machte der Sturm 33 (und wahrscheinlich Teile weiterer Stürme) einen 'Umweg' durch die ihm besonders verhaßte Wallstraße. Den Bewohnern sollte gezeigt werden, wer künftig in der Wallstraße den Ton angeben würde. Oskar Hippe beschreibt die Situation im Lokal Werner bis zur Ankunft des Sturms in der Straße: "Am Abend kam über Radio die Meldung: Hitler vom Reichspräsidenten Hindenburg die Reichskanzlerschaft übertragen. Im Lokal war alles in äußerster Aufregung, die Arbeiter aus der Wallstraße und Umgebung - […] - kamen und gingen, jeder wollte Auskunft: Was wird nun? Wir vertraten den Standpunkt, die Funktionäre und bekannten Mitglieder der Partei sollten vorerst ihren Wohnungen fernbleiben, denn man mußte damit rechnen, daß nun umfassende Verhaftungen folgen würden. Das Lokal war übervoll, auf der Straße standen Hunderte von


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Genossen und Sympathisierenden. In diese Menge platzte die Meldung: SA- und SS-Kolonnen, die vor der Reichskanzlei Hitler gehuldigt hatten, seien auf dem Rückmarsch in ihre Bezirke. Nach kurzer Zeit schon hörte man die marschierenden Kolonnen, mit dem Horst-Wessel-Lied und den Rufen 'Tod der Kommune' kamen sie näher. Vom 'Knie' (heute: Ernst-Reuter-Platz) aus kam ein Zug die Berliner Straße herauf, unter ihnen der Sturm 33. Er bog in die Wallstraße ein, und, wie er das schon verschiedentlich versucht hatte, wollte er auch diesmal einen Angriff auf das Lokal Werner durchführen." In den folgenden Auseinandersetzungen kam es zu einer Straßenschlacht und zu einer Schießerei, die mit dem Tod des den Sturm begleitenden Schutzpolizisten Josef Zauritz und des Sturmführers Maikowsky endete. Die Vorgänge sind im einzelnen nicht mehr genau rekonstruierbar. Die Nationalsozialisten behaupteten, die Kommunisten hätten einen "Kugelregen" entfacht. Die Kommunisten bestritten energisch, auch nur einen einzigen Schuß abgegeben zu haben, und gaben an, daß Zauritz und Maikowsky von eigenen Leuten erschossen worden seien. Zeugenaussagen vor der Gestapo bestätigten später diesen Tathergang. Die Akten hierüber wurden aller Wahrscheinlichkeit nach vernichtet. Ob Zauritz einer verirrten Kugel zum Opfer fiel oder aber absichtlich ermordet wurde, weil er beschwichtigend auf die SA einwirken wollte und als Zeuge mundtot gemacht werden sollte, läßt sich nicht mehr klären.

Bei den Schüssen auf Maikowsky handelte es sich mit ziemlicher Sicherheit um einen gezielten Mord, durch den ein mit der SS in Differenzen stehender und für die sich etablierende Partei unbequemer Verfechter der "sozialen" Komponente des Parteiprogramms bei günstiger Gelegenheit aus dem Wege geräumt werden sollte. Gleichzeitig war Maikowsky aufgrund seines unberechenbaren und brutalen Auftretens auch in den eigenen Reihen nicht unumstritten. Ähnliche Fälle hat es mehrfach gegeben.

Teile der SA vertraten stärker als andere Parteigliederungen verschwommene Sozialismusvorstellungen, die sie auch in die Tat umzusetzen gedachten. Ihre Anhänger agitierten in scharfer Form gegen Kapitalismus, "Reaktion" und "Bonzentum" und versuchten, hierdurch bei den Arbeitern, die in Partei und NS-Wählerschaft unterrepräsentiert waren, Fuß zu fassen, was ihnen teilweise auch gelang. Die Forderungen der SA sowie ihr Aktionismus stießen auf den Widerstand von Reichswehr, Industrie, SS und Parteispitze. Die blutige Liquidierung der SA-Führung im Juni 1934 setzte den Schlußpunkt unter

 

"Der Richter: Vergegenwärtigen Sie sich noch einmal den Sachverhalt, Kienau! Im Lokal waren Kommunisten. Stimmt das?

Der Zeuge: Ja. Und die Nazis wollten sie herausholen. Der Schupomann schützte den Eingang mit ausgebreiteten Armen. Ehre seinem Andenken! Er ist ein Opfer der Nazis, obwohl die ihn nachher im Dom aufgebahrt haben, als wäre er von den Kommunisten erschossen. Das ist so ihre Art. […]

Der Richter ist aschfahl geworden:

Ich ermahne Sie dringend, Zeuge, bei der Sache zu bleiben. Erschossen ist nicht nur der Schupomann, sondern ebensogut auch der S. A.Führer Maikowsky. Dieser Schuß kann doch bestimmt nicht auf der Straße gefallen sein. Der ist aus dem Lokal gekommen.

Der Zeuge; Tut mir leid, Herr Richter. Die Kommunisten waren durch den hinteren Ausgang geflüchtet. Dann ist Maikowsky von seinen S.A. von rückwärts erschossen worden. Er war verhaßt.

Der Assessor, schlägt auf den Tisch, schreit: Nun aber Schluß!

Draußen verstärktes Absingen des Horst-Wessel-Liedes.

Der Richter, vorgebeugt, um sich verständlich zu machen: Wollen Sie behaupten, Zeuge, daß Sie auch das gesehen haben? Dann wird es für Sie selbst das beste sein, wenn ich Sie auf Ihren Geisteszustand untersuchen lasse.

Der Zeuge: Laden Sie lieber den Sturmführer Hahn vor, der rote Hahn genannt. Der wagt sich nicht unbewaffnet zu seinen Leuten und läßt sie immer alle vorgehn. Der ist der nächste."

(Aus: Der Zeuge von Heinrich Mann, geschrieben 1933, in: Heinrich Mann, Der Haß. Deutsche Zeitgeschichte, Berlin-Weimar 1983, S. 180f.)


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Abb. 154 Rosinenstraße mit Blick auf das Volkshaus

 

die langjährigen Auseinandersetzungen innerhalb der Partei und vollendete die Entmachtung der Vertreter dieses klein bürgerlich-antikapitalistischen Potentials.

Unmittelbar nach der "Ermordung" Maikowskys und Zauritz' wurden in der Wallstraße Razzien durchgeführt, die sich in der Folgezeit oft wiederholten. Hauswände wurden abgeleuchtet, Dächer nach Schützen abgesucht, zahlreiche Personen verhaftet. Hierbei trat nicht nur die reguläre Polizei in Aktion, die SA 'half mit'. Die Verkehrslokale wurden geschlossen oder von der SA besetzt. Am 2. Februar sperrte man die Wallstraße großräumig ab. Ein massives Polizeiaufgebot schützte eine Trauerfeier des Sturms 33 an der Stelle, wo Maikowsky getötet worden war.

Nicht alle Verhafteten hatten das 'Glück', von den offiziellen Strafverfolgungsorganen in Gewahrsam gehalten zu werden. Der Sturm 33 hatte das Charlottenburger Volkshaus in der Rosinenstraße 4 besetzt. Das Haus, das bis dahin unter anderem einen von der SPD geführten Konsum- und einen Jugendverein beherbergte, wurde nun zu einer SA-Kaserne, in der Gefangene in den Kellern gefoltert wurden. Aus dem Volkshaus wurde das "Maikowsky-Haus".


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Abb. 155 Hitler am Grab Maikowskys

 

Im Oktober 1933 begann der Prozeß gegen die angeblichen Mörder Maikowskys. Das öffentliche Interesse hieran war von dem zur selben Zeit stattfindenden Reichstagsbrandprozeß überschattet. Petersen berichtet, daß Zeugen, die zugunsten der Angeklagten aussagten, wegen des Verdachts der Mittäterschaft im Gerichtssaal verhaftet wurden. 53 Angeklagte wurden zu 39 Jahren Zuchthaus und 95 Jahren Gefängnis verurteilt.

Während die einen verfolgt, inhaftiert, gefoltert, die Bewohner der Wallstraße von SA und Gestapo bespitzelt und terrorisiert wurden, kamen Zauritz und Maikowsky zu hohen Ehren. Maikowsky avancierte ähnlich wie Horst Wessel zum Märtyrer und Nationalhelden. Am 5. Februar 1933 wurden die Leichen von Maikowsky und Zauritz im Berliner Dom aufgebahrt, eine Ehre, die zuletzt Kaiser Wilhelm zuteil geworden war. Hitler erschien persönlich, der ehemalige Kronprinz legte in Generalsuniform einen


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Kranz nieder. Regierungsvertreter, Zehntausende von SA-Männern, Stahlhelmangehörigen und Polizisten nahmen an der Trauerfeier teil. Hunderttausende standen Spalier, als sich der Trauerzug zum Invalidenfriedhof bewegte und Maikowsky "wie ein König" zu Grabe getragen wurde. Goebbels hielt die Grabrede, Baldur von Schirach verfaßte ein Gedicht auf den Toten. Goebbels 'weihte' auf dem Tempelhofer Feld Fahnen der Partei durch "berühren mit der Blutfahne Maikowskys". Das Bezirksamt Charlottenburg hängte sein Ölbildnis im Foyer des Rathauses auf.

Der pompöse Akt, der den Schutzpolizisten miteinbezog, war ein taktisch geschickter Schachzug, um die bisher befehdete Polizei auf die Seite der SA zu ziehen. Gleichzeitig paßte das Schauspiel gut in das Wahlkampfkonzept für die im März angesetzten Neuwahlen.

Am 20. August wurde an der Mordstelle in der Wallstraße 52 eine Gedenktafel für Maikowsky eingeweiht. Petersen berichtet, daß tags zuvor SA-Leute den Mietern der Vorderhäuser Fahnen zum Aushang angeboten hatten. Wenn sie mit der Begründung, sie hätten dafür nicht das nötige Geld, den Kauf ablehnten, erhielten sie die Fahne gratis. Am Morgen vor der Gedenkfeier waren die Straßenschilder ausgetauscht worden. Die Wallstraße hieß fortan Maikowskistraße. Eine Straße in Teltow, die Berliner SA-Standarte I sowie eine Abteilung des Reichsarbeitsdienstes wurden nach Maikowsky benannt. Den "undeutschen" Buchstaben "y" ersetzte man hierbei durch "i". Die Familie wünschte daraufhin die Korrektur der Schreibweise. Nachdem der Sturmführer des Sturmbanns I/1 mit dem Vater des Toten "Rücksprache" gehalten hatte, beantragte dieser nicht die Abänderung der Straßennamen, sondern die des Familiennamens. Die kleine Straße am Knick der Wallstraße erhielt den Namen Zauritzweg.

Am 30. Januar 1934 gedachte die Standarte I der SA der 'Helden' vom Vorjahr. Schulklassen legten Kränze nieder, Röhm hielt in der Wallstraße eine Gedenkrede. Diese Gedenkrede wird in der späteren nationalsozialistischen Literatur verschwiegen. Eine spektakuläre Widmung erhielt Maikowsky, als am 30. Januar 1937 an der Ecke Richard-Wagner-Straße die sogenannte Hans-Eberhard-Maikowski-Brunnen-Anlage mit einem Bronzerelief des Toten als "würdige Gedenkstätte" eingeweiht wurde. Partei- und städtische Prominenz waren anwesend.

In der Wallstraße hatte sich seit dem 30. Januar 1933 vieles verändert. In immer mehr Fenstern an der Straßenfront waren Hakenkreuzfahnen zu sehen, einzelne

 

"Auch Tote stehn in unsern Reihn:

Den ihr uns gestern erschlagen, Den haben wir nicht zu Grabe getragen, Nein!

Den ihr gestern in feiger Nacht

Auf dunkler Straße umgebracht, Ist, als das Dämmern des Tages begann, Aufgewacht!

Des Toten Gesicht

Tragen heut hunderttausend Mann! Und sind Gericht … "

(Baldur von Schirach.) (Zit. nach: Sturm 33 …, S. 71.)

 

"Hier fiel am 30.1.1933, dem Tage der nationalen Erhebung, der Führer des Sturms 33, Hans Eberhard Maikowski. Er fiel für Deutschland!" "In treuer Pflichterfüllung fiel hier am 30.1.1933 der Polizeioberwachtmeister Josef Zauritz, Pol.Rev. 131. Er starb im Glauben an den Wiederaufstieg seines Vaterlandes."

(Inschriften der Gedenktafeln.)


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Abb. 156 Gedenkfeier für Maikowsky. Redner: Ernst: Röhm

 

Anwohner traten in die SA oder andere Parteigliederungen ein. Das sonst vor allem an den Abenden rege Leben auf der Straße war erstorben. Durch ein dichtes Netz von Bespitzelungen, Überwachungen und Drohungen wurde der offene Widerstand gebrochen. Viele waren verhaftet, anderen gelang es, rechtzeitig zu fliehen. Einige versuchten mit Bewohnern anderer Straßen einen illegalen Widerstand aufzubauen. An verschiedenen Orten wurden Stadtteilzeitungen, Flugblätter und Klebezettel unter Lebensgefahr gedruckt, transportiert und verteilt. Auch Mitglieder der Sozialistischen Arbeiterjugend führten Flugblattaktionen durch. Sie verbreiteten die aus dem Exil des Parteivorstandes in Prag kommenden Flugblätter. Sozialdemokraten und Kommunisten knüpften Kontakte. Beide Seiten versuchten, aus den Folgen der 'Politik des Sozialfaschismus' der KPD und der von der SPD betriebenen "Kozi-Nazi"-Gleichsetzung zu lernen. Mit der Zeit wurde die Arbeit immer schwieriger, Kontakte flogen auf, Orte wurden enttarnt. In der Wallstraße wurde eine Gruppe, in der SPD und KPD zusammenarbeiteten, durch die Verhaftung von zwei KPD-Mitgliedern bereits im September 1933 entdeckt. Unentdeckt blieb dagegen eine Gruppe der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), die mehrere Male mittels eines Expanders vom Dach eines Hauses in der Kantstraße vor dem Ufa-Pa-

 

"In allen Wohnungen unserer Straße haben sie heute früh Zettel abgegeben: 'Dieses Haus steht unter der Kontrolle des Blockwartes Meyer, Haus Nr. 38. Stimmen Sie mit "Ja!" Geben Sie diesen Zettel an der Wahlurne mit ab. Sie ersparen sich damit, daß wir Sie im Laufe des Tages kontrollieren kommen." […] Praktisch ist es jetzt schon so weit, daß jedes Fenster an der Straßenfront unter der Kontrolle der SA steht. Besonders bei uns. Heute früh ist die SA in die schwach beflaggten Häuser gekommen und hat sich drohend erkundigt, ob die Vorderhausmieter ohne Fahnen Juden seien."

(J. Petersen, Unsere Straße …, S. 207f.)


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Abb. 157 Richard Hüttig

 

 

Abb. 158 Gedenktafel am Haus Seelingstraße 21

 

last (heute: Zoo-Palast) Flugblätter vom "Himmel regnen" ließ. Mitglieder der SAP hatten bereits Ende 1932 mit dem Aufbau kleiner Widerstandszirkel, getarnt als Skatabende, Geburtstagsfeiern und Sport- oder Gesangsvereine, begonnen. Sozialisten, Kommunisten, bündische und religiös motivierte Gegner des Nationalsozialismus versuchten, in anderen Organisationen, wie den

Märkischen Wanderern, dem Guttemplerorden (in der Krummen Straße) oder in Volkstanzgruppen, Unterschlupf zu finden.

Eine wahrscheinlich letzte offene Auflehnung gab es im Juni 1934, als der Leichnam Richard Hüttigs durch die Potsdamer Straße gefahren wurde. Die Nachricht von dem bevorstehenden Ereignis hatte sich im Viertel herumgesprochen, Bewohner der Wall- und anderer Arbeiterstraßen trafen sich in der Straße, in der Hüttig gewohnt hatte. Die Behörden erfüllten damit eine letzte Bitte Hüttigs, der am 16. Februar 1934 zum Tode verurteilt und am 14. Juni im Strafgefängnis Plötzensee hingerichtet worden war. Weitere 17 Angeklagte waren zu 94 Jahren Zuchthaus und zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt

worden. Sie wurden beschuldigt, für den Tod des SS-Scharführers Kurt von der Ahé verantwortlich zu sein, der am 17. Februar 1933 an der Ecke Wilmersdorfer/Schillerstraße angeschossen worden und zwei Tage später seinen Verletzungen erlegen war. Ähnlich wie im Falle Maikowsky gaben Augenzeugen an, Ahe sei durch Schüsse der eigenen Leute getroffen worden. In diesem Sinne äußerte sich auch der Gefängnispfarrer Poelchau in den Berichten über seine Tätigkeit im Gefängnis Plötzen-

 

Der Totenwagen. Zwei SA-Leute führen die Pferde am Zügel. Auf den Bürgersteigen erstarrt jede Bewegung. Alle Köpfe drehen sich zum Fahrdamm. In dichten Reihen stehen die Menschen an den Rinnsteinen. Aus den Haustüren kommen sie, stellen sich dazu. Plötzlich fliegen die Fenster an den Häuserfronten auf, als hätte ein Klingelsignal alle Mieter alarmiert.


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Abb. 159 1986

 

see. Das Gericht stellte ausdrücklich fest, daß es nicht zu der Überzeugung gelangt sei, daß Hüttig den tödlichen Schuß abgegeben habe. Der Staatsanwalt führte unter anderem aus, aufgrund der Erfahrung bei ähnlichen Verhandlungen habe sich das Gericht nicht "allzu ängstlich an das Ergebnis der Beweisaufnahme" zu halten brauchen. Wie bei anderen "Märtyrern der Bewegung" hielt man den Namen von der Ahes als Straßennamen fest. Ein Teil der Krumme Straße (heute: Warburgzeile) wurde in Ahestraße umbenannt.

Unter Berufung auf einen hohen Justizbeamten schildert Petersen die von Hüttig im Prozeß gemachten Aussagen über Folterungen mit Todesfolge an Mitangeklagten im Columbia-Haus, um belastende Aussagen gegen den Hauptangeklagten zu erpressen. Heute erinnert eine kleine Gedenktafel am Haus in der Seelingstraße 21 an Richard Hüttig. Der am Gefängnis und der Gedenkstätte Plötzensee vorbeiführende Weg trägt den Namen Hüt-

 

Vorn links nehmen sie die Hüte, die Mützen von den Köpfen. Die Bewegung läuft durch die Menge. Stille. Atemlose Stille. Hell klappen die Pferdehufe. Der Totenwagen - die Uniformen kommen langsam näher

 […]

 

Da fliegt ein roter Blumenstrauß durch die Luft, prallt gegen den Totenwagen, fällt auf den Asphalt. […] 'Du bist für uns gestorben, Genosse Hüttig! Wir werden dich rächen!' ruft eine Frau mit gellender Stimme aus einem Fenster. Auf einmal sind wir alle nicht mehr einzeln hier. Auf einmal sind wir alle ein Körper, ein Mund. Hunderrstimmig schreit es in der engen Straße: 'Rache! Rache! Rot Front!'

Die SA-Leute reißen am Zaumzeug der Pferde. Der Totenwagen hält mit einem Ruck, steht plötzlich allein auf dem Fahrdamm. Die Uniformierten laufen auf die Bürgersteige zu. Sie schlagen zwischen die Menschen, reißen Menschen zu Boden." (Petersen, Unsere Straße …, S. 312.)


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tigpfad. Kurz nach dem Krieg wurde die Maikowskystraße in Zillestraße umbenannt. Die Magistratsbeamten hatten angenommen, Heinrich Zille habe dort gewohnt. Zille, der dem Charlottenburger Kiez zeit seines Lebens verbunden war, hatte jedoch seit 1893 in der Sophie-Charlotten-Straße 88 gelebt.

Geht man heute durch die Zillestraße, erinnert nichts mehr an den Widerstand ihrer Bewohner Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre - bis auf das Straßenschild: Zauritzweg. Nur noch wenige alte Häuser sind erhalten geblieben, Neubauten und häßliche Baulücken bestimmen das Straßenbild. Die Zillestraße ist Bestandteil eines Sanierungskonzeptes ebenso wie der "Kleine Wedding" rund um den Klausenerplatz. Dort versuchen Mieterinitiativen Einfluß auf die Gestaltung ihres Stadtteils auszuüben, damit sie nicht "wegsaniert" werden.

 

Literaturhinweis

Michael Erbe, Von der Kleinstadt zur Großstadt. Zur Bevölkerungs- und Sozialgeschichte Charlottenburgs zwischen 1880 und 1920, in: Von der Residenz zur City. 275 Jahre Charlottenburg, hrsg. von Wolfgang Ribbe, 2. Aufl., Berlin 1980. Oskar Hippe, … und unsere Fahn' ist rot. Erinnerungen an sechzig Jahre in der Arbeiterbewegung, Hamburg 1979. Hsi-Huey Liang, Die Berliner Polizei in der Weimarer Republik (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 47), Berlin-New York 1977. Jan Petersen, Unsere Straße, München 1978 (Neudruck). Eva Schindele, Mieter stören. Alltag und Widerstand in einem Berliner Sanierungsgebiet, Berlin 1980. Ferdinand Schultz, Chronik der Residenzstadt Charlottenburg. Ein Stadt- und Kulturbild, Charlottenburg 1887. Spurensicherung des Widerstands und Alltags im Faschismus in Charlottenburg, in: "Wer sich nicht erinnern will … ". Kiezgeschichte Berlin 1933, hrsg. von der Arbeitsgruppe "Kiezgeschichte - Berlin 33' (im Rahmen des Projekts des Berliner Kulturrats "Zerstörung der Demokratie - Machtübernahme und Widerstand", West-Berlin 1983. Sturm 33. Hans Maikowski, geschrieben von Kameraden des Toten, Berlin-Schöneberg 1942. Zwanzig Pläne von Charlottenburg, Bevölkerungs- und Wohnungs-Verhältnisse der Stadt graphisch darstellend (= Charlottenburger Statistik. Ergänzungsheft 2), hrsg. vom Statistischen Amt der Stadt, Charlottenburg 1903.


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Marie-Luise Kreuter: Aron Elektricitätszähler-Fabrik G.m.b.H. / Heliowatt Werke Elektrizitätsgesellschaft m.b.H. / Wilmersdorfer Straße 39

 

 

Abb. 160 Blick auf den Gebäudekomplex von der Wilmersdorfer Straße aus, 1937

 

Baugeschichte

1899 ließ der Grundstückseigentümer August Beringer das fünfgeschossige Fabrikgebäude in der Wilmersdorfer Straße/Ecke Bismarckstraße durch den Architekten Th. Reimann jr. errichten. Im Juli wurde mit dem Abriß der alten Baulichkeiten und den Ausschachtungsarbeiten begonnen. Von dem in Anlehnung an den Renaissancestil erbauten Verwaltungsgebäude in der Wilmersdorfer Straße führten zwei Durchfahrten zu einem Gewerbehof mit drei unregelmäßig angelegten Innenhöfen.

1900: Die Aron Werke wurden aus der Königin-Augusta-Straße 44 (heute: Reichpietschufer) in das Gebäude verlegt.

Weitere Firmen zogen als Mieter ein: Progress Motoren und Apparatebau GmbH, Gilowy & Schultze (Holzbearbeitungsfabrik), Ariadne GmbH-Fabrik isolierter Drähte, Elektrische Blockstationen-Gesellschaft mbH, Munitionsbedarf "Ares" GmbH.

1903 bis 1910: Es fanden verschiedene Ergänzungs- und Einbauten statt: Erhöhung der Dampfkesselschornsteine; Lackieröfen, Sauggasanlage, elektrischer Personenaufzug, Gasdynamos, Trockenöfen und anderes mehr.

In den Jahren 1905 bis 1906 wurde der Baukomplex durch ein fünfgeschossiges Wohn- und Geschäftshaus an der Bismarckstraße 79/80 ergänzt. Den Entwurf lieferte der Architekt Otto March.

1911: Der Gewerbeinspektor monierte zum wiederholten Male auf den Höfen gestapelte Papier- und Holzabfälle sowie Kisten; bei einem Feuerwehr-Einsatz anläßlich der Explosion eines Ballons Salpetersäure waren die Löscharbeiten hierdurch stark beeinträchtigt worden.

1916/17: Zwecks Lagerung von Sprengstoffen für die Herstellung von Zündern durch die "Ares" GmbH wurden Lagerschuppen errichtet. Die Gefährdung, die für die Nachbarn und Beschäftigten entstand, mußte mit Rücksicht auf den Munitionsbedarf in Kauf genommen werden.

1918 ging das Grundstück in den Besitz der Aron Werke über.

1920: Verschiedene Um- und Einbauten, darunter: Lagerrampe, Spritzlackiererei und Metallentfettungsanlage für die Firma Aron.

1921 erfolgte die Neugestaltung der Fassade des Verwaltungsgebäudes an der Wilmersdorfer Straße (Architekt: Otto Rüger). Die historisierende Ornamentik der Obergeschosse wurde zugunsten einer sachlichen Putzfassade verändert.


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Abb. 161 Das zerstörte Verwaltungsgebäude in der Wilmersdorfer Straße, 1945

 

1928 begann der Ausbau des Dachgeschosses, für ein Laboratorium und ein Prüffeld zur Fabrikation von Radio-Apparaten (Planung: Regierungsbaumeister Sokolowski, Bauingenieur-Büro Heinrich Becker).

1930 bis 1945: Verschiedene Um- und Einbauten: Vergrößerung der Türöffnungen, schaildich te Räume, Spri tzlackiererei, Einketten-Transporteure, Sanitätsraum, Luftschutzkeller (1936). Auf den Höfen wurden provisorische Nebenanlagen errichtet. 1937 /38 erfolgte unter Aufsicht des Architekten M. Wehlus die Erneuerung der Toilettenanlagen zur "Wahrung des Begriffs .Schönheit der Arbeite". Seit 1933 führte die Firma den Namen Heliowatt-Werke.

1945 bis 1954: Als Folge von Straßenkämpfen brannten die Gebäude in den letzten Kriegstagen bis auf die Grundmauern aus. In den ersten Nachkriegsjahren begann man mit den notwendigsten

grundlegenden Reparaturen und dem Wiederaufbau von Gebäuden und Anlagen (Bauberatung und -leitung: Architekt Erich Reiss).

1955 erwarb Siemens die Heliowatt Werke. 1956 bis 1959 erfolgte der Neubau des Verwaltungsgebäudes an der Wilmersdorfer Straße durch den Architekten Siegfried Fehr. Beton-, Stahlbeton- und Mauerwerksarbeiten für Decken, Wände, Treppen führte die Siemens Bauunion durch. Die Felder der Fensterbrüstungen wurden mit roten Klinkern verblendet und durch vertikale Betonbänder zusammengefaßt. Die noch verbliebenen Kriegsschäden an Fabrikflügeln und Höfen wurden beseitigt und die Gebäude neu verputzt.

1960: Seit den sechziger Jahren wurden Gebäude und Produktionseinrichtungen grundlegend modernisiert und verschiedene Labors und Konstruktionsbüros eingerichtet. Unter anderem er-


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Abb. 162 Front des Verwaltungsgebäudes 1986

 

 

Abb. 163 Hermann Aron (1845 bis 1912)

 

folgten: Neubau einer Transforrnarorenstation, Einbau moderner Aufzüge und Abwurfschächte, Maßnahmen des Umweltschutzes durch Einbau von Schallschutzfenstern und Schallschluckdecken in der Triebeisenfertigung, Er-

wei terung der Entwässerungsanlagen und Anschluß der neu errichteten Standneutralisations- und Filteranlage an die bereits vorhandenen Entwässerungsanlagen, Aufbau des abgebrannten Dachgeschosses.

 

Ereignisgeschichte

Als man im Jahre 1900 mit der Herstellung von Elektrizitätszählern in der neuen Fabrik in der Wilmersdorfer Straße begann, waren die Aron Elektrizitätswerke bereits ein bekanntes Unternehmen mit Fabriken in Paris, London, Wien und in Schweidnitz/Schlesien. Der Physiklehrer an der Vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule und Privatdozent an der Universität in Berlin Hermann Aron hatte im Oktober 1883 in der Königin-AugustaStraße 44 zur Herstellung des von ihm konstruierten Pendel-Elektrizitätszählers eine Versuchswerkstatt eingerichtet, aus der die erste deutsche Elektrizitatszählerfabrik entstand.


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Abb. 164 Pendelzähler